Debatte: „Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“

Debatte: „Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“

, aktualisiert 17. Dezember 2011, 11:54 Uhr
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Die "Occupy"-Proteste haben in den Medien eine neue Kapitalismusdebatte entfacht.

von Hannes VogelQuelle:Handelsblatt Online

In den Medien tobt eine neue Kapitalismusdebatte. Wer hat Schuld am Euro-Desaster - Zockerbanken oder Schuldenpolitiker? Die Handelsblatt-Leser äußern in ihren Kommentaren zuweilen weisere Ansichten als manche Experten.

DüsseldorfDa ist es wieder, das Wort das unsere Kultur bestimmt: die Schuld. In einer Zeit in der Banken wieder zu kippen drohen, der Euro auf den Abgrund zusteuert und Millionen Anleger fürchten, ihre Ersparnisse zu verlieren sehnen sich die Menschen nach einer Erklärung für das Chaos, das ihre Existenz bedroht. Und nach jemandem, den sie für das Euro-Desaster verantwortlich machen können.

In den Medien läuft deswegen seit Wochen die Suche nach dem Schuldigen. Je heftiger die Proteste gegen die Banken werden, desto schneller landen die Zeitungen bei Grundsätzlichem: beim System. Und bei der Wirtschaftsordnung, die das System trägt, beim Kapitalismus. Alles begann, als der erzkonservative britische Publizist Charles Moore sich im Daily Telegraph selbstkritisch eingestand: „Ich beginne zu glauben, dass die Linken doch recht hatten“.

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Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hat den Gedanken aufgegriffen, sieht „in einem Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik“ und geht sogar noch einen Schritt weiter: Der Finanzmarktkapitalismus bedroht laut Schirrmacher die Demokratie. Wenn, wie in Griechenland, Ex-Regierungschef Papandreou erst ein Referendum über die Euro-Schicksalsfrage seines Landes ansetzt und es dann unter dem Druck der Finanzmärkte und der Euro-Retter Merkel und Sarkozy wieder abbläst, dann wird Demokratie zum Ramsch.

Auch Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart hat sich in die Debatte eingeschaltet - und nimmt unsere Wirtschaftsordnung in Schutz: Die Marktwirtschaft werde dämonisiert. Nicht die Märkte, nicht der Kapitalismus seien Schuld an der Krise: „Die Marktwirtschaft ist nicht Täter, sondern Opfer einer unheiligen Allianz von Bankern und Schuldenpolitikern.“

Die Leser des Handelsblatts sind in der Systemfrage ebenso gespalten wie die Journalisten in den Medien. Viele teilen die Kritik an den Schuldenexzessen der „Gebe-Politiker“, die Steingart anprangert. „Die verlogene Politikerklasse sucht sich in den „Märkten“ und der „Spekulation“ Schuldige als Sündenböcke“, findet zum Beispiel „Profit“. „Wir haben eine Krise, weil sich einige Staaten hemmungslos überschuldet haben, weil Politiker für ihre Wohltaten gewählt werden wollten - und gewählt worden sind. Wenn sie jetzt sparen sollen, sind alle schuld - nur nicht sie selbst“, springt ihm „Brian100“ bei.

Doch nicht die Politiker allein tragen daran die Verantwortung. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch die Bürger keine Grenzen und kein Gefühl für Schulden mehr kennen. Man muss sich nur einmal die Anzahl der Privatinsolvenzen ansehen“, findet „Seppi38“. Politiker täten zudem nur das, was die Wähler von ihnen verlangen: „Wir sind der Urheber, nicht der Bankmitarbeiter oder der Politiker, der es uns gut gehen lassen will. Wir wollen möglichst alles: hohe Renditen für unser Geld, Risikoabsicherung, breites Sozialangebot. Wir sind die eigentlichen Täter - nicht arme Opfer!“, mahnt deshalb „Waplerhj002“.


„Machtverschiebung im System“

Zu der Wut auf die Politiker mischt sich bei vielen Lesern aber noch ein anderes dumpfes Gefühl: das der Ohnmacht der Demokratie gegenüber der Finanzindustrie. Und genau deshalb machen am Ende die meisten Leser doch nicht die Politiker, sondern die Banken für das Systemversagen verantwortlich: Weil sie das System jahrelang zu ihren Gunsten beeinflusst, vielleicht sogar unterwandert haben.

„Natürlich bin ich wütend auf die Banken, die sich auf Geschäfte eingelassen haben, die sich schon im Bereich des Kriminellen bewegten. Aber warum die Politik heute nicht in der Lage ist, diese vollkommen falschen Weichenstellungen zu korrigieren, werde ich nie verstehen. Sollte die Lobby der Finanzwirtschaft so mächtig sein, das zu verhindern, muss diese Macht gebrochen werden“, findet „Moika“.

Dass es zur falschen Politik kommen konnte, liegt für „Bernd“ daran, dass 'die Kapitalisten' den positiv besetzen Begriff Marktwirtschaft für sich vereinnahmen konnten - „aber das ist ein systemischer Fehler“. Die Finanzindustrie habe es erreicht, dass Wettbewerbsregeln für alle anderen, aber nicht mehr für sie selbst gelten. Das angeschlagene System brauche deshalb wieder neue Regeln, Regeln die für alle gelten. Denn: „Wo Fäuste ohne Regeln und ohne Schiedsrichter fliegen, da findet kein Boxkampf statt - sondern eine Schlägerei!“ Und die gewinnt bekanntlich meist der Stärkere, nicht der, der im Recht ist.

Die Kritik vieler Leser richtet sich also gar nicht gegen das System, sondern gegen die Machtverschiebung im System. „Die Kritik der Occupy-Bewegung richtet sich nicht gegen die Märkte, sondern gegen die Pervertierung der Marktwirtschaft durch kapitalistische Machtverschiebungen. Gegen den Abbau von Regulierungen. Gegen Intransparenz bei den Geschäften. Gegen Seilschaften aus Politik und Finanzwirtschaft“, kommentiert „Strichnid“. Die Finanzindustrie habe es sogar geschafft, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern: „Staaten und ihre Schulden sind nicht Hauptursache der Krise. Vor der Bankenkrise 2007 gingen die Schulden nahezu überall nach unten. Dann kam Lehman“.

Ob Kritiker oder Verteidiger der Marktwirtschaft Recht haben, sei dahingestellt. Eindeutig ist aber, dass das Vertrauen der Menschen in das System erodiert: „Die Falschspieler dieser Welt haben immer noch einen Bonus. Wie wollen Sie jemand noch glaubhaft erklären, dass die „unsichtbare Hand“ bei computergesteuerten Kauf- und Verkaufstransaktionen von bereits fast 40 Prozent auf dem Finanzmarkt noch funktionieren soll?“, fragt sich „Popper“.


„Eine völlig neue Gesellschaft jenseits von Finanzirrsinn“

Viele Kommentatoren halten sich deswegen auch nicht bei Schuldzuweisungen auf, sondern denken darüber nach, wie das System verändert werden kann, damit es wieder funktioniert. „Die Staaten haben insgesamt kein Schuldenproblem, es ist einfach ein Verteilungsproblem“, fällt „Roemi“ auf: Viele Staaten hätten zwar höhere Schulden, aber noch höhere Privatvermögen. Ein Teil der Bevölkerung hätte sich bislang zu wenig an der Finanzierung des Staates beteiligt und ein anderer Teil den Staat auf ihre Kosten ausgesaugt. Die Leute, die von unserem Wirtschaftssystem überproportional profitiert hätten, müssten das schnellstens einsehen: „Ansonsten ist zu befürchten, dass die Straße dem jetzigen Treiben ein Ende bereiteten wird.“

Dass es so nicht weitergehen kann, findet auch „Temporär“: „Die Verschwörungstheorie zwischen Banken und Politik ist irrwitzig. Es handelt sich um ein Versagen der Wirtschaftswissenschaften an sich, die durch eine komplette Fehlsteuerung des Wachstums eine Implosion des Systems herbeigeführt haben. Nachhaltiges Wirtschaften und das, was man antiquiert als Kaufmannsehre bezeichnet, sind dabei auf der Strecke geblieben. Die „Theorien, die den Märkten Effizienz, ewiges Wirtschaftswachstum und Selbstregulierungskräfte andichten, hat die Finanzmarktkrise und die anhaltende Instabilität des gesamten Wirtschaftssystems nachhaltig widerlegt“, konstatiert „Stefan L Eichner“.

Der Widerspruch, dass die Marktwirtschaft das Wirtschaftswunder hervorbrachte, aber heute in vielen Ländern einigen wenigen Reichtum, immer mehr aber Verarmung beschere, werde nicht thematisiert. „Was wir brauchen, ist eine Systemdebatte, die sich nicht in der alten ideologischen Debatte um Marktwirtschaft versus Planwirtschaft erschöpft“. Nur wenige Leser gehen dabei soweit wie „George Orwell“, der „eine völlig neue Gesellschaft jenseits von Kapitalismus, Marktwirtschaft als Selbstzweck und Finanzirrsinn“ fordert. Viele resignieren, weil sie wie „Lehrtasche“ fürchten, dass „selbst Jesus durch seinen Tempelgang eine Änderung der Welt nicht vermochte“.

Einen praktikableren Ansatz liefert „MookConsulting“. Am Ende werde immer versucht das System als Solches für alles verantwortlich zu machen, statt Leute, die viele Unschuldige damit ins Verderben getrieben hätten - am Anfang stehe aber immer noch der einzelne Mensch. „Was die Leute ärgert, ist dieser Glaube der Unfehlbarkeit: 'Ich bin meinen Bonus wert'. Deshalb täte einigen dieser Leute ein wenig Demut ganz gut.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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