Denkfabrik: Bei Übernahmen ist wenig zu befürchten

kolumneDenkfabrik: Bei Übernahmen ist wenig zu befürchten

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Holger Görg

Kolumne

Wenn ausländische Multis deutsche Unternehmen übernehmen, ist die Angst vor massiven Arbeitsplatzverlusten häufig unbegründet. Die Hoffnung auf bessere Zeiten für das Unternehmen allerdings auch. Von Holger Görg

Die Wellen schlagen hoch, seitdem der deutsche Baukonzern Hochtief Gefahr läuft, von der spanischen ACS übernommen zu werden. Vor Jahren löste der Kauf von Mannesmann durch die britische Vodafone ähnlich heiße Debatten aus. Ein deutsches Unternehmen wird von einem ausländischen Multi übernommen! Das muss ja dazu führen, dass es in Deutschland zu Arbeitsplatzverlusten kommt. Die Produktion im Land sinkt, das Headquarter wandert ins Ausland. Natürlich ist das schlecht für den Standort Deutschland!

Solche Argumente hört man oft, nicht nur am Stammtisch, auch von Politikern, Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern. Aber ist dem wirklich so? Neuere empirische Studien kommen zu anderen Ergebnissen: Es gibt bei Firmenübernahmen durch ausländische Eigner im Normalfall herzlich wenig zu befürchten. Die Folgen für Produktion und Beschäftigung des übernommenen Unternehmens sind gering – und teilweise sogar positiv.

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Internationale Übernahmen sind die wichtigste Form von ausländischen Investitionstätigkeiten. 2007 belief sich der Wert aller weltweit getätigten ausländischen Firmenübernahmen auf rund eine Billion Dollar. Im Zuge der Finanzkrise fiel dieser Wert dramatisch, hat sich nach Prognosen der Vereinten Nationen 2010 etwas erholt und steigt nun weiter an. Diese Entwicklung reflektiert die steigenden internationalen Verflechtungen von Unternehmen, die Märkte in vielen Ländern bedienen und Produktionsnetzwerke über die ganze Welt spannen. Dadurch werden Tätigkeiten, die früher an einem Produktionsstandort durchgeführt wurden, flexibel und können möglicherweise ins Ausland verlagert werden.

Kaum Auswirkungen auf Arbeitsplätze

Heißt das also nicht zwangsläufig, dass es zu Rationalisierungsmaßnahmen und Jobverlusten kommt, wenn eine Firma von einem ausländischen Eigner übernommen wird? Auf den ersten Blick erscheint das plausibel. Doch kann der neue Eigner nicht nur Kapital, sondern auch neues Know-how in das Unternehmen pumpen. Dies erhöht die Qualität der Produktion und führt zu mehr Absatz, steigender Beschäftigung und höheren Löhnen. Ist das Ziel des Deals die Erschließung neuer Absatzmärkte, kann das Unternehmen ganz in dieses neue Absatznetz übernommen und eventuell sogar ausgebaut werden; auch dann ist ein massiver Arbeitsplatzabbau eher unwahrscheinlich. Bei Hochtief könnte es so sein.

Ist das Ziel der Übernahme eine Erweiterung des Produktionsnetzwerkes – mit der übernommenen Firma als wichtigen Zulieferer oder Kunden –, besteht ebenfalls die Chance, dass Absatz und Beschäftigung durch die stärkere Integration in das Netzwerk steigen. Dies zeigt: In der ökonomischen Theorie sind die Auswirkungen ausländischer Übernahmen auf Produktion und Jobs nicht eindeutig zu bestimmen.

Eine Antwort auf die Frage, welche Implikationen ausländische Firmenübernahmen haben, kann nur die empirische Evidenz liefern. Es gibt ökonomische Studien, die mitunter sehr große Datensätze mit Tausenden von Firmen auswerten, die Aufschluss über Produktion, Beschäftigung, Produktivität und andere Kennzahlen im Zeitverlauf geben. Man kann also verfolgen, wie sich Output und Beschäftigung in einer Firma vor und nach einer Übernahme entwickelt haben – und dies mit Betrieben vergleichen, die nicht übernommen wurden.

Ausnahmen möglich

Leider gibt es solche Daten nicht für alle Länder. Aber Studien für beispielsweise Schweden (ein Land, das in den vergangenen Jahren viele ausländische Unternehmensübernahmen verzeichnete) zeigen, dass Firmen nach einer Übernahme zwar ihre Beschäftigung steigern, produktiver werden und mehr in Forschung und Entwicklung investieren – dies aber nur in geringem Ausmaß. Ähnliche Studien für Deutschland zeigen, dass ausländische Übernahmen in der Regel keine messbaren Auswirkungen auf Produktion und Arbeitsplätze haben. Vergleichbare Ergebnisse gibt es für andere Industrieländer. Gesamtwirtschaftlich betrachtet haben ausländische Übernahmen im Durchschnitt keine nennenswerten – positiven oder negativen – Effekte auf Produktion und Beschäftigung.

Daher scheint der Widerstand gegen Übernahmen von deutschen Unternehmen durch ausländische Multis unbegründet. Wenn dieses „im Durchschnitt“ nicht wäre. Denn natürlich gibt es Fälle, in denen es zu Betriebsschließungen und Stellenabbau kommt. Einem Arbeitnehmer, dem eine übernahmebedingte Kündigung ins Haus flattert, nutzt es wenig, dass „im Durchschnitt“ das Arbeitsplatzverlustrisiko gering ist.

Dies sind aber Ausnahmen, die gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen. Und daher sollten sie auch keinesfalls als Vorwand für eine Beschränkung ausländischer Übernahmeaktivitäten herangezogen werden.

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