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kolumne Denkfabrik: Deutschland drohen neue Belastungen

Kolumne von Hans-Werner Sinn

Die Haftung Deutschlands für die Euro-Schuldenländer steigt rasant. Neben der Aufstockung des Euro-Rettungsschirms drohen zusätzliche Belastungen durch Außenstände der Bundesbank gegenüber den Krisenländern.

Hans-Werner Sinn Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Hans-Werner Sinn Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche

Zwei Rücktritte hoher Repräsentanten des Staates innerhalb von nur neun Monaten; zwei Fachleute für Staatsfinanzen; zwei Volkswirte. Zwei Männer, die Probleme mit der Bundesregierung hatten. Zwischen Köhler und Weber gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als uns lieb sein kann. Köhler trat zurück, nachdem man ihm das deutsche Gesetz zur Absicherung der bedrängten Euro-Länder auf den Tisch knallte, aber er schwieg. Weber hat aus seinem Protest nie einen Hehl gemacht. Er hat bis zum Schluss gekämpft und ist zurückgetreten, anstatt sich verbiegen zu lassen. Der Maastrichter Vertrag ist passé. Die Bundesrepublik Deutschland ist auf Schleuderkurs.

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Die Bundesregierung wird von vielen EU-Ländern, insbesondere auch Frankreich, bedrängt, den heute schon gefährdeten Staaten mehr als nur Liquiditätshilfen für temporäre Zahlungsprobleme zu gewähren. Vergangene Woche hat sie schon einer Ausweitung der Rettungspakete zugestimmt, und in Brüssel geht man davon aus, dass sie nun für geringe Gegenleistungen auch die Mittel zum Rückkauf der Altschulden freigeben wird. Dann haben wir die lange verschmähten Euro-Bonds. Die Unterschiede liegen im Semantischen.

Neben der möglichen Ansteckung Deutschlands über die Banken und Versicherungen wird nun der Ansteckungsweg über die Staatsfinanzen ausgebaut. Deutschland war bislang schon mit etwa 220 Milliarden Euro an der Haftung beteiligt. Darin enthalten sind 147,4 Milliarden für die Luxemburger Zweckgesellschaft, 11,3 Milliarden für den neuen Fonds der EU, 14,9 Milliarden für die parallel dazu gewährten IWF-Hilfen, 22,3 Milliarden für Griechenland, 1,8 Milliarden für die IWF-Hilfe an Griechenland sowie 20,7 Milliarden für die EZB-Käufe maroder Staatsanleihen.

Die beschlossene Verdoppelung des Schirms der Luxemburger Zweckgesellschaft bedeutet eine Aufstockung der deutschen Haftung, womöglich um weitere 147,4 Milliarden. Die gesamte Haftungssumme bei den offiziellen Paketen läge dann bei 366 Milliarden Euro. Sollte beabsichtigt sein, dass die EZB ihre Bestände an Staatspapieren an die Luxemburger Zweckgesellschaft verkauft, so wären die genannten 20,7 Milliarden Euro wieder abzuziehen, was immer noch eine deutsche Haftungssumme von 345 Milliarden Euro implizieren würde, nicht weniger als 115 Transrapidstrecken von je drei Milliarden Euro.

Noch mehr Risiken

Aber das ist, wie nun bekannt wurde, beileibe nicht alles. Die Deutsche Bundesbank hatte Ende des Jahres 2010 für etwa 326 Milliarden Euro Nettoforderungen gegenüber anderen Notenbanken des Euro-Systems. Es handelt sich dabei um eine Art Kontokorrentkredit, der anderen Ländern gewährt wird und im Wesentlichen aus Forderungen im Rahmen des Zahlungsverkehrs für Großbeträge besteht (TARGET 2). Dieser Kredit sollte eigentlich nur die täglichen Salden beim internationalen Zahlungsverkehr ausgleichen, doch hat er sich in der Krise, als die am offenen Markt aufgenommenen Kredite teuer und knapp wurden, gewaltig aufgebläht. Noch Ende 2006 hatte der Forderungsbestand bei nur fünf Milliarden Euro gelegen.

Etwa 320 Milliarden Euro sind in nur vier Jahren hinzu gekommen. Allein im vergangenen Jahr nahmen die Forderungen pro Monat netto um mehr als zwölf Milliarden Euro zu. Bei der Festlegung der Regeln für den europäischen Zahlungsverkehr im Euro-System ging man davon aus, dass es sich um vernachlässigbare Beträge handeln würde. Deshalb hatte man seinerzeit keine Begrenzung für diese Kredite vorgesehen. Was jedoch inzwischen passiert ist, macht die Fachleute fassungslos. Wenn die Länder, deren Banken die Kredite gegeben wurden, zahlungsunfähig werden, haftet Deutschland. Wohin man auch schaut: Es tun sich Abgründe auf.

Optimisten glauben, dass die neuen Rettungsaktionen nur dazu dienen, die alten Ansprüche, die nun im Risiko stehen, abzusichern, und insofern die Kosten, die auf Deutschland zukommen, nicht weiter erhöhen werden. Aber diese Hoffnung ist zu schön, um wahr zu sein. Je mehr Geld fließt, desto länger leben die überschuldeten Länder über ihre Verhältnisse, desto länger bleiben die Außenhandelsdefizite erhalten, und desto mehr ist verloren. Gutes Geld dem schlechten hinterherzuwerfen war noch nie eine besonders gute Idee. Je mehr man hergibt, desto weniger kommt zurück.

Menetekel Irland

Es könnte kommen wie in Irland. Im September 2008 spannte Irland einen riesengroßen Rettungsschirm über seinen Banken auf, die in Schwierigkeiten gekommen waren. Es gehe darum, ein überzeugendes Signal zur Beruhigung der Märkte zu setzen, so hieß es damals. Beansprucht werde das Geld ja ohnehin nicht. Zwei Jahre später waren die Banken pleite, und der irische Staat musste selbst gerettet werden.

Die deutsche Bundeskanzlerin verlangt nun im Austausch für die deutschen Hilfen mit Verve, was Frankreich schon immer wollte: eine Art Wirtschaftsregierung für die Euro-Zone. Die soll nach deutscher Vorstellung eine Schuldenbremse durchsetzen. Das wäre gut. Aber die Franzosen und viele andere wollen die Lohnstückkosten beobachten lassen und Erhöhungen erzwingen, wenn ein Land wie Deutschland, wie sie meinen, zu hohe Außenhandelsüberschüsse hat. Erschaudernd sollten wir Köhler und Weber ein Denkmal errichten. 

Zu diesem Artikel
43 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.02.2011, 16:10 UhrHelmut Kohl lacht tränen

    warum der Köhler schwieg ? Und der Weber ?

    Schauen sie sich doch mal die gesellschaftlichen Strukturen in D an erinnert Sie das an was so um 1930 ? Aber dieses mal Parteiübergreigend--amn ist sich einig an der macht zu bleiben.

    Die Herren wollten nicht den Landeshauptmann spielen und schon gar nicht Fallschirm springen auch lieben Sie das Wasser nicht wie der Wim D. und gepanzerte Limosinen die an Mauern entlang fahren.

    Dann doch lieber Schnauze halten kollektiv und das erbeutete im Alter genießen welches die Sklaven-Klasse erwirtschaftet.

    Warum ein System das aus Geheim-bünden und Seilschaften erschüttern wo man größter Profiteur ist.

  • 23.02.2011, 15:37 UhrWeisenheimer

    Sehr guter informativer Artikel - guter investigativer Journalismus zu brandaktuellen Wirtschaftsthemen -.
    Trotzdem bleibt die Frage zum Rücktritt von Horst Köhler offen: WARUM hat er sich NiCHT mehr kritisch & deutlich zum „deutschen Gesetz zur Absicherung der bedrängten Euro-Länder „ geäußert - seine Unterzeichnung vielleicht sogar abgelehnt (- anstatt wegen fast „nichtsagenden Gründen“ -(??)) zurückzutreten??? Horst Köhler war damals NiCHT NUR bPräs sondern war & ist zu dieser Thematik (Währungen & Länderrisiken usw.) hierzu DER ausgewiesene (unparteiische!) kompetente Fachmann (...auch hinsichtlich seiner internationalen iWF-Erfahrung...). Auch hat (hatte) er über die Fachwelt hinaus als bPräs großes Ansehen in bevölkerung; er galt als souverän und seinem Amt & deutschen interessen betreffend als top loyal.
    Sein Abgang war (dann) eher schwach - seine begründung wegen dem fehlenden Respekt ihm gegenüber (...resultierend aus dem „Hinterbänkler-Schmäh“ gegen seine Rede) ebenso schwach & eher „unglaubhaft“....(...was die Spekulation eben nach anderen möglichen/wahren Gründen treibt!).
    Oder war da etwas mit dem iWF, was ihn hinderte, hier offener (offensiver) & deutlicher in die Kritik zu gehen ?

  • 23.02.2011, 08:10 Uhrdegere

    Guter Artikel! Mehr zum Thema

    http://degere.de/733/deutsche-bundesbank-diskreditiert/

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