Denkfabrik: Die Kraft der Vulgarisierung

Denkfabrik: Die Kraft der Vulgarisierung

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Tschechiens Staatspräsident Václav Klaus

Bedroht die globale Krise das Fundament der Marktwirtschaft? Eine Streitschrift gegen das wachsende Heer der Neo-Keynesianer und Staatsgläubigen von Václav Klaus.

Die gesellschaftliche Evolution der Menschheit vollzieht sich langsam. Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg fasst sie Erfahrungen früherer Epochen zusammen. Bestimmte Ereignisse aber können diese Entwicklung beschleunigen – und ich behaupte, dass wir gerade eine solche Zeit erleben.

Die gegenwärtige Krise ist in wesentlichen Teilen eine langfristige Folge, ja sogar ein Produkt der großen Krise der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Sie ist eine Folge davon, wie die Krise damals interpretiert wurde – nämlich als Beweis dafür, dass die damalige Form des Kapitalismus nicht weiter Bestand haben könne.

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Der Kapitalismus hatte immer seine Kritiker. Er hatte seinen Marx und eine ganze Reihe anderer. Doch meistens kam die Kritik von außen, und abgesehen vom Entstehen der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten gehörte diese Kritik nie zum definierenden Bestandteil eines Systems. In der westlichen Welt wurde diese Kritik auch niemals von einer Mehrheit als Ausgangspunkt für radikale Veränderungen der Gesellschaftsordnung akzeptiert.

In den Dreißigerjahren war dies anders. Damals entstand eine neue Doktrin, formuliert nicht von einem Außenseiter, sondern von einer wichtigen Persönlichkeit des damaligen Establishments der Wirtschaftswissenschaft (Universität Cambridge), des kulturellen Lebens (Londoner Bloomsbury-Gruppe), der Wirtschaftspolitik (bedeutende Funktionen auf wichtigen internationalen Konferenzen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg) – John Maynard Keynes. Seine attraktive, leicht verständliche und politisch leicht durchsetzbare Lehre setzte sich schnell durch. Man glaubte ihr über viele Jahrzehnte, mindestens bis Anfang der Siebzigerjahre, als die Kumulation der damaligen wirtschaftlichen Probleme zum Entstehen des – für Keynesianer unerklärlichen – Phänomens der Stagflation führte, also einem Zusammentreffen von Stagnation und Inflation.

Mit genialem Gespür traf Keynes damals die gesellschaftliche Befindlichkeit. Es gelang ihm, den Kapitalismus überzeugend zu desinterpretieren und den Ökonomen, Politikern und Medien die Überzeugung aufzudrängen, umfangreiche staatliche Ausgaben könnten in einer großen Krise eine ungenügende effektive Nachfrage der Verbraucher und Investoren ersetzen – und wären die einzige Möglichkeit, die Zukunft des Kapitalismus zu sichern. Keynes selbst zählte sich zur politischen und ökonomischen Elite und dachte deshalb, der Staat – vertreten durch aufgeklärte Persönlichkeiten wie er selbst – könne das Geld der Steuerzahler sinnvoller ausgeben als diese selbst. Er zeichnete ein dramatisches Bild vom Versagen des Marktes, die Frage nach dem Versagen des Staates stellte er sich dagegen nie. Er war der Prototyp eines Philosophen-Königs, der sich befugt fühlt, andere zu leiten.

Keynes’ Gedankengänge waren, wie es bei großen Persönlichkeiten so ist, breiter und tiefgehender als es der abgeflachte Keynesianismus in den Lehrbüchern für Volkswirtschaftsstudenten darstellt. Aber, wie einer seiner großen Schüler Paul A. Samuelson erklärte, „zeigt sich die Kraft einer Doktrin am besten in ihrer Vulgarisierung“. Deshalb ist der Unterschied zwischen Keynes und Keynesianismus in unserer heutigen Diskussion unwichtig (der Ordnung halber möchte ich anfügen, dass Samuelson von Marx sprach).

Keynes’ Prämisse lautete: Der Markt hat versagt, und deshalb muss der Staat massiv intervenieren und Geld ausgeben. Dabei ging es Keynes vor allem um den sogenannten Multiplikator-Effekt. Dieser erklärt, wie staatliche Ausgaben zu zusätzlichem Einkommen führen und das Sozialprodukt erhöhen. Keynes’ Glaube an derartige Einkommenseffekte gipfelte in der berühmten Metapher, wonach es ausreiche, Geldscheine in Flaschen zu stecken, diese vergraben und nach einiger Zeit wieder ausgraben zu lassen. Die langfristigen Auswirkungen spielen für ihn keine Rolle. Keynes’ wohl berühmtester Satz lautete denn auch: „In the long run, we are all dead“ .

Der Keynesianismus hat gesiegt

Fakt ist: Der Keynesianismus und die darauf aufbauende Politik hat in den westlichen Staaten gesiegt. Vergleichen wir den Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Jahre 1930 und 2000, ist der Unterschied enorm. Auch die Steuerquote geht weit auseinander, ebenso die Staatsverschuldung. Vergleichen wir die damalige und heutige Höhe der Sozialeinkommen mit anderen Einkommen, sehen wir wieder eine enorme Differenz. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Zahl der staatlichen Beamten und den Umfang der Gesetzestexte.

All dies funktioniert nach dem Prinzip des sogenannten „Ratchet-Effekts“ (Sperrklinkeneffekt). Demnach ist Bewegung nur in einer Richtung möglich, immer nach vorn – auch wenn dies nur zu fiktivem Fortschritt führt. Bewegungen in die Gegenrichtung lassen sich nur in revolutionären Phasen durchsetzen, wie es etwa beim Zusammenbruch des Kommunismus geschah. Damals haben viele Staaten Osteuropas die Staatsmacht radikal reduziert. Doch anschließend haben wir uns – teils aus innenpolitischen Gründen, insbesondere jedoch importiert aus der Europäischen Union – wieder dem globalen Trend zu mehr Staat angeschlossen. Die Politik der Deregulierung, Deetatisierung, Denationalisierung, -Desubsidiarisierung der Wirtschaft endete bei uns in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts brachte mithin den vollständigen Sieg der Sozialdemokratie in verschiedensten Maskierungen (eine davon ist der europäische Christdemokratismus), anders ausgedrückt: den Sieg des in der Krise der Dreißigerjahre entstandenen Keynesianismus.

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