Denkfabrik: Griechenland hilft nur ein zeitweiser Euro-Austritt

kolumneDenkfabrik: Griechenland hilft nur ein zeitweiser Euro-Austritt

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Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de

Kolumne

Griechenland muss nicht nur die Schulden senken, sondern auch seine preisliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen. Innerhalb der Währungsunion ist das kaum möglich. Die Alternative: ein zeitweiser Austritt auf Widerruf.

Reden wir Klartext: Die griechische Regierung, die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds (IWF) leugnen allesamt, was die Märkte längst wissen. Griechenland wird irgendwann seinen Schuldendienst an private und öffentliche Gläubiger einstellen. Noch zieht es die Politik vor, das Unvermeidliche hinauszuschieben, indem sie öffentliches Geld dorthin transferiert, wo privates nicht mehr fließt. Doch obwohl die zusätzlich von EU und IWF zur Verfügung gestellten Kredite niedrig verzinst sind, werden die griechischen Schulden rasant auf ein untragbares Niveau steigen. Die Zinssätze der Anleihen privater Gläubiger und die Preise für Credit Default Swaps deuten auf einen bevorstehenden massiven Zahlungsausfall hin.

Ein Zahlungsausfall in Kombination mit einem nachhaltig und signifikant sinkenden Haushaltsdefizit ist auch nötig, um die haushaltspolitische Stabilität Griechenlands wieder herzustellen. Genauer gesagt: Selbst wenn die Schulden des Landes durch die Einstellung des Schuldendienstes auf 60 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesenkt werden, würde Griechenland sein jährliches Haushaltsdefizit von gegenwärtig zehn Prozent des BIPs auf rund drei Prozent senken müssen, um zu verhindern, dass die Schuldenquote wieder ansteigt.

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Das Problem: Haushaltspolitische Tragfähigkeit ist kein Heilmittel für das chronisch hohe Handelsbilanzdefizit Griechenlands. Momentan übersteigen die Importe die Exporte um mehr als vier Prozent vom BIP. Das ist das höchste Handelsbilanzdefizit aller Euro-Staaten. Besteht die Kluft weiter, muss sich Griechenland jedes Jahr den vollen Betrag im Ausland borgen, während die Haushaltsdefizite in der Zeit nach dem Zahlungsausfall durch Kreditaufnahme im Inland finanziert werden könnten.

Um die Kluft in der Handelsbilanz zu beseitigen oder zu verringern, ohne die wirtschaftliche Dynamik zu dämpfen, muss Griechenland mehr exportieren und weniger importieren. Dazu müssen seine Güter und Dienstleistungen wettbewerbsfähiger gegenüber denjenigen seiner Handelspartner werden. Ein Land mit flexibler Währung kann dies durch Währungsabwertung erreichen. Aber durch die griechische Mitgliedschaft in der Euro-Zone ist das in diesem Fall unmöglich.

Mehr Export nötig

Griechenland steht daher vor der schwierigen Aufgabe, die Preise seiner Güter und Dienstleistungen im Verhältnis zu den anderen Ländern mit anderen Mitteln zu senken, nämlich durch Lohn- und Gehaltskürzungen für die Arbeitnehmer im griechischen Privatsektor. Und selbst dann würde sich die Kluft in der Handelsbilanz nur so lange schließen, wie die griechischen Preise wettbewerbsfähig blieben. Dazu darf der Unterschied zwischen dem griechischen Lohnwachstum und dem Anstieg der Produktivität – also dem Ausstoß pro Arbeitsstunde – nicht größer sein als der diesbezügliche Unterschied in anderen Euro-Ländern.

Das wird nicht einfach. Das Handelsbilanzdefizit entstand in den vergangenen zehn Jahren ja deshalb, weil die griechischen Preise rascher stiegen als die seiner Handelspartner. Und dies geschah, weil die Löhne im Verhältnis zum Produktivitätswachstum in Griechenland schneller nach oben schossen als in anderen Euro-Staaten.

Nehmen wir an, dass der Rest der Euro-Zone Produktivitätszuwächse von zwei Prozent aufweist und die Inflation bei zwei Prozent liegt. In diesem Fall können die Löhne dort um vier Prozent jährlich steigen. Wenn nun in Griechenland die Produktivität nur um ein Prozent wächst, dürfen die Löhne nur um drei Prozent zulegen. Ein höheres Lohnwachstum würde dazu führen, dass die griechischen Preise schneller steigen als die der Handelspartner.

Griechenland steht vor einer dreifachen Herausforderung: Es muss die Staatsschulden und künftige Defizite reduzieren, die Preise so stark senken, dass der Negativsaldo der Handelsbilanz verschwindet – und das künftige Lohnwachstum unter dem Durchschnittswert der Euro-Zone halten (oder das Produktivitätswachstum steigern).

Das Land kann seine Probleme aber nicht alleine lösen. Länder in anderen Teilen der Welt, die vor ähnlichen Problemen standen, haben stets fiskalische Kontraktion mit Währungsabwertungen kombiniert – was den Griechen durch die Mitgliedschaft in der Währungsunion verwehrt ist.

Ausstieg auf Zeit?

Griechenland, die Euro-Zone und die EU-Kommission sollten daher die zeitweilige Freistellung Griechenlands aus der Euro-Zone prüfen. Dies würde eine Anpassung des relativen Preisniveaus für den Fall erleichtern, dass die Löhne nicht weiter begrenzt werden können.

Der Vertrag von Maastricht verbietet den Mitgliedern der Euro-Zone zwar explizit den Austritt. Eine übergangsweise Freistellung ist darin aber nicht erwähnt – und daher auch nicht verboten. 

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