Denkfabrik: Indien kämpft gegen den Schlendrian

kolumneDenkfabrik: Indien kämpft gegen den Schlendrian

Kolumne von Martin S. Feldstein

Der Wirtschaftsgigant Indien hat noch immer viele Standortnachteile. Nach einer Reihe enttäuschender Jahre will die Regierung nun aber einen marktwirtschaftlicheren Kurs eingeschlagen. Er soll das Wachstum wieder auf die durchschnittlich neun Prozent treiben, die das Land von 2004 bis 2008 erreichte.

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Schafft es Indien trotz enormer Anstrengungen und vielen wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten nach einer Reihe enttäuschender Jahre wieder einen marktwirtschaftlicheren Kurs einzuschlagen?

Leicht wird es nicht: Indien hat immer noch viele Standortnachteile. Es gibt zwar hervorragende Universitäten und Forschungsinstitute, doch im Grundschulbereich ist das Bildungssystem katastrophal. Das Kastensystem und die restriktive Arbeitsgesetzgebung verhindern einen effizienten Arbeitsmarkt. Populistische politische Maßnahmen sorgen für staatliche Transferleistungen zugunsten Hunderter Millionen Männer und Frauen auf dem Land. Die Folge sind sinkende Erwerbsneigung dieser Menschen, vielfach überhöhte Löhne und eine Beschädigung der Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommt eine unterentwickelte Infrastruktur. Die Stromproduktion ist zu gering, Stromausfälle sind häufig. Die Häfen sind unzureichend ausgebaut, auf den chronisch verstopften Straßen herrscht Chaos.

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Dringend müsste Indien auch sein Steuersystem, die staatliche Ausgabenpolitik und die Regulierung der Wirtschaft reformieren. Doch politischer Wandel ist schwierig in einer bundesstaatlichen Demokratie mit vielen Parteien und 1,2 Milliarden Menschen, die sich auf dem Subkontinent verteilen. Die derzeitige Regierung ist eine zerbrechliche Koalition mehrerer Parteien. Weitaus stärkster Koalitionspartner ist die Kongresspartei, der aber in beiden Häusern des Parlaments eine eigene Mehrheit fehlt. Der Blick auf die Wahlen 2014 macht es noch schwieriger, Gesetze durchzubringen.

Trotz allem verzeichnete die indische Wirtschaft über Jahre ein durchschnittliches Wachstum von neun Prozent. Aktuell wächst das Bruttoinlandsprodukt um knapp sechs Prozent im Jahr. Von den großen Volkswirtschaften der Welt schneiden nur China und Indonesien besser ab.

Ende des Wirtschaftswunders Indien taumelt am Rande einer Krise

Die Wachstumsstory stockt, Korruptionsskandale lähmen die Regierung, und die Infrastruktur Indiens ist der großen Dürre nicht gewachsen.

Indien Quelle: dpa

Ein Faktor für Indiens wirtschaftlichen Erfolg ist die große Zahl von Unternehmern mit guter fachlicher Ausbildung. Sie gründen neue Firmen und bilden den Kern einer modernen neuen Mittelschicht. Investitionen werden auch dadurch erleichtert, dass die Sparquote hoch ist und viel Kapital aus dem Ausland zufließt. Überdies haben die indischen Bundesstaaten großen Einfluss auf die Ansiedlung von Gewerbe; sie konkurrieren miteinander, um Unternehmen zu sich zu holen.

Fakt ist: Das beste Rezept für dauerhaft stärkeres Wachstum sind mehr Investitionen. Ein niedrigeres Haushaltsdefizit – durch Begrenzung der Staatsausgaben und den Kampf gegen eine Kultur der Steuervermeidung – erhöht die staatliche Sparleistung, die für Investitionen zur Verfügung steht. Wenn Indien ausländische Investoren überzeugt, ein verlässlicher Standort zu sein, wird das den Kapitalzustrom nachhaltig erhöhen.

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