Denkfabrik: Mehr Dienstleistung, weniger Industrie

Denkfabrik: Mehr Dienstleistung, weniger Industrie

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Henning Klodt leitet das „Zentrum Wirtschaftspolitik“ am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Vom Aufschwung der vergangenen Jahre hat vor allem die Industrie profitiert. Langfristig aber muss Deutschland auf den Dienstleistungssektor setzen, sagt Henning Klodt.

Keine Frage: Vom jüngsten konjunkturellen Aufschwung in Deutschland hat vor allem der industrielle Sektor profitiert. Und schon frohlocken manche Beobachter, dass damit der jahrzehntelange Strukturwandel zulasten der Industrie endlich vorüber sei.

Vielen war dieser Strukturwandel schon lange suspekt, da er als Ausdruck einer erodierenden industriellen Basis der deutschen Wirtschaft und einer Schwächung ihres langfristigen Wachstumspotenzials erschien. Dieses Frohlocken weckt zwei Fragen. Und zwar eine vordergründige und eine hintergründige.

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Die vordergründige Frage lautet, ob der Glaube an eine Trendumkehr im sektoralen Strukturwandel tatsächlich berechtigt ist. Die Antwort lautet: nein. Seit den frühen Siebzigerjahren kennt der sektorale Strukturwandel in der (west-)deutschen Wirtschaft nur eine trendmäßige Richtung: weg von der Industrie, hin zu den Dienstleistungen. Seit 1991 sind in der deutschen Industrie vier Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen – und zugleich mehr als fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden.

Sicher, zwischen 2005 und 2007 sind in der Industrie erstmals seit Langem wieder zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen worden, und zwar rund 75.000. Doch in den Dienstleistungsbranchen waren es im gleichen Zeitraum 946.000 zusätzliche Jobs. Der Anteil des industriellen Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung ist damit weiter geschrumpft. Anteilsgewinne konnte die Industrie allein bei der Bruttowertschöpfung verbuchen. Hier legte sie zwischen 2005 und 2007 von 28,9 Prozent auf 30,1 Prozent zu. Zuvor hatte es seit der deutschen Wiedervereinigung keinen Anstieg des Industrieanteils mehr gegeben. Doch für Strukturforscher ist dies eine eher kurzfristige Betrachtung. Für die westdeutsche Wirtschaft lassen sich für die Zeiten vor der Wiedervereinigung gleich mehrere Phasen ausmachen, in denen eine kurzfristige Verschiebung in den Wertschöpfungsstrukturen zugunsten der Industrie zu verzeichnen war. In den jeweils nachfolgenden Jahren wurden diese Verschiebungen dann regelmäßig mehr als kompensiert.

Vorübergehende Reindustrialisierungen sind nicht zuletzt der Reflex einer überdurchschnittlich hohen Konjunkturanfälligkeit der Industrie. Der jüngste Boom in der Industrie ist zusätzlich begünstigt worden durch die im Vergleich zu anderen Ländern niedrige Inflationsrate, die deutsche Exporte real abgewertet und somit wettbewerbsfähiger gemacht hat. Doch auch dies wird sich nicht in alle Zukunft fortsetzen. Die aktuelle Reindustrialisierung in den Wertschöpfungsstrukturen wird Episode bleiben – und die von manchen erhoffte Reindustrialisierung in den Beschäftigungsstrukturen wohl ganz ausbleiben.

Schwerer fällt die Antwort auf die hintergründige Frage, ob der Strukturwandel hin zu den Dienstleistungen positiv oder negativ zu bewerten ist. Dies ist relevant dafür, ob die Wirtschaftspolitik die Reindustrialisierung aktiv unterstützen und verstetigen sollte oder ob sie sich besser heraushalten sollte. Meine Antwort lautet: heraushalten!

Zerrbilder der Realität

Obwohl die (west-)deutsche Wirtschaft mittlerweile auf mehr als drei Jahrzehnte eines Strukturwandels zugunsten der Dienstleistungen zurückblickt, gibt es nach wie vor vielfältige Vorurteile gegen diesen Prozess. Jener Altkanzler, der auch als Autokanzler bekannt wurde, warnte davor, uns in ein Volk zu verwandeln, das davon leben will, dass einer dem anderen die Haare schneidet. „Dienstleistungen kann man nicht essen“, heißt die griffige Formel dazu. Doch kann man denn Autos essen?

Auch die Vorstellung, der Dienstleistungssektor werde geprägt von Friseuren und Pizzabäckern, ist eher ein Zerrbild der Realität. Im Dienstleistungssektor tritt die Nachfrage nach Vorleistungen gegenüber der Nachfrage nach Endprodukten immer mehr in den Vordergrund. Dies spiegelt sich auch in der unterschiedlichen Dynamik verschiedener Branchen innerhalb dieses Sektors. Besonders rasch gewachsen sind jene Bereiche, die Dienstleistungen für andere Unternehmen erbringen.

Der sektorale Strukturwandel vollzieht sich also nicht primär über eine Verdrängung von Industriewaren durch Dienstleistungen, sondern durch eine Verdrängung alter Produkte durch dienstleistungsintensiver hergestellte moderne Produkte. Dieser Prozess reicht weit in den industriellen Sektor hinein. Moderne Dienstleistungen werden mehr und mehr zu wichtigen Treibern des Produktivitätsfortschritts, indem sie die Voraussetzungen schaffen für die Produktion hochwertiger, an die Marktanforderungen angepasster Industriewaren.

Deindustriealisierung Einhalt gebieten

Doch wie viel Industrie braucht unser Land wirklich? Jedenfalls weniger, als es derzeit hat. In Deutschland liegt der Anteil des Dienstleistungssektors an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung etwas über 70 Prozent, während die entsprechenden Anteile in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder in Großbritannien bei rund 80 Prozent liegen. Von der Wachstumsdynamik her brauchen diese Länder sich nicht vor Deutschland zu verstecken. Ein hoher Dienstleistungsanteil stellt also auch aus diesem Blickwinkel heraus keineswegs eine gesamtwirtschaftliche Wachstumsbremse dar.

Ob all diese Argumente ausreichen, der weitverbreiteten Furcht vor der Deindustriealisierung Einhalt zu gebieten, darf allerdings bezweifelt werden. Die Fixierung wirtschaftlicher Wertvorstellungen auf physisch greifbare Dinge hat möglicherweise archaische Wurzeln, denen mit nüchterner Ökonomie kaum beizukommen ist. Gönnen wir den archaischen Industrieverehrern also ihre kurzfristige Erleichterung, die sie offenbar bei der aktuellen Strukturentwicklung empfinden.

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