Denkfabrik: Ökonomische Mottenkiste

Denkfabrik: Ökonomische Mottenkiste

Bild vergrößern

Die US-Immobilienkrise als Ursprung für die weltweite Finanzkrise

Eine Abkehr von der Fair-Value-Bewertung im Bilanzrecht wäre ein Fehler. Im Kampf gegen die Finanzmarktkrise ist Transparenz und nicht Verschleierung gefragt, sagt Stephan Paul.

Eine Billion Dollar: So hoch könnten nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds die weltweiten Verluste durch die Finanzkrise ausfallen. Selbst wenn dieses Horrorszenario nicht eintrifft – Bundesbank-Präsident Weber geht von Belastungen von „nur“ 225 Milliarden Dollar aus – muss schnell nach Lösungen gesucht werden, um schwere volkswirtschaftliche Konsequenzen zu verhindern.

Allerdings wird in der aktuellen Debatte auch manch ökonomisch fragwürdiger Vorschlag präsentiert. Dazu zählt die besonders prägnant vom Bundesverband deutscher Banken erhobene Forderung, die nach internationalen Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) vorgeschriebene Bewertung bestimmter Vermögenspositionen der Banken zu Marktkursen rückwirkend zum Beginn dieses Jahres auszusetzen. Konkret müssen seit 2005 die zu Handelszwecken gehaltenen und die zur Veräußerung verfügbaren Finanzinstrumente „Mark to Market“ bewertet werden. Verluste oder Gewinne sind allein bei Ersteren unmittelbar ergebniswirksam, bei Letzteren berühren sie (wenn auch ergebnisneutral) das Eigenkapital der Bank. Bis zur Endfälligkeit gehaltene Wertpapiere, Kredite und andere Forderungen werden hingegen nur zu Marktpreisen bewertet, wenn das Kreditinstitut eine „Fair-Value-Option“ nutzt.

Anzeige

Mit seiner Position bewegt sich der Bankenverband in guter Gesellschaft, spricht doch auch der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Jochen Sanio, vom Fair-Value-Prinzip als „Brandbeschleuniger“ der Krise, fordern auch der IWF, die Finanzminister der G7 und das Institute of International Finance eine „Überprüfung“ der Pflicht zur Marktbewertung. Sie verweisen darauf, dass derzeit im Verbriefungsmarkt für viele Papiere überhaupt keine Kurse gestellt oder nur vereinzelt Transaktionen abgewickelt würden – zu Preisen dramatisch unter dem Rückzahlungskurs. Dies mache Wertkorrekturen notwendig, die weit über den in der Zukunft liegenden tatsächlichen Verlusten aus diesen Papieren lägen. (Quartals-)Abschreibungen in exorbitanter Höhe würden nicht nur das Vertrauen der Kapitalmarktspieler erschüttern, sondern auch das Eigenkapital der Banken verringern – und damit aufgrund der regulatorischen Vorschriften ihre Kreditvergabemöglichkeiten beschneiden und die Finanzierung von Unternehmen und Haushalten erschweren. Mithin wirkten sie prozyklisch im Sinne einer Abwärtsspirale und würden die Talfahrt der Konjunktur beschleunigen. Deshalb sei eine zumindest vorübergehende Abkehr vom Fair-Value-Prinzip bis zu einer Marktberuhigung ein notwendiger „Circuit Breaker“.

So überzeugend die Argumente auf den ersten Blick scheinen mögen, sie sind keineswegs neu, wurden vielmehr vor der Einführung der Marktbewertung schon heftig diskutiert. Dies gilt speziell für Deutschland, wo Sparkassen und Volksbanken und damit über 90 Prozent der Kreditinstitute nicht nach IFRS, sondern nach HGB bilanzieren. Sie besitzen Bewertungsprivilegien durch umfangreiche Möglichkeiten, stille Reserven zu bilden und aufzulösen und verteidigen diese mit Verweis auf den Vertrauens-und Eigenkapitalschutz.

Vertrauensschutz. Allenfalls für Kleinsparer mag es noch zutreffen, dass sie volatile Quartalsergebnisse einer Bank nicht verkraften und einen Bank Run beginnen würden. Vielmehr hat gerade diese Krise gezeigt, dass sich die Unsicherheit der professionellen Kapitalmarktteilnehmer dann verschärft, wenn über Gewinne oder Verluste einer Bank gemutmaßt wird. Eine offene Informationspolitik hat dagegen auch bei drastischen Abschreibungen eher stabilisierenden Charakter als Spekulationen über stille Lasten. Bank Runs können nur verhindert werden, wenn Investoren Bonitätsdifferenzen zwischen den Banken registrieren und sanktionieren können. Werden diese eingeebnet, droht viel eher die Gefahr, ein Haus für so gut oder eben so schlecht wie das andere zu halten und kollektiv das Vertrauen gegenüber allen Instituten zu verlieren. Natürlich gibt es nicht „den“ richtigen Wert. Es kommt daher nicht auf die nackte Zahl an, zu der Finanzinstrumente in der Bilanz oder Gewinn- und Verlustrechnung abgebildet werden. Immer wichtiger wird die Erläuterung, wie die Bewertung zustande kam. Hier sehen die IFRS bereits umfangreiche Offenlegungspflichten vor, ob Preise auf einem Markt mit regelmäßigem Handel („aktiver Markt“) oder aber zum Beispiel ein Diskontierungsmodell der Bewertung zugrunde lagen („Mark to Model“).

Eigenkapitalschutz. Die Bankenkrisen der Achtzigerjahre in den USA und Japan haben gezeigt, was passiert, wenn die Eigenkapitalbremse für das Kreditgeschäft nicht rechtzeitig angezogen wird. Materiell vorhandene, bilanziell aber kaschierte Probleme stauen sich auf und verursachen größere Schäden als es bei einer frühzeitigen Bekämpfung der Fall gewesen wäre. Um den prozyklischen Einfluss der Rechnungslegung zu reduzieren, könnte man in der regulatorischen Eigenkapitalrechnung der Banken die entsprechenden Papiere mit Durchschnittspreisen eines bestimmten Zeitfensters statt Stichtagspreisen bewerten. Alternativ ließen sich modellhaft Ausfallwahrscheinlichkeiten für kommende Perioden heranziehen und Abschreibungen insoweit zeitlich verteilen.

Im jetzigen Stadium der Finanzmarktkrise hilft nur Transparenz. Probleme werden nicht durch Verschleierung gelöst. Wenn den Banken das Aussetzen der Marktbewertung gestattet wird, wann sollte sie wieder eingeführt werden? Und warum sollten nicht auch andere Branchen ein Aussetzen fordern, weil die Marktlage ihre Produkte temporär unverkäuflich macht und die Gewinn- und Verlustrechnungen belastet? Forderungen nach Änderungen der Rechnungslegung bleiben daher am besten dort, wo sie hingehören: in der ökonomischen Mottenkiste.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%