Der Ökonom: IWF kämpft um seine Stellenwert

Der Ökonom: IWF kämpft um seine Stellenwert

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Olivier Blanchard

Der Internationale Währungsfonds kämpft gegen seinen Bedeutungsverlust. Eine Schlüsselrolle soll dabei der neue Chefvolkswirt Olivier Blanchard spielen – ein Neo-Keynesianer.

Am Montag hat er seinen ersten Arbeitstag, und es sind beileibe keine einfachen Zeiten, in denen Olivier Blanchard den Posten als Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) antritt. Nicht nur das Finanzsystem und die Weltwirtschaft stecken in Turbulenzen. Auch der Fonds selbst ist in eine handfeste Krise geraten, die sogar seine Existenz infrage stellt.

Doch genau dies wird IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn bewogen haben, seinen französischen Landsmann Blanchard für den Posten zu gewinnen: Der 59-jährige MIT-Professor zählt zu den weltweit anerkannten Top-Ökonomen und besitzt als solcher die nötige Statur, um dem Fonds wieder mehr Reputation zu verschaffen. Blanchards Vorgänger, sein MIT-Kollege Simon Johnson, agierte in den nur 14 Monaten seiner Amtszeit unauffällig. Nun soll ein Schwergewicht her.

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Es steht viel auf dem Spiel. Der Fonds kämpft gegen seinen Bedeutungsverlust: Noch bis Ende der Neunzigerjahre wurde er als Kreditgeber und Feuerwehrmann des Finanzsystems gebraucht. Nun jedoch geht ihm die Kundschaft aus: Viele Schwellenländer sind heute selbst finanzkräftig genug, um auf IWF-Kredite mit ungeliebten Auflagen verzichten zu können. Auch in der aktuellen Subprime-Krise spielt der Fonds so gut wie keine Rolle. Nun gehen ihm wegen der fehlenden Zinseinnahmen aus den Darlehen die Gelder aus – massive Kürzungen stehen an. Kritik und Reformwünsche kommen von allen Seiten.

Strauss-Kahn will den IWF stärker als internationalen „Watchdog“ in Wirtschafts- und Finanzfragen etablieren, etwa mit Analysen und Ratschlägen zur Konjunktur- und Wechselkurspolitik seiner 185 Mitgliedstaaten. Als Makroökonom mit breiter Expertise scheint Blanchard hierfür gut geeignet. Er selbst will die IWF-Forschungsabteilung wieder zum weltweit führenden Thinktank in der ökonomischen Debatte aufbauen. Dabei sollen die Analysen des Fonds besser auf die einzelnen Länder zugeschnitten werden. Vom Vorschlag seines Ökonomen-Kollegen Kenneth Rogoff, die Darlehen in Zuschüsse umwandeln, hält er jedoch nichts: „Der IWF soll sich die Möglichkeit offen lassen, Zuckerbrot und Peitsche zu nutzen.“

Blanchard scheut keine Konflikte. Er gilt als einer, der sich einmischt – und der auch schon mal ökonomisch fragwürdige Positionen vertritt. Seit Langem plädiert der Neo-Keynesianer dafür, mehr Inflation zuzulassen. Eine niedrige Inflation, so sein Argument, hält die Nominalzinsen niedrig und lässt damit zu wenig Spielraum für Zinssenkungen, wenn die Konjunktur einen Anschub braucht. In Rezessionszeiten riskiere man so eine Deflationsspirale aus rückläufigen Preisen und sinkender Wirtschaftsaktivität.

Auch politisch nimmt der Ökonom kein Blatt vor den Mund. Blanchard steht seit Jahrzehnten den französischen Sozialisten nahe. Umso größer war die Überraschung, als er sich im Präsidentschaftswahlkampf 2007 offen für den Konservativen Nicolas Sarkozy aussprach. Diesem traue er eher zu, die dringenden Reformen am Arbeitsmarkt anzupacken. Blanchard plädiert für einen flexibleren Kündigungsschutz, befürwortet zugleich aber eine „Entlassungssteuer“ für Unternehmen. Soziale Gerechtigkeit ist ihm ein Anliegen, doch will er sich nicht vor einen ideologischen Karren spannen lassen. „Links sein heißt nicht, ignorant sein“, erklärte er einmal in einer seiner Kolumnen für das linksliberale Blatt „Libération“. Ein linker Ökonom setze sich vorurteilsfrei mit Theorie und Empirie auseinander, um dann zu entscheiden, welchen Weg er einschlage. Im gleichen Atemzug sprach er sich gegen höhere Mindestlöhne aus.

Blanchard hat einen weiten Weg zurückgelegt, seit er die 68er-Revolte als junger Student in Nanterre bei Paris hautnah miterlebte. Anfang der Siebzigerjahre ging er als Doktorand in die USA ans MIT. „Ich hatte ein bescheidenes Ziel: die marxistische mit der neoklassischen Wirtschaftstheorie zu verbinden“, sagt er. Nach zwei Wochen habe er die Idee jedoch aufgegeben: „Ich war der Sache nicht ganz gewachsen.“ In Massachusetts stieß der junge Ökonom auf Stanley Fischer und Robert Solow, die ihn nachhaltig beeindruckten. „Es gibt niemanden, den ich intellektuellen Vater nennen könnte“, bekennt er. Doch Fischer und Solow habe er stets für ihr stringentes Denken bewundert.

Der Franzose blieb mit seiner Frau und später drei Kindern in den USA. Er setzte seine Karriere zunächst in Harvard fort, seit 1983 wieder am MIT. Seine Heimat hat er in all den Jahren nicht vergessen – er engagiert sich im wirtschaftswissenschaftlichen Beirat des Ministerpräsidenten. Den Marximus hat er zwar an den Nagel gehängt, für gesellschaftlichen Wandel will er sich indes weiter einsetzen: „Die Aufgabe der Ökonomie ist es, die Welt zu verbessern.“

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