
Noch wird heftig über den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone gestritten, auch wenn immer mehr Experten diesen Schritt für unausweichlich halten. Argentinien hat den Austritt jedoch schon vorweg genommen – zumindest die Steuerbehörde AFIP.
Dort müssen Argentinier die ins Ausland reisen und dafür Devisen tauschen wollen seit kurzem eigens einen Antrag einreichen. Und im entsprechenden Auswahlfeld des elektronischen Formulars stehen auch griechische Drachmen zur Verfügung, genauso wie spanische Peseten, italienische Lire oder auch die D-Mark.
Ein genauerer Blick offenbart aber auch, dass Argentinien der Zeit keineswegs voraus ist und einen drohenden Zerfall der Euro-Zone einfach vorweg genommen hat. Denn auch bei den möglichen Reiseländern gibt es verwunderliche Auswahlmöglichkeiten. So stehen als Urlaubsziele unter anderen die DDR, Jugoslawien oder die UdSSR zur Verfügung, wie die argentinische Zeitung „La Nacion“ berichtet.
Sorgen um wachsende Kapitalflucht
Die Schlampigkeit im Reiseformular mag eine Lappalie sein, doch der Hintergrund ist ernst. Seit Monaten verschärft die argentinische Regierung die Kontrollen und Hürden für den Kauf von Dollar immer weiter. So trat eine Regelung in Kraft, nachdem Argentinier im Ausland nur noch Devisen abheben dürfen, wenn sie über ein Dollar-Konto verfügen. Und wer in Argentinien Immobilien oder Firmen kauft, muss genutzte Devisen in Peso tauschen. Auch der Umtausch von Peso in Dollar wurde massiv eingeschränkt und ist nur noch gegen die Vorlage von Dokumenten und Einkommensnachweisen bis zu einer bestimmten Höhe möglich. Viele Argentinier können auf legalem Weg gar keine Devisen mehr tauschen. In der Folge ist der Schwarzmarktkurs des Dollars massiv angestiegen und liegt fast 40 Prozent über dem legalen Wert.
Bild: REUTERSIndien
75 Prozent beträgt der Zolltarif, den Indien auf Premiumautos wie jene von Mercedes-Benz erhebt. Bis Ende März galt noch ein Tarif von 60 Prozent. Im bevölkerungsreichen Indien sind für Investoren aus dem Ausland ganze Branchen tabu: Den Einzelhandel schottet die Regierung zugunsten der indischen Straßenhändler ab, indem Ausländern keine Lizenz erteilt wird. Der Staat schreibt die Preise für manche Medikamente vor und vergrault damit
Pharmahersteller wie Bayer.
Bild: dpa/dpawebEuropa
77 Milliarden Euro flossen im Jahr 2010 als Hilfszahlungen an Europas Bauern. Außerdem leistet sich die Europäische Union Subventionen für Kraftstoffe. Seit Jahren sorgt diese Subventionspraxis für Kritik der Schwellenländer – und letztlich beraubt sich die EU ihrer Autorität beim Ausbau des globalen Freihandels.
Bild: dpaChina
83 Milliarden Euro lautet der Umfang an öffentlichen Aufträgen, die Peking jedes Jahr nach Schätzungen der EU-Kommission vergibt – allerdings nur für heimische Unternehmen. Die systematisch benachteiligten Investoren aus dem Ausland müssen vor Ort mit lokalen Partnern Fabriken bauen – und ihre Patente einbringen. Aus dem Reich der Mitte stammen 90 Prozent der Spezialrohstoffe, die für High-Tech-Industrien so wichtig sind. Den Export
dieser Seltenen Erden hat Peking stark eingeschränkt.
Bild: dapdBrasilien
13,7 Prozent beträgt der durchschnittliche Zollsatz am Zuckerhut, womit Brasilien zu den Ländern mit den weltweit höchsten Einfuhrzöllen zählt. Auf diese Weise will die Regierung die Unternehmen zurAnsiedlung im Inland zwingen und den Währungskurs drücken. Der starke Real ist Folge hoher Rohstoffexporte und verhagelt der brasilianischen Industrie die Exportchancen.
Bild: APRussland
300.000 Autos müssen ausländische Pkw-Hersteller in Russland mindestens vor Ort bauen, wenn sie die hohen Zolltarife bei Importen von Neufahrzeugen und Zulieferungen umgehen wollen. Auf diese Weise versucht die Regierung um Noch-Premierminister Wladimir Putin, die Hersteller zur Schaffung von Arbeitsplätzen im Inland zu motivieren. Außerdem drosselt der Staat bestimmte Exporte, etwa um den Getreidepreis im Inland niedrig zu halten
Bild: dpaUSA
50 Prozent ihrer Wertschöpfung müssen ausländische Hersteller im Inland erzielen, wenn sie bei US-Staatsaufträgen zum Zuge kommen wollen. Washington pumpt seit der Finanzkrise auch verstärkt direkte Subventionen in Industrien. Zu allem Übel forcieren die USA nur mehr regionale Freihandelsabkommen, die WTO ist für Washington kein Thema mehr.
Bild: REUTERSJapan
778 Prozent beträgt der Zollsatz auf Reis, mit dem Japan seine Landwirtschaft praktisch abschottet. In der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ist es außerdem üblich, heimischen Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen den Vorzug zu geben. Binnen zehn Jahren will Tokio alle Zölle auf null setzen – aber nur für Partner aus der Pazifikregion. Dass dies den globalen Freihandel aushöhlt, stört in Japan niemanden.
Bild: dapdArgentinien
35 Prozent beträgt der Zolltarif auf deutsche Autos, die nach Argentinien eingeführt werden. Trotzdem verpflichtet sich jeder Autobauer, seine Handelsbilanz auszugleichen: Wer Fahrzeuge aus ausländischen Werken einführt, muss argentinische Produkte wie Wein, Reis oder Leder ausführen. Was BMW mit argentinischem Reis anstellt, ist Sache der Deutschen.
Indien
75 Prozent beträgt der Zolltarif, den Indien auf Premiumautos wie jene von Mercedes-Benz erhebt. Bis Ende März galt noch ein Tarif von 60 Prozent. Im bevölkerungsreichen Indien sind für Investoren aus dem Ausland ganze Branchen tabu: Den Einzelhandel schottet die Regierung zugunsten der indischen Straßenhändler ab, indem Ausländern keine Lizenz erteilt wird. Der Staat schreibt die Preise für manche Medikamente vor und vergrault damit
Pharmahersteller wie Bayer.
Hintergrund sind die Sorgen der Regierung über die wachsende Kapitalflucht. 2011 haben die Argentinier 18,5 Milliarden Dollar aus dem Land geschafft – fast doppelt soviel wie im Vorjahr. Die Devisenreserven schrumpfen um 12 Prozent und betragen derzeit nur noch 46 Milliarden Dollar.
Einige führende Funktionäre im Wirtschaftsministerium denken bereits über eine Spaltung des Devisenmarkts nach, in einen für den Außenhandel und einen für Tourismus und finanzielle Überweisungen. So sollte dem jüngst florierenden Schwarzmarkt im Devisenhandel die Luft genommen werden. Die Regierung Kirchners erwägt zudem, die gleitende Abwertung des Pesos leicht und allmählich zu beschleunigen, wie am Sonntag die oppositionelle Zeitung „Clarín“ berichtete.
EU geht gegen Handelsrestriktionen vor
Denn mit 25 Prozent Inflation und einer jährlichen Peso-Abwertung von nur rund 10 Prozent verlieren viele Exportprodukte Argentiniens ihre Wettbewerbsfähigkeit. Um dem zu begegnen setzt die Regierung auf eine restriktive Importpolitik.
Die automatischen Importlizenzen wurden durch langwierige Genehmigungsverfahren ersetzt, die oft willkürlich gebremst werden. Wer seine Waren in Argentinien verkaufen will, soll sie im Land produzieren oder muss im gleichen Gegenwert argentinische Produkte ausführen.
Diese Maxime führt zu teilweise absurd anmutenden Wechselgeschäften: So kauft Porsche argentinischen Wein und Olivenöl, Adidas Möbel und BMW einigte sich nach zähem Ringen darauf, Soja, Leder und Reis zu exportieren.
Einige deutsche Firmen mit Niederlassungen in Buenos Aires haben inzwischen Produkte aus ihrem Angebot genommen, wegen der langen Importgenehmigungsfristen, die laut Angaben der Unternehmen bis zu 15 Monaten dauern. Über ein Drittel der EU-Exporte nach Argentinien stammen aus Deutschland, dem viertgrößten Handelspartner Argentiniens, nach Brasilien, China und den USA.
Die EU reagierte am Freitag gegen die Handelsrestriktionen, indem sie Argentinien vor der Welthandelsorganisation WTO verklagte. „Das Handels- und Investitionsklima in Argentinien verschlechtert sich“, erklärte EU-Handelskommissar Karel De Gucht. Die Maßnahme wurde auch als Repressalie gegen die Teilverstaatlichung des Erdölunternehmens YPF dargelegt. Die argentinische Regierung beabsichtigt mit der Enteignung der Repsol-Tochter, das 2011 eingetretene Defizit der Energiebilanz zu stoppen.
Doch die protektionistische Politik beflügelt die Wirtschaft nicht: Der Industrie-Verband UIA schätzt das Jahreswachstum Argentiniens für 2012 auf drei Prozent, falls die Regierung nicht ihren Kurs in der Handels- und Devisenpolitik ändert. Im Vorjahr wuchs das südamerikanische Land noch um 7,3 Prozent.











