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Edmund Phelps: "Die Finanzkrise hat die Wirtschaft verändert"

von Malte Fischer

Nobelpreisträger Phelps kritisiert die US-Konjunkturprogramme und fordert die deutsche Wirtschaft auf, mehr Risiko zu wagen.

Edmund S. Phelps Quelle: AP
Edmund S. Phelps Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Professor Phelps, der US-Konjunktur geht schon wieder die Puste aus. Wie groß ist die Gefahr, dass die Wirtschaft in die Rezession zurückfällt?

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Phelps: Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die US-Wirtschaft nur eine langsame und blutleere Erholung erlebt. Ich habe nie zu denjenigen gehört, die nach der Finanzkrise einen kräftigen Aufschwung vorhergesagt haben. Wenn die Wirtschaft so langsam wächst wie derzeit in den USA, steigt die Gefahr, dass sie ein unvorhergesehenes Ereignis aus der Bahn wirft.

Die US-Bürger müssen nach dem kreditfinanzierten Konsumboom der vergangenen Jahre den Gürtel enger schnallen. Fällt der Konsum als Konjunkturmotor langfristig aus?

Ich halte nichts von der These, dass die Wirtschaft vom privaten Konsum getrieben wird. Zwar können Veränderungen des Konsums kurzfristig Schwankungen der Konjunktur auslösen. Aber langfristig sind es die Investitionen, die das Wachstumstempo der Wirtschaft bestimmen. Hinter den Investitionen stehen Produkt- und Prozessinnovationen. Das geringe Wirtschaftswachstum in den USA ist eine Folge der schwächelnden Investitionen.

Die Ausrüstungsinvestitionen sind in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres um annualisiert rund 20 Prozent gestiegen. Da können Sie doch nicht von Schwäche sprechen.

Wenn wir über Investitionen reden, sollten wir nicht auf einzelne Quartalsdaten schauen. Entscheidend ist der langfristige Trend – und der sieht nicht gut aus. Seit Beginn dieses Jahrzehnts waren die Investitionen in den USA schwach, nach dem Ausbruch der Finanzkrise sind sie gesunken. Dass sie sich im Gefolge der Konjunkturerholung nun etwas berappelt haben, ändert nichts an ihrer strukturellen Schwäche.

Ist das auch der Grund für die schlechte Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt?

Die genaue Ursache für die schwache Beschäftigung ist noch unklar. In der Krise haben die Unternehmen ihre Investitionen zurückgefahren und Mitarbeiter entlassen, um die Produktivität zu steigern. Ähnlich verhielten sich die Unternehmen in der Großen Depression der Dreißigerjahre. Damals versuchten sie, den Output pro Kopf durch Entlassungen zu stabilisieren, was eine durchgreifende Besserung am Arbeitsmarkt verhinderte. Auch in den vergangenen anderthalb Jahren blieben die Produktivitätszuwächse hoch. An diesem Trend dürfte sich so schnell nichts ändern. Wir haben die beschäftigungssparenden Möglichkeiten des Internets und der neuen Kommunikationstechnologien noch gar nicht voll ausgeschöpft.

Heißt das, die USA müssen sich auf Langzeitarbeitslosigkeit einstellen, wie man sie bisher nur aus Europa kannte?

Die strukturelle Arbeitslosigkeit wird in den nächsten Jahren höher ausfallen. In den Neunzigerjahren lag die inflationsneutrale Arbeitslosenquote bei etwa 5,5 Prozent. Für die nächsten Jahre rechne ich mit Raten zwischen 7,0 und 7,5 Prozent.

Hat das langfristige Wachstumspotenzial der USA unter der Finanzkrise gelitten?

Die Finanzkrise hat die Wirtschaftsstruktur nachhaltig verändert. Nehmen Sie den Finanzsektor. Der glänzte lange Zeit durch überdurchschnittliche Produktivitätszuwächse. Ich erinnere mich, dass ich nach der Verleihung des Nobelpreises 2006 eine Vorlesung bei der Investmentbank Lehman Brothers gehalten habe. Die waren damals mächtig stolz darauf, dass sie die Arbeit, für die wenige Jahre zuvor noch 7000 Leute benötigt wurden, mit nur 700 Leuten erledigen konnten. Wenn ein großer Sektor wie das Finanzwesen mit so hohem Produktivitätswachstum plötzlich schrumpft, hat das negative Auswirkungen auf das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial.

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1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 11.10.2010, 11:46 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    Um das einmal auf den Punkt zu bringen: deutsche Wirtschaft braucht *überhaupt* kein Risiko zu wagen. Als eines der wenigen Länder der Welt, die noch nennenswerte industrie haben (im Unterschied zu den USA) hat es Deutschland gut: hier wird das Vermögen erzeugt (Dienstleistungen erzeugen praktisch gar nichts). Qualitativ hochwertige industriegüter werden immer gebraucht, und da entfaltet sich die deutsche innovation: in der ingenieurkunst.

    Mit Respekt: das sollten die Amis neu erlernen. Es ist schön, dass es tolle chinesische Produkte mit US-Design gibt (iPhone etc.), aber das Design reicht eben nicht aus.

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