Ein Jahr nach der Rettung: Irlands Glück bleibt ein zartes Pflänzchen

Ein Jahr nach der Rettung: Irlands Glück bleibt ein zartes Pflänzchen

, aktualisiert 25. November 2011, 13:48 Uhr
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Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise protestiert Eamonn Reid gegen die Sparmaßnahmen der Regierung.

von Katharina Slodczyk und Michael MaischQuelle:Handelsblatt Online

Die Iren flüchteten als erste unter den Rettungsschirm von EU und IWF. Das Land unterzog sich einer Schocktherapie und gilt inzwischen als Musterschüler. Ein Vorbild für infizierte Euro-Länder im Süden ist es aber nicht.

DublinMichael Noonan ist Realist. „Wir stehen noch immer am Anfang einer langen und schwierigen Reise“, sagte der irische Finanzminister gestern auf einer Tagung des Unternehmerverbandes der Insel. Noonan hat Recht: Zwar hat sich Irland in den vergangenen Monaten zum Musterschüler unter den Krisenstaaten der Eurozone entwickelt, aber auch ein Jahr nachdem das Land unter den Rettungsschirm von EU und Internationalem Währungsfonds schlüpfen musste, steht trotz aller Sparanstrengungen und Exporterfolge noch immer nicht fest, ob die Iren es schaffen werden, sich am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf zu ziehen.

Kevin Daly, Volkswirt bei Goldman Sachs bringt die Lage auf den Punkt: „Irland hat bemerkenswerte Fortschritte gemacht, aber ist noch weit davon entfernt, auf der sicheren Seite zu sein“.

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Vor einem Jahr hatte Irlands de facto den Staatsbankrott anmelden und bei der EU und dem IWF um Hilfe nachsuchen müssen. Binnen einer Woche stand ein Hilfspaket, das am Ende 85 Milliarden Euro umfasste. Die Regierung kippte, Land und Wirtschaft erlebten einen schmerzhaften Kulturbruch.

Wie groß diese Fortschritte ein Jahr später sind, lässt sich am Anleihemarkt ablesen: Mitte Juli stand die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen des überschuldeten Landes auf präzise 13,78 Prozent, ein trauriger Rekord. So hohe Risikoaufschläge mussten die Iren seit Einführung des Euros noch nie bezahlen. Trotz des Chaos an den Märkten und der sich immer weiter zuspitzenden Eurokrise schmolz die Rendite aber in den vergangenen Monaten auf etwa gut acht Prozent zusammen.

Dieser Vertrauensbeweis der Investoren ist der Lohn dafür, dass die Iren im Gegensatz zu den Griechen bislang tapfer alle schmerzhaften Sparvorgaben erfüllen, und damit nicht nur das aus dem Ruder gelaufene Budgetdefizit reduzieren, sondern auch ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht haben. Das erkennen auch die Ratingagenturen an. Irland habe seine Wirtschaft schneller umgebaut, als der Rest der Krisenstaaten in der Eurozone, die Löhne seien gesunken, die Exporte gewachsen, lobt Standard & Poors’s.

Tatsächlich sind die flexiblen und exportorientierten Unternehmen, der wichtigste Vorteil, der die Iren von ihren Leidensgenossen im Süden der EU unterscheidet. Seit dem Ausbruch der Krise 2008 sind die irischen Arbeitskosten um 11,5 Prozent gesunken, während die Ausfuhren um 14,6 Prozent zulegten.


Ausländische Firmen halfen aus der brutalen Rezession

Vor allem dank der robusten Entwicklung der ausländischen Firmen, die die Regierung mit ihrer Niedrigsteuerpolitik auf die Insel gelockt hat, überwand die irische Wirtschaft in diesem Jahr die brutale Rezession, die das Bruttoinlandsprodukt seit 2008 um insgesamt 15 Prozent schrumpfen ließ. Im ersten Quartal 2011 wuchs die Wirtschaftsleistung wieder mit robusten 1,9 Prozent und im zweiten Vierteljahr mit 1,6 Prozent.

Aber die Iren wissen, dass ihre Exportstärke zugleich eine Schwäche ist. Sollte sich die Weltwirtschaft tatsächlich wie von der großen Mehrheit der Volkswirte befürchtet empfindlich abkühlen, würde das auch den vielversprechenden irischen Aufschwung in Frage stellen, denn die heimische Wirtschaft ist nach den diversen Sparrunden der Regierung noch immer schwer angeschlagen.

Seit Ausbruch der Krise summiert sich das Konsolidierungspaket auf 13 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, und Irland muss weiter sparen. Allein für das kommende Jahr hat Finanzminister Noonan noch einmal ein Ziel von 3,8 Milliarden Euro vorgegeben. Zwei Drittel davon sollen durch Kürzungen zusammenkommen, ein Drittel durch Steuererhöhungen.

„Die Binnennachfrage liegt danieder“, warnt denn auch Philip Lane, Ökonomieprofessor am Trinity College. „Die Menschen versuchen ihr Geld zusammenzuhalten, der Anteil des Einkommens, der gespart wird, ist von drei auf 13 Prozent gestiegen.“ Verschärft werden die Probleme für die heimische Wirtschaft durch die hohe Arbeitslosigkeit, die auf über 14 Prozent geklettert ist.

Aber auch ohne diese Probleme wäre der Plan von Regierungschef Enda Kenny, das Budgetdefizit bis 2015 von rund zehn Prozent auf unter drei Prozent zu drücken, ehrgeizig gewesen. Kennys Prognosen beruhten darauf, dass die irische Wirtschaft ab 2013 wieder mit drei Prozent jährlich wächst. Inzwischen weiß auch Kenny, dass das angesichts der Probleme der Weltwirtschaft kaum möglich sein wird.


Am Ende entscheidet der Kapitalmarkt

Für das kommende Jahr hat die Regierung in Dublin ihre Wachstumsprognose bereits von 2,5 Prozent auf 1,6 Prozent zurückgenommen. „Die Rückkehr zum Trendwachstum wird sich verschieben“, räumt ein hochrangiger Regierungsbeamter ein.

Dank des 85 Milliarden Euro schweren Hilfspakets von EU und Internationalem Währungsfonds hat die Regierung in Dublin bis 2013 Zeit, bis sie wieder frisches Geld am Markt bei Anleiheinvestoren einsammeln muss. Dieses Ziel ist trotz der deutlich langsamer als erhofften Erholung der Wirtschaft noch immer erreichbar. Die EU geht davon aus, dass die irische Staatsverschuldung im nächsten Jahr mit 118 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ihren Gipfel erreichen wird, viel weniger als die 166 Prozent, die Brüssel für Griechenland befürchtet.

Aber die Iren wissen auch, dass ihr Schicksal nur noch begrenzt in ihrer eigenen Hand liegt. „Wir haben unsere Hausaufgaben zum großen Teil erledigt, jetzt hängt vieles davon ab, wie sich die Eurokrise weiter entwickelt“, heißt es in Dubliner Regierungskreisen. Sollte eine neue Krise der Weltwirtschaft die geplante Rückkehr an den Kapitalmarkt verhindern, bräuchte Irland noch einmal ein bis zu 25 Milliarden Euro schweres Hilfspaket, prognostiziert der Dubliner Broker Bloxham.

Aber selbst wenn Kennys Kraftakt gelingen sollte, dürften die Leiden der Iren noch nicht zu Ende sein. „Die Politik sagt, wir müssen jetzt zwei, drei Jahre sparen, dann sind wir aus dem Gröbsten raus. Aber es wird deutlich länger dauern. Jede Regierung in den nächsten 20 Jahren wird sparsam sein müssen, um diese Schuldenlast abzubauen“, glaubt Wirtschaftsprofessor Lane.

Quelle:  Handelsblatt Online
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