Ein Rechtsaußen im Wahlkampf: Die Methode Geert Wilders

Ein Rechtsaußen im Wahlkampf: Die Methode Geert Wilders

, aktualisiert 05. März 2017, 19:59 Uhr
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Aus Sicherheitsgründen kündigt Geert Wilders seine öffentlichen Auftritte lieber nicht an. Nur die Presse weiß stets Bescheid.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Rechtsaußen Geert Wilders mischt die niederländische Politik auf. Dabei tritt er persönlich im Wahlkampf bisher kaum öffentlich in Erscheinung. Der Mann mit der blonden Haartolle bevorzugt andere Methoden.

SpijkenisseAuf dem Marktplatz von Spijkenisse bei Rotterdam sieht Holland genauso aus, wie man es sich vorstellt. In der Mitte eine Backsteinkirche und ringsum eng aneinandergeschmiegte Häuser mit großen Fenstern. Die Marktleute bieten alles an, was als typisch holländisch gilt: Käseräder und Matjeshering, Tulpen und Gewächshaustomaten. Und doch ist irgendetwas anders als sonst.

Denn mit einem Mal wimmelt es von Reportern. Fernsehteams bringen Kameras in Stellung. Eine Radiojournalistin nimmt ein Interview auf. „Wissen Sie, dass heute Geert Wilders hierher kommt?“, fragt sie eine Frau. Nein, das weiß sie nicht. Und auch der nächste Passant hat nichts davon gehört. Geert Wilders kommt ohne Anmeldung.

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Wenn er sich überhaupt in die Öffentlichkeit wagt, dann fällt er plötzlich irgendwo ein - aus Sicherheitsgründen: Der Rechtsaußen der niederländischen Politik gilt als hochgradig anschlagsgefährdet. Und dies nicht erst, seit er ein Verbot des Korans und die Schließung aller Moscheen in den Niederlanden fordert. Seine Auftritte kündigt der Populist lieber nicht an. Nur die Presse weiß stets Bescheid.

Ein erklärter Wilders-Fan ist Aad Stoutjesdijk (64), der auf dem Markt Computerzubehör verkauft. Er hält einen Zettel hoch, auf dem Wilders mit seiner charakteristischen Haartolle abgebildet ist, daneben der Slogan: „Nederland weer van ons“ (Die Niederlande müssen wieder uns gehören). Früher hat Stoutjesdijk seine Stimme immer der Partei der Arbeit - kurz PvdA - gegeben. Die Arbeiterstadt Rotterdam war nach dem Krieg jahrzehntelang eine Bastion der Sozialdemokraten. Doch für die Parlamentswahl am 15. März sagen die Umfragen ihnen nur noch 7 bis 10 Prozent voraus.

Wilders dagegen könnte mit bis zu 20 Prozent womöglich stärkste Kraft werden. Anfang März gingen seine Werte jedoch etwas zurück.

Die Randbezirke von Rotterdam sind eine Hochburg seiner Partei für die Freiheit (PVV), die nur aus einem einzigen Mitglied besteht: ihm selbst. Seine Unterstützer mögen Freiwillige, Sponsoren und auch Mitglieder der PVV-Parlamentsfraktion sein. Parteimitglieder sind sie nicht. Das sichert dem 53-Jährigen das alleinige Sagen und verhindert Flügelkämpfe wie etwa bei der AfD in Deutschland.

Wilders spreche aus, was die Leute wirklich dächten, sagt Stoutjesdijk. „Es ist doch so: Wir leben hier in den Niederlanden, wir haben eine niederländische Kultur, und die wollen wir behalten. Nicht wir müssen uns an die Gäste anpassen, sondern die Gäste an uns.“ Die etablierten Parteien hätten leider kapituliert: „Wilders ist meine letzte Hoffnung.“


Wilders weiß, wie er die Aufmerksamkeit auf sich lenkt

Seine Stammkunden Alex Nusink (63) und Wil Offerhuis (61) stimmen ihm zu. „Die Niederlande sind einfach nicht mehr die Niederlande“, meint Nusink, auch er ein ehemaliger Sozialdemokrat, der jetzt Wilders wählt. „Dass wir noch nicht einmal Nikolaus mit Schwarzen Pieten feiern dürfen, das ist komplett verrückt.“

Nikolaus ist im Dezember das große Familienfest in den Niederlanden, und der Begleiter des Heiligen Mannes ist ein Mohr mit schwarzer Haut und roten Lippen. Nicht nur Zuwanderer finden das rassistisch, so dass Piet inzwischen oft nicht mehr schwarz daherkommt, sondern bunt.

Wenn es nach Wilders geht, werden bunte oder weiße Pieten gesetzlich verboten, nur die schwarzen sollen noch erlaubt sein. Natürlich ist das abstrus - doch gerade deshalb spricht man darüber. Nach dieser Methode bestimmt Wilders seit über zehn Jahren die politische Tagesordnung mit: Er sagt oder twittert etwas Provozierendes, die anderen Parteien reagieren, viele regen sich auf. Und schon spricht alles nur noch über ihn.

Zwar hat Wilders noch nie selbst regiert. Bei einem Kongress europäischer Rechtsparteien in Koblenz war er im Januar jedoch mit der französischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen der Star. Mit dem Slogan „Europa braucht Frauke statt Angela“ löste er Begeisterungsstürme bei Anhängern von AfD-Chefin Frauke Petry aus.

Wilders-Wähler leben oft in ihrer eigenen Welt. Untersuchungen haben gezeigt, dass sie ihre Zukunft pessimistisch einschätzen und Angst vor Veränderungen haben. Viele wohnen in stagnierenden Industriegebieten oder auf dem Land, wo die Jungen wegziehen. Sie fühlen sich als Verlierer.

Auf dem Wilders-Reklamezettel steht deshalb nicht nur „Der Islam gehört nicht zu den Niederlanden“, sondern auch: „Rente ab 65“, „Mehr Personal in der Pflege“ und „Niedrigere Mieten und Steuern“. Diese Mischung aus rechten Parolen und klassischen linken Forderungen betrachten Politologen als das Erfolgsrezept von Wilders.

Inzwischen tut sich etwas am Ende des Platzes. Die Polizei hat Absperrgitter aufgestellt - wegen der vielen Journalisten. Vom Kirchturm schlägt es elf Uhr. Pünktlich biegt Wilders um die Ecke, umgeben von finster dreinblickenden Leibwächtern. Dennoch ist er gut zu sehen, denn der 1,95-Meter-Mann überragt die meisten und seine hellblond gefärbten Haare leuchten wie Goldlametta.

Als Wilders den Hauptpulk der Journalisten erreicht, gibt es kein Halten mehr: Reporter und Kamerateams durchbrechen die Absperrung und stürzen auf ihn zu. Ob die Lage in den Niederlanden denn wirklich so schlecht sei, wird er gefragt. Das Land zähle doch zu den reichsten der Welt, die Arbeitslosigkeit sinke ebenso wie die Kriminalität? Wilders spricht lieber über sein Lieblingsthema: „Schauen Sie sich die Islamisierung an!“

Schnell hat sich der Rechtsaußen-Politiker in Fahrt geredet. Er spricht vom „marokkanischem Abschaum“. Und von jugendlichen Straßenräubern, gegen die nichts getan werde, während anständige Niederländer ein Bußgeld bezahlen müssten, sobald sie auch nur zehn Kilometer zu schnell führen. „Für diese Menschen haben wir eine Botschaft: Wir werden am 15. März - wenn Sie uns Ihre Stimme schenken - die Niederlande den Niederländern zurückgeben.“


Die anderen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit Wilders ausgeschlossen

Schon Wilders' Vorläufer, der Soziologe und Dandy Pim Fortuyn (1948-2002), sah sich als Verteidiger niederländischer Werte wie Toleranz und Liberalität. Die Angst, dass muslimische Zuwanderer die Niederlande verändern könnten, reicht bis tief in die Mitte der Gesellschaft. Der Anteil der Muslime liegt bei ungefähr sechs Prozent, in etwa in vergleichbarer Größenordnung wie in Deutschland.

Wilders kommt nur schrittweise voran. Er schüttelt Hände, macht Selfies. Überall in Europa werde sich das Volk die Macht von der Elite zurückholen, sagt er. „Was jetzt in Holland passiert, wird sich danach in Frankreich, in Deutschland und allen anderen Ländern, wo gewählt wird, wiederholen.“

Fortgeschrittenes Alter, weiße Hautfarbe, männlich - der Statistik nach könnte Dirk Bosma (67) ein klassischer Wilders-Wähler sein. Ist er aber nicht. „Ich bin ein entschiedener Gegner von Wilders“, stellt er klar. „Ich habe Angst vor ihm. Ich finde, man muss einen Menschen danach beurteilen, was er tut. Und nicht danach, was er ist.“

Wilders ist nun schon wieder auf dem Rückweg. Den eigentlichen Markt hat er überhaupt nicht betreten, wirklicher Kontakt zum „niederländischen Volk“ - über das er so gern und oft spricht - ist nicht zustande gekommen. Der ganze Auftritt fand fast nur für die Medien statt. Irgendwann ruft die Polizei: „Zurückbleiben!“ - und Wilders steigt in eine schwarze Limousine. Dann ist er weg.

Aad Stoutjesdijk ist ein bisschen enttäuscht. „Ich hätte es schön gefunden, wenn ich mit ihm hätte reden können“, sagt er. „Ich bin nämlich nur zu 85 Prozent mit ihm einer Meinung.“

Dass Wilders einmal seine Anhänger gefragt hat, ob sie „mehr oder weniger Marokkaner“ haben wollten, worauf diese dann „weniger“ brüllten, das geht Stoutjesdijk zu weit. „Vermutlich meinte er damals: „weniger kriminelle Marokkaner“. Aber das muss er dann auch so sagen. Das ist es, was ich ihm gern erzählen wollte.“

Denn wenn Wilders sich nicht mäßige, dann werde er eben doch nicht stärkste Kraft. Die jüngsten Umfragen deuteten bereits darauf hin. Dann würden die anderen Parteien auch keine Koalition mit ihm bilden.

Tatsächlich haben der rechtsliberale Ministerpräsident Mark Rutte und die anderen Parteien eine Zusammenarbeit ausgeschlossen. Um zu regieren, bräuchte Wilders mehrere Partner.

Die Polizisten stehend noch lachend zusammen. Die Anspannung ist von ihnen abgefallen. Das Marktleben in Spijkenisse geht wieder seinen geordneten Gang. Fast könnte man meinen, in Holland wäre alles noch wie früher.

Quelle:  Handelsblatt Online
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