Ein Streitgespräch: Allez les deux!

Ein Streitgespräch: Allez les deux!

Roland Tichy, Chefredakteur der WirtschaftsWoche, und Laurent Guez, Chefredakteur L’Usine Nouvelle, über Vorurteile, Trugbilder, französische Raffinesse und deutsche Nutznießer.

Tichy: Gelten die Deutschen noch immer als geizig, unsolidarisch und unkultiviert?

Guez: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Franzosen ein sehr negatives Bild von Deutschland. Das ist vorbei. Im Gegenteil, heute bewundern und beneiden die Franzosen ihre deutschen Nachbarn vor allem wegen ihres wirtschaftlichen Erfolges.

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Tichy: Dabei ist dieser Erfolg doch gerade mal 18 Monate alt – seit Deutschland aus der Finanzkrise aufgetaucht ist. Davor galten wir in Europa als Schlusslicht. Beim Wirtschaftswachstum wurden wir immer wieder als „newly declining economy“ bemitleidet.

Guez: Das wäre Ihnen in Frankreich nicht passiert. Die Franzosen erleben die Deutschen schon seit dem Fall der Mauer nicht mehr als mitleidbedürftig. Die entschlossene Schaffung eines einheitlichen deutschen Staates, der Aufbau in Ostdeutschland, fast ohne Hilfe des Auslandes, hat uns sehr beeindruckt.

Tichy: Dieser Kraftakt hat uns um 15 Jahre zurückgeworfen und rund 1,5 Billionen Euro gekostet. Trotzdem sehnen sich viele Menschen in den neuen Bundesländern wieder nach der ehemaligen Diktaturdes Proletariats. Und in Westdeutschland schaut man voller Neid auf die neuen Straßen und Schulen im Osten. Nicht zuletzt wegen der Erfahrungen aus der Wiedervereinigung haben die Deutschen auch so große Angst vor der Milliardenrechnung zur Rettung des Euro und für die Pleiteländer am südlichen Rande Europas.

Guez: Ohne Solidarität geht es nicht. Wir Franzosen haben inzwischen sehr viel Angst vor der Euro-Angst der Deutschen. Deutschland ist auch Nutznießer des Euro.

Tichy: So wie andere Euro-Länder auch. Französische oder belgische Firmen profitieren ebenso beim Export wie die Deutschen, weil sie zum Beispiel ihr Währungsrisiko nicht mehr absichern müssen. Die Fußkranken in Süd- und Westeuropa profitieren von günstigeren Zinsen. Wir Deutschen haben heute Angst, dass man uns das Argument vom Hauptnutznießer des Euro immer wieder serviert und wir ewig für den Euro zahlen müssen.

Guez: Deutschland ist nicht der einzige Zahler. Pro Kopf zahlen die Franzosen genauso viel. Mit dem Euro erhalten sich die Deutschen ihre Exportchancen. Früher haben die Italiener oder die Griechen, aber auch die Franzosen ihre Währung einfach abgewertet, wenn sie beim Export Probleme bekamen, und damit ihre Waren bei der Ausfuhr um 10 oder 20 Prozent verbilligt. Das hat den deutschen Exporteuren das Leben schwer gemacht. Aber seit der Einführung des Euro läuft diese Tour nicht mehr.

Tichy: Trotzdem, die Deutschen haben diese Angst perfektioniert, dass sie letztlich zur „working class“ Europas werden. Es ist auch die Angst davor, dass die französische Regierung über die Höhe eines Ausgleichsfonds, einer europäischen Umverteilungspumpe, entscheidet und die Deutschen dafür zahlen müssen. Die Deutschen wollen dagegen die Verantwortlichkeit bei jedem einzelnen Land belassen.

Guez: Glauben Sie, die deutsche Regierung lässt sich so einfach über den Tisch ziehen?

Tichy: Deutsche Politiker wollen von den Franzosen vor allem geliebt werden und wenn es hart auf hart kommt, werden sie von der routinierten französischen Diplomatie überrollt.

Guez (lacht): Es ist absurd. Die Deutschen haben Angst vor den Franzosen, und die Franzosen haben ihrerseits Angst vor den Deutschen – nicht nur wegen des Euro, sondern auch wegen der Geschlossenheit der Deutschen bei der wirtschaftlichen Expansion ins Ausland. Das sieht oft aus wie eine konzertierte Aktion. Da helfen sich deutsche Unternehmen einander, einmal in der Kette als Lieferer und Kunden, zum Teil sogar aber selbst als Konkurrenten. Dazu kommt noch die effiziente Unterstützung durch die Botschaften, Handelskammern und die deutschen Wirtschaftszentren vor Ort. Dagegen hat das einzelne französische Unternehmen kaum eine Chance.

Tichy: Wirklich? In Deutschland glauben dagegen viele, dass es eine Bruderschaft von Absolventen der Eliteschule ENA gibt, die auf Befehl des Élysée-Palasts die französische Industriepolitik koordinieren. Dieser geheime Orden einer elitären Gesellschaft, so die Befürchtung, zieht die arglosen deutschen Politiker und unsere braven mittelständischen Unternehmer über den Tisch.

Guez: Die Macht unserer Enarchen wiegt schon schwer. Aber Deutschlands Industrie ist mächtiger. Sehen Sie, in den vergangenen zehn Jahren hat Deutschland seinen Abstand bei den Lohnstückkosten vermindert und damit seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Frankreich erheblich gestärkt. Wie ist so etwas möglich? Die Deutschen sind eben zum kollektiven Handeln fähig, während in Frankreich jeder gegen jeden kämpft. In Deutschland sind selbst schmerzhafte Reformen möglich.

Tichy: Da habe ich meine Zweifel.

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