Einblick: Der nächste Maschinensturm

kolumneEinblick: Der nächste Maschinensturm

Kolumne von Miriam Meckel

Roboter werden nicht massenhaft Arbeitsplätze in den Industrieländern vernichten. Die Ungleichheit könnten sie dennoch befördern.

Gleiches muss gleich behandelt werden. Das ist die Maßgabe, die gute Wirtschaftspolitik leiten sollte, um allen dieselben Entwicklungs- und Aufstiegschancen zu eröffnen. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Microsoft-Gründer Bill Gates zu der Forderung veranlasst hat, Roboter müssten besteuert werden. „Wenn der Roboter das Gleiche macht wie ein Mensch, muss er auch genauso besteuert werden“, sagte Gates in einem Interview. In Deutschland wurde er dafür gefeiert und erntete ansonsten eine Welle des Widerstands.

Aufstieg der Cyborgs "Die größte Revolution seit Beginn des Lebens"

Cyborgs und unbesiegbare Immunsysteme: Bald spielen wir dank des technologischen Fortschritts Gott, sagt Bestsellerautor Yuval Harari. Die Menschheit stehe vor dem größten Update aller Zeiten.

Cyborg-Evolution: "Das größte Update aller Zeiten" Quelle: Getty Images

Es ist gängige Meinung, dass Roboter bald Millionen von Arbeitsplätzen weltweit verschwinden lassen werden. Das selbstfahrende Auto macht Lkw-, Taxi- und Lieferdienstfahrer arbeitslos, der operierende Roboter den Arzt und der Bot den Mitarbeiter im Callcenter. Die Annahme ist eingängig und doch grundfalsch. Mit dem technologischen Fortschritt werden sich Tätigkeiten und Berufsbilder verändern, aber sie werden nicht gleich verschwinden. Ist es denn ein Traumberuf, tagelang am Steuer zu sitzen und auf die Straße zu starren, stundenlang mit nörgeligen Kunden am Telefon über Gebrauchsanweisungen zu diskutieren? Kaum auszudenken, was man alles erledigen könnte, wenn diese Tätigkeiten weitgehend automatisiert vonstatten gingen.

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In jedem Fall kann intelligente Technik menschliche Arbeitsbedingungen verbessern. Besteuern wir sie, geschieht das langsamer oder gar nicht. Längst gibt es auf der Welt ein Überangebot an Arbeitskraft. Werden die Roboter besteuert, beginnt damit ein Rattenrennen zwischen Mensch und Maschine, das sich langfristig negativ auf die Entlohnung menschlicher Arbeit auswirken wird.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

  • 1950 - Alan Turing

    Der britische Informatiker entwickelt den nach ihm benannten Test. Er soll ermitteln, ob eine Maschine denken kann wie ein Mensch. Ein russischer Chat-Roboter soll ihn 2014 erstmals bestanden haben.

  • 1956 - Dartmouth-Konferenz

    Experten einigen sich auf den Begriff "Künstliche Intelligenz". Der Rechner IBM 702 dient ersten Forschungen.

  • 1974 - Erster KI-Winter

    Katerstimmung bei den Forschern: Die Fortschritte bleiben hinter den Erwartungen zurück. Computer sind zu langsam, ihre Speicher zu klein, um die Daten von Bildern oder Tönen zu verarbeiten. Budgets werden gestrichen, erst ab 1980 geht es wieder voran.

  • 1997 - Deep Blue

    Der Supercomputer von IBM siegt im Schachduell gegen Weltmeister Garry Kasparov. Die Maschine bewertete 200 Millionen Positionen pro Sekunde. 2011 siegt IBMs Software Watson in der Quizsendung "Jeopardy".

  • 2005 - Ray Kurzweil

    Der KI-Forscher sagt in einem Buch für das Jahr 2045 den Moment der "Singularität" voraus: Die Rechenleistung aller Computer erreicht die aller menschlichen Gehirne. Seit 2012 arbeitet Kurzweil für Google an KI-Systemen.

  • 2014 - KI-Boom

    Ein Google-Programm beschreibt präzise in ganzen Sätzen, was auf Fotos zu sehen ist. Nahrungsmittelkonzern Nestlé kündigt an, 1000 sprechende Roboter namens Pepper in seinen Kaffeeläden in Japan als Verkäufer einzusetzen. Physiker Stephen Hawking warnt: KI könne eines Tages superschlau werden – und die Menschheit vernichten.

  • 2045 - Roboter-Revolution

    Computer sind schlau wie Menschen – und machen sogar Witze. Fabriken, Verkehr und Landwirtschaft sind nahezu komplett automatisiert.

Technologische Innovation ist kein Nullsummenspiel. Nicht jeder Job wird erhalten werden oder sich gleichermaßen weiterentwickeln. Aber kann denn das überhaupt das Ziel sein? Dann säßen wir heute noch an Webstuhl und Dampfmaschine. Deutschland setzt dreimal so viele Roboter pro Arbeitsstunde ein wie die USA. Und dennoch hat Deutschland in 15 Jahren nur 19 Prozent seiner Industriearbeitsplätze verloren, die USA hingegen 33 Prozent. Die Gleichung mehr Roboter gleich weniger Industriearbeitsplätze geht also nicht auf.

Zugegeben: Hier spielen viele Faktoren hinein, die Kurzschlüsse verbieten. Es gibt beispielsweise gute Gründe für die Befürchtung, durch Roboter könnte die Ungleichheit wachsen. Das geschieht, wenn – kurz gesagt – durch billige Arbeitskraft der Automaten die Lohnquote sinkt und die Kapitalquote steigt. Will man dagegen etwas tun, muss man Kapitaleinkünfte höher, Lohneinkünfte niedriger besteuern. Roboter sollen uns nicht ersetzen, sondern die menschlichen Fähigkeiten unterstützen und erweitern. Sie sind Hilfsmittel zur Verbesserung menschlicher Arbeitskraft und können so für den lang ersehnten Produktivitätszuwachs sorgen. Als Mittel, nicht als Zweck. Ungleiches muss also ungleich behandelt werden. Menschen sollten Roboter steuern, nicht besteuern.

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