Einblick: Privater Boom

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Klaus Methfessel

Warum Indien nicht das „nächste China“ ist.

Für den Soziologen Max Weber lag es nicht zuletzt an der Religion, dass der moderne industrielle Kapitalismus in Europa Gestalt annahm. Nur hier hatte sich der im asketischen Protestantismus wurzelnde, aktive rationale „kapitalistische Geist" (Weber) durchgesetzt. Der chinesische Konfuzianismus war Weber zufolge zwar rational, aber inaktiv; der Islam – aktiv, aber irrational; der Hinduismus – inaktiv und irrational. Verständlich, dass Webers Thesen im Westen als Bestätigung der eigenen strukturellen Vorherrschaft gesehen wurden.

Zuerst haben die Chinesen Weber widerlegt, jetzt tun es auch Indiens 900 Millionen Hindus und 150 Millionen Muslime. Der Wirtschaftsboom auf dem Subkontinent zeigt, was ein Land vermag, wenn es sich nicht länger der Globalisierung verschließt: In den anderthalb Jahrzehnten seit Öffnung seiner Märkte erzielte Indien das zweithöchste Wirtschaftswachstum in der Welt nach China. In der Zeit befreiten sich mehr Inder aus der Armut als in dem halben Jahrhundert zuvor.

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Insofern ist Indien das „nächste China" – und auch wieder nicht. Denn die beiden Länder unterscheiden sich grundlegend. Indien hat wenig gemein mit dem exportgetriebenen ostasiatischen Wachstumsmodell. Anders als in Japan, Korea oder China haben Indiens Regierungen den Aufbau der Infrastruktur vernachlässigt, eine sektorale Industriepolitik gibt es nicht. Es sind die dynamischen und innovativen Familienbetriebe, die den Boom vorantreiben, und nicht Staatskonzerne wie in China. Indien hat mehr international erfolgreiche Unternehmen hervorgebracht als China, trotz seines niedrigeren Bruttoinlandsproduktes.

Während in China die Partei die Orientierung vorgibt, prägen in Indien die vielen Millionen Angehörigen der jungen, wachsenden Mittelschicht das Bild, chaotisch und ungeplant, aber mit ungeheurem Ehrgeiz und gut ausgebildet, und von der Wirtschaft umworben als Arbeitskräfte und Konsumenten. Auch das zeigt den Unterschied zu China: Dort trägt der private Verbrauch nur 36 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, in Indien sind es 57 Prozent.

Indiens Politiker rühmen ihr Land gern als die „am schnellsten wachsende demokratische Marktwirtschaft der Welt". Das ist sicher richtig, klingt aber ein wenig zu selbstgefällig. Denn seit der Öffnung des Landes ist der Reformprozess im Hickhack der Parteien erstickt. Mit der Folge, dass der Subkontinent hinter seinem Wachstumspotenzial zurückbleibt. „Demokratie bedeutet in Indien häufig nicht den Willen der Mehrheit, sondern den von organisierten Minderheiten", analysiert der Politikwissenschaftler Fareed Zakaria.

Das Scheitern des Tata-Autokonzerns beim Bau der Nano-Fabrik in Westbengalen ist dafür nur das jüngste Beispiel. Anstatt sich auf dem Boom auszuruhen, sollten Indiens Politiker den bürokratischen und korrupten Staatsapparat modernisieren. Ansonsten fällt Indien weiter hinter China zurück: Erzielten die Inder 1960 noch ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als die Chinesen, beträgt es heute weniger als die Hälfte.

Im jüngsten Human Developement Index der Uno erreicht Indien nur Platz 128 von 177 Ländern – und verschlechtert sich trotz Boom gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze. China liegt auf Rang 81. Chinesen haben im Durchschnitt eine um acht Jahre höhere Lebenserwartung als Inder, ihre Analphabetenquote ist 30 Prozent niedriger.

Dass einzelne Bundesstaaten wie das südindische Kerala bei diesen Kriterien so gut wie China abschneiden, zeigt, dass der generelle Rückstand Indiens nicht zwangsläufig ist, sondern Ergebnis schlechter Regierung, „des traditionellen Elitismus der indischen Oberklasse", wie der indische Ökonom Amartya Sen kritisiert. An der Religion jedenfalls liegt es nicht.

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