Einblick: The Times They Are A-Changin’

kolumneEinblick: The Times They Are A-Changin’

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Der amerikanische Sänger und Musiker Bob Dylan im Jahr 1984.

Kolumne von Miriam Meckel

Das Prinzip „Pacta sunt servanda“ ist irgendwie von gestern.

Kein Anschluss unter irgendeiner Nummer. Bob Dylan, frisch ernannter Literaturnobelpreisträger, geht seit Tagen nicht ans Telefon, wenn die Schwedische Akademie anruft. Die Nachricht hat sich inzwischen sicher auch so zu ihm rumgesprochen, aber die Politik der leeren Leitung lässt längst die erste Welle der Empörung anrollen. Wie kann man sich so dem Preis verweigern? Das gehört sich nicht. Es ist ungeschriebenes Gesetz, dass der Literaturnobelpreis toll ist, also muss man ihn nehmen (außer man heißt Jean-Paul Sartre). Dylan aber hat mit solchen Konventionen keine Verträge. Ihm geht der Preis am Allerwertesten vorbei, den er lieber auf eine Bühne schwingt, um von den sich ändernden Zeiten zu singen („The Times They Are A-Changin’“).

Damit liegt der Mann voll im Trend. „Pacta sunt servanda“ ist irgendwie von gestern. Da gab es mal die Vorstellung nach der Prinzipal-Agent-Theorie, dass der mit dem Führen eines Unternehmens Beauftragte seine Entscheidungen im besten Sinne des Unternehmens und seiner Angestellten zu treffen habe. Der Fall Kaiser’s Tengelmann ist ein Beispiel fürs Gegenteil. Mit dem Wohlergehen der Firma und seiner 15 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Chefs von Edeka, Kaiser’s und Rewe keine Verträge. In einer Schlacht der megalomanischen Egos von Karl-Erivan Haub und Alain Caparros wurde eine in Aussicht genommene gute Lösung in den Nährboden der Eitelkeiten gestampft. Jetzt wird zerschlagen – zunächst das Unternehmen Kaiser’s Tengelmann und mit ihm dann wohl auch die Hoffnung von vielen Menschen, die darauf gehofft hatten, ihre Arbeitsplätze könnten gesichert werden.

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Man darf übrigens heute ganz ungeschützt sagen, dass Verträge das Papier nicht mehr wert sind, auf dem sie geschrieben stehen. Der französische Präsident François Hollande hat soeben öffentlich zugegeben, dass er nicht daran denkt, die in Maastricht vereinbarten Stabilitätskriterien der EU einzuhalten. Unter einem doppelten Salto der Finanztrickserei macht Hollande es allerdings nicht. Er faselt sogar von einem „Geheimvertrag“, in dem festgelegt sein soll, dass der Maastricht-Vertrag in Sachen Schuldengrenzen Makulatur ist. Verträge sind einzuhalten, es sei denn, man macht einen Vertrag, der das Gegenteil vorsieht. Wundert sich noch jemand, dass viele EU-Bürger inzwischen keinen Vertrag mehr mit der so verkörperten Europaidee haben?

Rewe-Chef Alain Caparros "Die Handelsbranche ist kein Ponyhof"

Rewe-Chef Caparros sieht noch Chancen für die von der Zerschlagung bedrohte Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann. Mit einem neuen Ladenkonzept will er den Lebensmittelmarkt aufmischen – und bereitet seine Nachfolge vor.

Rewe-Chef Alain Caparros im Interview. Quelle: imago

Das ist irrwitzig angesichts der Tatsache, dass der Nobelpreis für Ökonomie vor wenigen Tagen an zwei Forscher gegangen ist, die sich mit Vertragstheorie befassen, also mit der Frage, wie Verträge gestaltet sein müssen, damit sie ihren Zweck optimal erfüllen. Die richtige Ausgestaltung von Verträgen setzt Einigkeit in anderer Sache voraus: Verträge sind bindend. Andernfalls verlieren sie ihre Funktion: Vertrauen schaffen und das Gefühl von Fairness vermitteln.

„Die Grenze gezogen, der Fluch gesprochen, die heutige Ordnung ist längst zerbrochen, der Erste wird bald der Letzte sein“ – singt Bob Dylan und verweigert die Annahme, er müsse irgendeinen Vertrag mit dem Nobelkomitee haben.

Die Zeiten ändern sich.

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