Emma Marcegaglia: „Italien muss wieder glaubwürdig werden“

Emma Marcegaglia: „Italien muss wieder glaubwürdig werden“

, aktualisiert 13. November 2011, 14:26 Uhr
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Emma Marcegaglia steht als Präsidentin an der Spitze des italienischen Industrieverbandes Confindustria.

von Regina KriegerQuelle:Handelsblatt Online

Emma Marcegaglia, Präsidentin des italienischen Industrieverbandes, gilt in Italien als eine der größten Kritikerinnen Berlusconis. Im Interview spricht sie nun über dessen Nachfolge und vorsichtigen Optimismus.

Handelsblatt: Frau Marcegaglia, wie kommt Italien aus der Notsituation heraus?

Emma Marcegaglia: In den letzten Stunden hat es eine Wendung zum Positiven gegeben: Das Stabilitätsgesetz mit dem Haushalt wird in den nächsten zwei Tagen durch das Parlament sein. Es enthält zwar nicht die Reformen, die wir Europa versprochen haben, aber das Gesetz muss so schnell wie möglich verabschiedet werden. Sofort danach wird Silvio Berlusconi zurücktreten und Staatspräsident Giorgio Napolitano wird jemand anders mit der Regierungsbildung beauftragen. Am Montag haben wir eine neue Regierung.

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Und wer soll an der Spitze stehen?

Eine Persönlichkeit mit internationalem Standing. Das ist ein erster wichtiger Schritt.

Dann wird also eine Forderung von Confindustria erfüllt: die Bildung einer „Regierung des nationalen Notstands“?

Ja. So werden Neuwahlen vermieden. Die neue Regierung muss die Reformen machen, die die EU und die Europäische Zentralbank von Italien verlangen. So wird Italien wieder glaubwürdig. Das muss innerhalb der nächsten Wochen geschehen.

Läuft es auf den Ex-EU-Kommissar Mario Monti als neuen Regierungschef hinaus?

Der Staatspräsident muss entscheiden, aber ich glaube, Monti ist eine gute Wahl. Er kennt seit langem die Märkte, ist mit Liberalisierungen, Privatisierungen und der Reduzierung der öffentlichen Ausgaben vertraut. Er liegt bei wirtschaftspolitischen Fragen genau auf unserer Linie. Und vor allem: Er ist kein Politiker und wird deshalb nicht darauf hin arbeiten, wieder gewählt zu werden. Er wird für das Wohl des Landes arbeiten und auch die unpopulären Reformen durchführen.

Wie groß ist die Chance, dass dieses Szenario eintritt?

Die größte Oppositionspartei PD ist einverstanden, ebenso die Zentrumspartei Udc. Berlusconi hat zugestimmt, nur seine Partei Pdl ist gespalten. Aber viele Minister sind dafür. Ich glaube, so eine neue Regierung bekommt eine Mehrheit, auch wenn die Lega dagegen ist.

Sie sind also optimistisch, dass Italien aus der Krise kommt?

Ja, vorsichtig optimistisch. Drei Monate Wahlkampf können wir uns nicht leisten. Ich wünsche mir, dass der Sinn für Verantwortung bei allen überwiegt.


„Auch die, die mehr haben, müssen etwas geben“

Handelsblatt: Im August explodierte die Krise. Warum sind nicht sofort Reformen gemacht worden? Sind die Einschnitte zu unpopulär?

Marcegaglia: Ja, die Reformen sind unpopulär. Und seit Mitte 2010 hat die Regierung nur noch eine sehr knappe Mehrheit. Die Lega ist strikt gegen eine Rentenreform, Teile der Pdl sind gegen Liberalisierungen. So war es schwierig, Reformen anzugehen. Es gibt viele Lobbys, die Einfluss auf die Politik haben. Die Zustimmung der Menschen ist jetzt aber größer als früher, weil sie fühlen, dass wir in Gefahr sind.

Handelsblatt: Was hat Priorität Nummer eins für Italien: Förderung des Wachstums oder Haushaltskonsolidierung?

Marcegaglia: Zusammen mit Deutschland haben wir das kleinste Defizit in Europa. Absolute Priorität muss sein, Vertrauen an den Märkten wiederherzustellen und Wachstumsmaßnahmen einzuleiten. In puncto Defizit hat die Regierung gehandelt. Wir haben die Staatsausgaben nicht erhöht. Die hohen Zinsen für Staatsanleihen müssen sofort sinken, sonst kommen wir in die Nähe einer Kreditklemme.

Handelsblatt: Das Thema Arbeitsmarktreform betrifft die Unternehmen direkt. Von außen betrachtet scheint Italien in diesem Punkt altmodisch und unflexibel zu sein.

Marcegaglia: Der Dialog der Sozialpartner ist in letzter Zeit besser geworden. Es gibt neue Abkommen nach deutschem Modell. Jetzt muss mit Intelligenz und ohne Ideologien über eine grundsätzliche Reform des Arbeitsmarktes nachgedacht werden – auch über mehr Flexibilität beim Ausscheiden aus dem Berufsleben, das in Italien sehr starr geregelt ist.

Handelsblatt: Sie würden sogar einer Reichensteuer zustimmen, haben Sie gesagt, obwohl das Ihre Klientel trifft. Warum?

Marcegaglia: In so einem delikaten Moment müssen alle Opfer bringen. Auch die, die mehr haben, müssen etwas geben. In einem Gesamtpaket mit Rentenreform, Haushaltskonsolidierung, Privatisierungen und Liberalisierungen kann auch eine Reichensteuer sein, aber nicht als Einmalmaßnahme. Und was wichtig ist: Das Geld, das dadurch eingenommen wird, darf nicht dafür verwendet werden, die Löcher im Haushalt zu stopfen. Sondern, um die Steuern für Unternehmen und Arbeitnehmer zu senken, um Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen zu fördern.

Handelsblatt: Und wie sieht es mit der Wettbewerbsfähigkeit italienischer Unternehmen aus?

Marcegaglia: Mit Blick auf Deutschland haben wir etwas verloren. Aber wir sind immer noch die siebtstärkste Wirtschaftsmacht der Welt und nach Deutschland der zweitgrößte Exporteur. Von Juli 2010 bis Juli 2011 haben wir den Export um 17 Prozent gesteigert. Es gibt immer noch ein sehr starkes Industriesystem in Italien. Nicht nur in der Mode, bei Einrichtungsgegenständen und im Lebensmittelsektor, auch in der Feinmechanik und Präzisionselektronik. Wir sind Marktführer in vielen Nischen. Wir müssen Forschung und Entwicklung erhöhen. Es gibt große Übereinstimmungen und gemeinsame Visionen zwischen italienischen und deutschen Unternehmern.


Reiches Land mit Glaubwürdigkeitsproblem

Handelsblatt: Erklären Sie uns Deutschen, warum Italien immer noch ein attraktives Land nicht nur für Touristen, sondern auch für Investoren ist?

Marcegaglia: Wir sind die drittgrößte Volkswirtschaft in Europa, haben einen wichtigen Binnenmarkt, die italienische Arbeitskraft ist stark und konkurrenzfähig – das höre ich in vielen Gesprächen mit multinationalen Konzernen. Die Privathaushalte sparen viel und das Bankensystem ist gesund. Wir haben keine griechischen Staatsanleihen und keine Giftpapiere. Abgesehen vom Glaubwürdigkeitsproblem dieser Tage sind wir ein reiches Land. Und wir haben sehr starke Selbstheilungskräfte. Wir sind nicht Griechenland oder Spanien.

Handelsblatt: Hat Italien eigentlich noch Tafelsilber, um die Schuldenlast schnell zu mindern?

Marcegaglia: Ja, wir haben sehr viel Staatsbesitz, Domänen, Immobilien, Kunstgüter mit einem enormen Wert. Wenn es den Willen gäbe, die zu verkaufen, geht es immerhin um einen Wert von mindestens 500 Milliarden Euro. Dann gibt es große, wichtige Staatsunternehmen, die verkauft werden könnten. Wir haben 8000 staatliche Unternehmen auf lokaler Ebene. Wenn wir alles das verkaufen, können wir die Schuldenlast sofort erheblich drücken. Die Staatsausgaben können weiter gesenkt werden. Sie sind in den letzten Jahren gestiegen, aber sie können ja wieder gesenkt werden. Es fehlt nur der Wille, etwas zu tun. Wir haben genug Potential.

Handelsblatt: Sie selbst sind Unternehmerin aus dem Norden, der wirtschaftlich stark dasteht. Wird das Nord-Süd-Gefälle je abgebaut werden oder bleibt es beim Italien der zwei Geschwindigkeiten?

Marcegaglia: Die Lage im Süden hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert. Es gibt eine große Kluft bei den Einkommen und in der Produktivität. Wir als Verband machen uns stark für einen starken Kampf gegen die Kriminalität. Die Regierung hat in diesem Punkt gute Arbeit geleistet. Wir haben außerdem gefordert, die EU-Strukturfonds nicht mit der Gießkanne zu verteilen, sondern sie in große Bereiche zu konzentrieren: Infrastruktur, Forschung, Bildung und eben den Kampf gegen organisierte Kriminalität.

Handelsblatt: Wo soll Italien in drei oder fünf Jahren stehen?

Marcegaglia: Es soll ein Land sein, das sein Vertrauen zurückgefunden hat, in dem die Reformen durchgeführt worden sind, von denen wir gesprochen haben. Ein Land mit weniger Staatsausgaben, aber mehr Investitionen, mehr Forschung, mehr Innovationen, mehr Bildung. Ein Land, das seine Wettbewerbsfähigkeit stärkt, ein gerechteres Land mit mehr sozialer Mobilität. Ein Land, das aus dem Würgegriff von öffentlichen Ausgaben und hohen Steuern kommt. Ein Land, in dem die Menschen nicht mehr denken, dass die Zukunft ihrer Kinder schlechter sein wird als ihre eigene. Ich hoffe, wir finden die Kraft, das alles umzusetzen. Das Potential dazu haben wir. Wir müssen nur unsere Resistenz gegen Änderungen überwinden.


„Quotengesetz in der Politik wäre gut“

Handelsblatt: Ihre Wahl zur Präsidentin von Confindustria vor drei Jahren war eine Sensation. Zum ersten Mal steht seitdem eine Frau an der Spitze dieses mächtigen Verbands. War es schwierig, sich in der Männerwelt durchzusetzen?

Marcegaglia: Nein, auch wenn es im Land noch viel zu tun gibt mit Blick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wenn man mit Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit arbeitet, können anfängliche Hindernisse gut überwunden werden. Die Zeit war sehr positiv für mich. Im Dialog mit den anderen Unternehmern gab es keine Vorurteile.

Handelsblatt: Hat sich in Italien seitdem etwas verändert, in puncto Gleichberechtigung und Frauen in Führungspositionen?

Marcegaglia: Es gibt nun ein Gesetz, nach dem innerhalb von drei Jahren in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen ein Drittel Frauen sitzen sollen. Außerdem steigt die Zahl der Unternehmerinnen stark an. Nur in der Politik sieht es nicht so gut aus. Es gibt immer noch sehr wenige Frauen im Parlament und in der öffentlichen Verwaltung. Auch da wäre ein Quotengesetz gut.

Handelsblatt: Haben Sie bei dem tagesfüllenden Job als Präsidentin der Confindustria noch Zeit, in Ihrem Familienunternehmen zu arbeiten?

Marcegaglia: Ja, ich pendele hin und her, versuche es einzurichten. Ich arbeite mit meinem Vater und meinem Bruder zusammen. Im Schnitt schaffe ich es, einen bis anderthalb Tage in der Woche dort zu sein. So verliere ich auch nicht den Kontakt zur Basis und kann weiter verstehen, was wirklich die Probleme der Unternehmer sind.

Handelsblatt: Nächstes Jahr wird Ihre Amtszeit als Präsidentin der Confindustria enden. Werden Sie dann nach Mantua zurückkehren – welche Pläne haben Sie?

Marcegaglia: Ja, ich kehre zurück in unser Unternehmen.

Handelsblatt: Frau Marcegaglia, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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