Emory Douglas im Interview: "Angst vor dem Anschlag"

Emory Douglas im Interview: "Angst vor dem Anschlag"

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Emory Douglas, 65, gehöre zum engsten Führungskreis der US-Bürgerrechtsbewegung Black Panthers. Berühmt wurde er durch seine Plakate, die derzeit das Kölner Museum Ludwig ausstellt

Emory Douglas, früherer Kulturminister der Bürgerrechtsbewegung Black Panthers, über seine Erwartungen an US-Präsident Obama, den Vergleich mit John F. Kennedy und die Frage, was James Bond mit Rassismus zu tun hat.

WirtschaftsWoche: Herr Douglas, können Sie das Kleid beschreiben, das Michelle Obama am Abend des 4. November trug, nachdem der Wahlsieg ihres Mannes klar war?

Emory Douglas: Nein, keine Ahnung. Warum sollte ich?

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Weil es tagelang kaum ein anderes Thema gab in den Medien. Sogar die New York Times stellte die Frage: Hübsch oder hässlich?

Das wundert mich nicht. Das ist typisch für Amerika, da werden eben gern mal solche Dinge hochgespielt –welche Klamotten trägt jemand, wann steht er auf, welchen Sport treibt er. Das war schon bei früheren Wahlen so, warum also sollte es diesmal anders sein?

Weil es bei dieser historischen Wahl eigentlich um andere Fragen geht zum ersten Mal haben die USA einen dunkelhäutigen Präsidenten. Ist das der Beweis für die endgültige Überwindung des Rassismus?

Natürlich nicht. Wie denn auch? Die Rassenkarte wird doch noch immer ständig gezückt, zuletzt auch im Wahlkampf. Der Sieg Obamas zeigt erst mal nur, dass er sich besser verkauft hat, dass er mehr politisches Geschick bewiesen hat. Es heißt aber leider nicht, dass wir damit von jetzt auf gleich all diesen institutionellen Rassismus überwunden haben. Der ist noch tief in unserer Gesellschaft verankert. Es gibt noch viel Spielraum für Obama, die Beziehungen zwischen den Rassen, den Bevölkerungsschichten zu verbessern.

Woran machen Sie das fest? Noch nie gab es so viele Schwarze mit Uni-Diplom, in politischen Ämtern oder industriellen Führungspositionen, niemals war der Wohlstand höher als heute.

Stimmt schon. Aber trotzdem sind die Chancen auf gute Schulbildung für arme schwarze Kinder immer noch sehr schlecht. Die Polizei hat es noch immer verstärkt auf Schwarze abgesehen, im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung stellen Schwarze den höchsten Prozentsatz an Gefängnisinsassen. Und die Arbeitslosenrate ist unter Schwarzen so hoch wie in keinem anderen Teil der US-Bevölkerung.

"Und auch der Kampf gegen den Rassismus muss dann weitergehen"

Dennoch scheinen all diese Punkte momentan in den Hintergrund gerückt angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise oder der jüngsten militärischen Drohungen durch Russland.

Sobald sich der Staub gelegt hat, wird es auch wieder Zeit geben für soziale Themen. Und auch der Kampf gegen den Rassismus muss dann weitergehen – weil all die mehr oder weniger offenen Schwarzenhasser nicht von der Bildfläche verschwinden werden. Sie werden ihren Einfluss vorerst behalten – auch unter einem Präsident Obama. Natürlich hatten die Leute die alte Regierung satt. Aber im Moment ist Obama nicht mehr als ein Symbol.

Klingt ja nicht sehr hoffnungsvoll.

Obama muss erst mal beweisen, dass er mehr ist als ein schönes Versprechen. Er hat viele Probleme zu lösen: die Folter abschaffen, Guantanamo schließen. Und überlegen, wie die USA grundsätzlich mit ihrer Rolle als Weltpolizist umgehen.

Ihre schwarzen Mitbürger sind da nicht so kritisch. 95 Prozent haben Obama gewählt. Ist er damit so was wie der Erbe der Black-Panther-Bewegung?

Durchaus, und viel mehr. Erbe einer langen Geschichte der Unterdrückung: von den ersten Sklaven bis zu den Kämpfern der Bürgerrechtsbewegung. Vor 40 Jahren hätte er einer von denen sein können, die bestimmte Parks nicht betreten, Schulen nicht besuchen dürfen, im Bus ihren Platz an einen Weißen hätten abgeben müssen.

Also ist der Traum von Martin Luther King, seine Vision von einer Gesellschaft frei von Rassenschranken, nach 40 Jahren nun Wirklichkeit geworden?

Obama versteht sich ja nicht nur als Präsident der Schwarzen. Seine Leistung besteht vor allem darin, auf alle Bevölkerungsschichten zugegangen zu sein. Er hat schon in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass er die Grenzen zwischen Parteien, Rassen und sozialen Schichten überwinden kann. Schon als er als Student als erster Schwarzer zum Präsidenten der hoch angesehenen Harvard Law Review gewählt wurde, holte er zur Verwunderung seiner dunkelhäutigen Unterstützer gerade mal einen Schwarzen in sein Team – der Rest waren weiße, meist konservative Kommilitonen. Auch in seinem Kabinett werden wir eine bunte Mischung erleben.

Hätten Sie sich vor 40 Jahren träumen lassen, dass Sie das alles noch erleben?

Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, dass es irgendwann mal soweit ist. Buff – da ist er, unser erster schwarzer Präsident. Völlig aus dem Nichts kam er ja trotzdem nicht: Vor ihm hat sich schon Jesse Jackson versucht.

Sie selbst haben es bis zum Kultusminister der Black Panther geschafft, haben Plakate, Flugblätter und Zeitschriften gestaltet, die heute dank ihrer reduzierten Grafik museumsreif sind. Wie stark haben Ihre Entwürfe damals das Außenbild dieser Bewegung geprägt?

Ich denke, dass diese Art der Kommunikation sehr wichtig war für die Menschen an der Basis. Die hatten oft nicht viel mit Lesen am Hut, also mussten wir die Botschaften über Bilder transportieren. Wie Kommunikation ohne Text.

Und wie lief die Kommunikation intern ab? Konnte jeder mitreden?

Es war eine Art demokratischer Sozialismus mit festen Verantwortlichkeiten. Natürlich gab es die beiden Gründer Bobby Seale und Huey Lewis, der Schriftsteller Eldridge Cleaver war zuständig für die Kommunikation nach außen, ich als Kultusminister für die Optik. Aber es haben sich viele Mitglieder mit Vorschlägen eingebracht. Auch viele Frauen waren sehr engagiert. Sie stellten bis zu 60 Prozent unserer Mitglieder.

Vor allem als Groupies, wie man immer hört.

Uns ging es zuerst einmal um ernsthafte politische Arbeit – zum Beispiel den Aufbau kostenloser ambulanter Arztpraxen. Oder unser Frühstücksprogramm, mit dem wir mehr Menschen durchfütterten als die US-Regierung später mit ihrem Lunch-Programm erreichen sollte. Aber in der Tat entwickelte sich darüber hinaus auch eine Art Pop-Kult-Status um die Black Panther, die jede Menge Groupies anzog - die auch nichts anderes im Sinn hatten. Die Mehrheit war zwischen 15 und 23 Jahre alt, manche hätten regelrecht als Posterboys durchgehen können. Mit diesem Image haben wir damals recht bewusst gespielt. Auch Obama könnte eine Art Glamour-Faktor entwickeln.

Der Enthusiasmus, mit dem sein Wahlsieg begrüßt wurde, erinnert an die Hysterie um die Wahl John F. Kennedys. Sehen Sie Parallelen zwischen den beiden?

Was die Euphorie angeht, auf jeden Fall. Ich kann aber nur hoffen, dass seine politische Bilanz anders ausfällt. Bei Kennedy denke ich vor allem an seine skrupellose Lateinamerika-Politik, die Cuba-Krise, den Vietnam-Krieg. Und das Attentat.

Für wie gefährdet halten Sie Obama?

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber die Gefahr eines Anschlags ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt genügend Verrückte, die sich wünschten, er würde das Ende seiner Amtszeit nicht erleben. Dafür sind unsere Waffengesetze noch immer viel zu liberal und Rassismus und Gewaltbereitschaft viel zu gegenwärtig. Das macht mir schon Angst.

Wann wird es mit dem Rassismus endgültig zu Ende sein?

Wenn das Land verstanden hat, dass es sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich auf Dauer nur weiterentwickeln kann, wenn es alle Bevölkerungsschichten integriert. Und wenn James Bond von einem Schwarzen gespielt wird.

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