Erdöl: Die Folgen des Pipeline-Lecks

Erdöl: Die Folgen des Pipeline-Lecks

von Hans Jakob Ginsburg

Die Erdöl-Pipeline quer durch Alaska ist leck geschlagen, Amerikas größtes Ölfeld vorerst nicht nutzbar. Für die weltweiten Ölpreise halten sich die Folgen bisher in Grenzen. Das kann sich aber schnell ändern.

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Kontrolle einer Ölpipeline in Alaska

Tatsächliche Wendepunkte am seit Jahren turbulenten internationalen Erdölmarkt sehen anders aus. In Folge des Pipeline-Lecks in Alaska stieg in New York der Preis für im Februar fällige Erdöl-Futures von 88,04 auf 89,98 Dollar – für Händler aufregende 2,2 Prozent. Nach wenigen Stunden war die Preissteigerung auf 88,89 Dollar zurückgegangen. Alles also ganz wörtlich noch nicht einmal halb so wild, wenn man auf die Zahlen schaut. Für uns in Europa gilt das noch mehr: 93,79 US-Dollar kostete die Nordsee-Ölsorte Brent am Montagmorgen in London – vor ein paar Tagen lag der Preisunterschied noch bei mehr als sechs Dollar.

Können wir also beruhigt zuschauen, wenn das Öl aus Alaska für die amerikanische Westküste ausbleibt, Heizungen in Vancouver, Superbenzin in San Francisco und der Betrieb von Klimaanlagen in Los Angeles teurer werden? Nicht so ganz: Dazu ist der Erdöl-Markt viel zu sehr verflochten. Für das fehlende Öl aus Alaska werden die Amerikaner in Rotterdam, in afrikanischen und arabischen Häfen Ersatz suchen – und das treibt natürlich den Preis.

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Hauptarterie für US-Öl

Die jetzt auf unbestimmte Zeit unterbrochene Trans-Alaska-Pipeline ist immerhin eine der großen Arterien in Amerikas Energieversorgung. Die USA produzieren immer noch mehr als acht Prozent des weltweit geförderten Erdöls, immer weniger davon in Texas und Kalifornien, etwa 15 Prozent davon aber im Norden des riesigen und fast in weiten Teilen menschenleeren Bundesstaates Alaska. Die jetzt leck geschlagene Pipeline führt über 1300 Kilometer vom arktischen Prudhoe Bay am Eismeer, einem Ort mit offiziell genau fünf ständigen Einwohnern, nach Valdez, dem nördlichsten eisfreien Hafen in Nordamerika. Dort übernehmen Öltanker die Ladung für die Raffinerien in den Bundesstaaten Washington, Oregon und Kalifornien.

Fürs erste ist es damit vorbei. Auf lange Sicht mussten die Beteiligten mit so einer Unterbrechung allerdings schon länger rechnen. Denn der Ölstrom aus dem Norden Alaskas ist in diesem Jahrhundert sowieso schon deutlich zurück gegangen. Prudhoe Bay, das nördlichste und zugleich größte Ölfeld der USA, hat schon 1998 mit 1,5 Millionen Barrel pro Tag sein Produktionsmaximum erreicht, den so genannten Peak. Seitdem ist die Fördermenge um mehr als ein Drittel zurück gegangen. Ein wichtiger Grund war das für die Betreiber, seit Jahren von den Behörden die Genehmigung zur Erschließung weiterer Ölfelder in den Weiten Alaskas zu fordern. In der amerikanischen Politik ist das ähnlich umstritten wie die Genehmigung weiterer Ölbohrungen unter dem Meer. Und der wichtigste Interessent in Alaska ist ausgerechnet – derselbe Konzern, der sich seit vergangenem Frühjahr mit den Folgen des großen Ölplattform-Unglücks im Golf von Mexiko herumschlagen muss.

Die Briten sind größter Anteilseigner von Prudhoe Bay. Und gemeinsam mit vier amerikanischen Partnern betreiben sie die Aleyska Pipeline Service Company, die Betreiberin der jetzt ausgefallenen Pipeline. Einer der Partner ist das Energie-Unternehmen Koch Industries, der Zeitschrift „Forbes" zufolge das zweitgrößte nicht an der Börse notierte private Unternehmen der USA. Seine Besitzer, die Brüder Koch, gelten als wichtigste Financiers der Bewegung gegen eine energische Klimapolitik in Washington. Ob ihr Einfluss jetzt noch stark genug ist, eine weitere Expansion der amerikanischen Ölförderung in Alaska und im Golf Mexiko zu erzwingen – das ist die wirklich spannende Frage: für den Ölpreis viel wichtiger als die Bemühungen der Ingenieure, das Pipeline-Leck in Alaska wieder zu stopfen.

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