Erdogan will Schutzzone: Kurden-Bastion Kobane droht an IS zu fallen

Erdogan will Schutzzone: Kurden-Bastion Kobane droht an IS zu fallen

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Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan befürchtet die baldige Einnahme der syrischen Stadt Kobane durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Noch leisten kurdische Milizen heftige Gegenwehr. Ob sie jedoch dem Ansturm der IS-Terroristen auf die kurdische Bastion Kobane standhalten können, erscheint immer fraglicher.

Die Einnahme der seit Tagen umkämpften syrisch-kurdischen Grenzstadt Kobane durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) scheint nur noch eine Frage der Zeit. Trotz internationaler Luftschläge und massiver Gegenwehr kurdischer Kämpfer rückten die IS-Milizen am Dienstag weiter in die strategisch wichtige Stadt an der Grenze zur Türkei ein.

„Kobane ist dabei zu fallen“, sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor syrischen Flüchtlingen. Die Luftunterstützung für die kurdischen Verteidiger kritisierte er als unzureichend.

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„Nur durch Luftangriffe können Sie diesem Terror kein Ende setzen“, sagte Erdogan nach Angaben der staatsnahen Nachrichtenagentur Anadolu. Er forderte erneut die Bildung einer Schutz- und einer Flugverbotszone in Syrien. Moderate Kämpfer der Opposition in Syrien müssten gestärkt werden.

Zuvor hatten IS-Kämpfer laut syrischen und kurdischen Aktivisten mindestens drei östliche Stadtteile von Kobane eingenommen. Sollten die Dschihadisten die ganze Stadt erobern, hätten sie einen langen, durchgängigen Grenzstreifen zum Nato-Land Türkei unter Kontrolle. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrormiliz beherrscht bereits weite Landstriche in Syrien und im Irak.

Kämpfe um eine syrische Grenzstadt - Warum Kobane so wichtig ist

  • Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

    Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

  • Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

    Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

  • Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

    Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

  • Warum greift die Türkei nicht ein?

    Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

  • Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

    Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Das türkische Parlament hatte der Regierung in Ankara am Donnerstag das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Allerdings griffen die an der Grenze stationierten türkischen Truppen bislang nicht in die Kämpfe ein.

Kurdische Volksschutzeinheiten erklärten Kobane (arabisch: Ain al-Arab) zur „Militärzone“ und brachten die noch verbliebenen Zivilisten an die nahe gelegene Grenze. Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden seit Beginn der IS-Offensive auf Kobane vor drei Wochen mehr als 400 Menschen getötet - die meisten seien IS-Extremisten und kurdische Milizionäre.

Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Dschihadisten haben seit September mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 185.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich derzeit den IS-Extremisten entgegen.

In mehreren deutschen und europäischen Städten gingen Tausende Menschen auf die Straßen, um auf die verzweifelte Lage in Kobane aufmerksam zu machen. In einigen Städten verschafften sich kurdische Demonstranten und ihre Unterstützer Zutritt zu öffentlichen Gebäuden wie Funkhäusern oder Parlamenten. Die Aktionen blieben weitgehend friedlich.

Was Deutschland im Irak leistet und nicht leistet

  • Hilfszahlungen

    Die Bundesregierung hat im Zuge der Krise 24,4 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt. 4,4 Millionen sind für dringende Maßnahmen wie den Bau von Unterkünften, die Trinkwasserversorgung und medizinische Hilfe vorgesehen. 20 Millionen stehen für längerfristige Infrastrukturprojekte bereit, zum Beispiel den Bau von Unterkünften für Flüchtlinge.

  • Transport von Hilfsgütern

    Die Bundeswehr hat am 15.08.2014 mit Hilfsflügen in die nordirakische Kurden-Hauptstadt Erbil begonnen. Fünf Transall-Flugzeuge haben bereits 36 Tonnen Lebensmittel, Sanitätsmaterial und Decken in die Krisenregion gebracht. Weitere 100 Tonnen sollen in den nächsten Tagen folgen.

  • Ausrüstung

    Die Bundesregierung hat sich bereiterklärt, Rüstungsgüter wie Kleinlastwagen, Schutzwesten, Helme oder Nachtsichtbrillen aus Bundeswehrbeständen an die kurdischen Streitkräfte im Nordirak zu liefern. Die Lieferungen werden voraussichtlich nächste Woche beginnen.

  • Waffen

    Mitte August beschloss der Bundestag, Waffen in die Krisenregion zu liefern. Es geht um Handwaffen und Panzerabwehrwaffen, die von den Kurden für die wirksame Bekämpfung der von der ISIS-Miliz erbeuteten Panzerfahrzeuge benötigt werden.

  • Militärausbilder

    Einige dieser Waffen können nicht ohne Schulung bedient werden. Die Bundesregierung prüft deshalb, auch Ausbilder in den Irak zu entsenden. Es könnten aber auch irakische Ausbilder außerhalb des Iraks geschult werden.

  • Bundeswehreinsatz

    Die Luftschläge der USA gegen die IS begrüßt die Bundesregierung zwar, die Bundeswehr beteiligt sich daran allerdings nicht. Einen späteren Blauhelmeinsatz hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

Protestaktionen gab es unter anderem in Berlin, Hamburg, Bremen, Hannover, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Frankfurt/Main und Stuttgart. Manche Protestierer trugen Fahnen linksextremistischer Organisationen. Auch Bilder des in der Türkei inhaftierten früheren Chefs der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, waren zu sehen. Die PKK ist auch in Deutschland verboten und wird in der EU und den USA als terroristische Vereinigung geführt.

Auch in Den Haag, Brüssel, Paris, Straßburg, Basel und Wien fanden Solidaritätsaktionen mit Kobane statt. In Istanbul kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal warfen in der Nacht zum Dienstag Demonstranten laut Augenzeugen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein. Auch in der Hauptstadt Ankara und in mehreren Städten im kurdischen Südosten des Landes kam es zu Protesten und Polizeieinsätzen.

Weitere Artikel

Im Irak bombardierten erstmals niederländische Kampfflugzeuge die Terrormiliz IS. Insgesamt wurden drei Bomben auf IS-Fahrzeuge im Norden des Landes geworfen, wie das Verteidigungsministerium in Den Haag mitteilte. Die F-16 seien nach einem Angriff von IS-Kämpfern auf kurdische Peschmerga zum Einsatz gekommen. Die Niederlande beteiligen sich mit sechs Kampfflugzeugen an der von den USA geführten Anti-IS-Koalition. Sie sollen Ziele der Terrormiliz angreifen und kurdische und irakische Bodentruppen aus der Luft unterstützen. An Angriffen auf Ziele in Syrien beteiligen sich die Niederlande nicht.

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