Ermordeter Oppositionspolitiker: Tausende Russen demonstrieren im Gedenken an Nemzow

Ermordeter Oppositionspolitiker: Tausende Russen demonstrieren im Gedenken an Nemzow

, aktualisiert 26. Februar 2017, 21:01 Uhr
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Der ehemalige russische Ministerpräsident und heutige Oppositionspolitiker, Michail Kasjanow (M), nahm am Gedenkmarsch für den ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow teil.

Quelle:Handelsblatt Online

Russlands Opposition ist zersplittert, doch im Gedenken an den ermordeten Putin-Kritiker Nemzow vereint. Eine Kundgebung bringt in Moskau Tausende Menschen auf die Straße. Viele sind sich der Schwäche der Kremlgegner bewusst.

MoskauTausende Menschen schlängeln und quetschen sich durch die Straße, mitten im Herzen Moskaus. „Russland wird frei sein“, dröhnt es aus einem Lautsprecher. „Putin muss weg“, skandieren die Demonstranten. Eigentlich ist es ein Trauermarsch für den ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow. Doch für die Studentin Darija Polschikowa ist die Versammlung ein „Symbol für Freiheit und Demokratie“. Sie marschiert bereits zum dritten Mal mit. An den 27. Februar 2015 kann sie sich noch gut erinnern. Es war der Abend, an dem Nemzow erschossen wurde.

Von den Tausenden Demonstranten glaubt eigentlich niemand an die offizielle Version, nach der fünf Tschetschenen hinter dem Mord an Nemzow stecken sollen. Gegen die Männer läuft ein Prozess. Selbst wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte, würden die wahren Hintergründe der Tat aber im Dunkeln bleiben, sind sich die Menschen hier sicher. Nemzows Angehörige und Unterstützer vermuten, dass der Mord von höchster Stelle geplant worden sei und etwa der kremltreue Machthaber in der Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, die Tat angeordnet habe.

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Der Mord an einer der Galionsfiguren der zersplitterten russischen Opposition traf Aktivisten und Kritiker 2015 schwer und schwächt sie bis heute. Zwar waren sie schon zuvor systematisch an den Rand der politischen Existenz gedrängt worden, doch nun verfielen sie in eine Art Schockstarre. „Die russischen Demokraten haben ihren erfahrensten Anführer verloren“, sagt der Journalist Michail Fischman in einem Interview anlässlich einer Dokumentation über Nemzow.

Der Reformer Nemzow, der selbst einst als Vizeregierungschef unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin zum politischen Establishment gehörte, hatte viele Anhänger. Der 55-Jährige konnte zwar nicht für alle Oppositionellen den kleinsten gemeinsamen Nenner bilden, sagen seine einstigen Mitstreiter. „Er konnte aber besser als andere verhandeln und Kompromisse finden“, meint Fischman. Die Opposition ist führungslos. „Die Protestbewegung könnte heute viel besser agieren, wäre Nemzow noch am Leben“, ist sich der Journalist sicher.

Gut ein Jahr vor der Präsidentenwahl im März 2018 sehen viele Kritiker keine Chance für eine Wende. Präsident Wladimir Putin hat zwar noch nicht gesagt, ob er wieder antritt, aber die Russen rechnen fest damit.

Die Demonstranten in Moskau sehen den Oppositionellen Alexej Nawalny als Hoffnungsträger für die nächste Wahl. „Natürlich wird er nicht gewinnen“, sagt die Rentnerin Valentina, die von einer Parkbank die vorbeiziehenden Demonstranten beobachtet. „Aber er wird Putin zeigen, dass nicht alle Russen mit seiner Politik einverstanden sind. Wir wollen das Land ändern.“

Auch Nawalny, der wohl derzeit prominenteste Oppositionelle, ist unter den Demonstranten, an seiner Seite ist seine Frau. Erst vor wenigen Wochen wurde er zum zweiten Mal in einem international kritisierten Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Viele Russen bezweifeln, dass er 2018 überhaupt kandidieren darf. Trotzdem lacht und winkt er den Demonstranten freudestrahlend zu. Dass Nawalny nicht mal einen Hauch einer Chance hätte, ist auch für die 75-jährige Lilja Iwanowa klar. „Den im Kreml kann niemand wirklich herausfordern. Das hat auch Nemzow nicht geschafft“, sagt sie und spielt damit auf Amtsinhaber Putin an. Für Russland gebe es keine Hoffnung, sagt sie.

Seit dem Mord an Nemzow geht unter Oppositionellen eine Angst um, wer als nächstes ausgeschaltet werden könnte. Erst Anfang Februar lag der Journalist und Nemzow-Vertraute Wladimir Kara-Mursa wegen einer schweren Vergiftung auf der Intensivstation. Die Umstände sind noch nicht geklärt. Bereits 2015 überlebte der Kremlkritiker nach eigenen Angaben nur knapp eine Vergiftung.

Trotzdem wollen sich die Demonstranten nicht aufhalten lassen. Viele von ihnen tragen an diesem Tag rote Rosen und Nelken mit sich. Einmal pro Woche lege sie Blumen am Tatort auf der Brücke nieder, sagte eine junge Frau. Für einige Moskauer sei dies fast schon ein Routinegang geworden.

Seit knapp 730 Tagen halten dort eine handvoll Menschen eine Art Mahnwache. „Immer wieder kommen aber Polizisten und nehmen alle Kerzen, alle Blumen mit“, erzählt Jelena, die trotz Eisregen, Schnee oder heftiger Windböen fast jeden Tag dort steht. Nach jeder Aktion legten die Menschen noch mehr Blumen hin. „Wir bleiben hier“, sagt die Rentnerin. Ein blaues Straßenschild liegt umringt von Blumen und Kerzen genau an der Stelle, an der der Politiker erschossen worden war. In weißen kyrillischen Buchstaben steht darauf: „Nemzow Brücke“ - wie Oppositionelle den Ort seit der Tat nennen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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