
Preistreiber Misswirtschaft: Eher ungern wird darüber diskutiert, dass auch unfähige Regierungen, Korruption und Schlamperei die Versorgungskrise anfeuern. Rund 30 Prozent der Getreideernte Afrikas verrotten, weil die Logistik nicht funktioniert oder das Korn in ungeeigneten Lagerhallen lediglich Insekten als Nahrung dient. Ein Musterbeispiel dafür, wie ein diktatorisches Regime die Selbstversorgungskraft eines Landes ruinieren kann, ist Simbabwe. Dort ließ Präsident Robert Mugabe in den vergangenen Jahren mehr als 3000 weiße Farmer von ihrem Land vertreiben und vergab es an politische Günstlinge. Diese spezielle Art von Landreform ließ die Agrarproduktion weitgehend zusammenbrechen.
Im Windschatten der Nahrungskrise bahnt sich nun auch noch eine neue Protektionismuswelle an. Immer mehr Staaten frieren Preise ein, erlassen Exportverbote oder -beschränkungen. Das macht die Lage in anderen Staaten noch schlimmer und treibt die Weltmarktpreise weiter nach oben. „Werden Preise eingefroren, sinkt der Anreiz für die Betriebe, mehr zu produzieren“, warnt Stefan Tangermann, Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der OECD. Notwendig seien „Wettbewerb und offene Märkte“.
Und da gibt es auch für die Industriestaaten noch viel zu tun: Diese geben für die Subventionierung ihrer Bauern rund vier- mal so viel Geld aus wie für Entwicklungshilfe. In den OECD-Ländern finanziert der Staat rund 27 Prozent der Landwirte-Einkommen. Besonders perfide: Die großen Handelsblöcke schotten sich nicht nur mit hohen Zollmauern gegen preiswertere Agrarprodukte aus Entwicklungsländern ab. Sie subventionieren viele Exporte auch noch mit Milliardensummen und verhindern so eine stärkere Agrarproduktion in der Dritten Welt. Zwar hat die EU ihre Exportsubventionen in den vergangenen Jahren gekürzt, sie gibt aber immer noch 1,4 Milliarden Euro aus, um überschüssige Produkte auf den Weltmarkt zu drücken. Die Weltbank schätzt, dass der Agrarprotektionismus der Industriestaaten in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu jährlichen Wohlfahrtsverlusten von rund 20 Milliarden Dollar führt.
Auch die stark wachsende Weltbevölkerung verlangt danach, den weltweiten Output der Landwirtschaft zu steigern. Nach derzeitigen Prognosen sinkt die zur Verfügung stehende Agrarfläche pro Einwohner bis 2050 in allen Weltregionen – außer Europa. „Flächenpotenzial gibt es noch im Südosten von Brasilien und in Kasachstan“, sagt Agrarökonom Brümmer. Doch mehr Fläche allein reicht nicht. Brümmer: „Um das Nahrungsproblem zu lösen, brauchen wir eine produktivere Landwirtschaft.“ Zwischen 1980 und 1997 stieg die globale Nahrungsmittelproduktion noch um rund 60 Prozent. Doch danach war es mit den Ertragssteigerungen weitgehend vorbei. Schätzungen zufolge gehen bei Getreide zwischen Aussaat und Nahrungsmittelproduktion mehr als 50 Prozent des Ertragspotenzials verloren, etwa durch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge.
Als landwirtschaftlich besonders unproduktiv gilt ausgerechnet China, das mit rund sieben Prozent der weltweiten Anbaufläche rund ein Fünftel der Menschheit ernähren muss. Der Agrarsektor ist von Kleinstbetrieben geprägt, die oft noch ohne Maschinen bewirtschaftet werden. Während in Europa die Wertschöpfung pro Mitarbeiter in der Landwirtschaft bei rund 40 000 Dollar liegt, sind es in China ganze 400 Dollar.
Wegen der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung geht in China zudem immer mehr Agrarfläche verloren. Während der vergangenen acht Jahre fiel dem Bau von Wohnsiedlungen und Fabriken jedes Jahr rund ein Prozent der Ackerfläche zum Opfer – das entspricht der Größe von Holland und Belgien zusammen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen vom Land in die Städte abwandern. Bis 2020 dürften zwischen 300 und 400 Millionen Landbewohner in die Metropolen des Ostens ziehen. Die Höfe, die sie zurücklassen, müssen von den zurückbleibenden Alten bewirtschaftet werden.
Für Agrarökonom Brümmer ist klar: „Gerade in den Entwicklungsländern gibt es noch großes Potenzial für Ertragssteigerungen.“ Dafür brauchen sie massive finanzielle und technologische Hilfe der Industrienationen. Wie aber könnte die technologische Revolution auf den Feldern aussehen? Könnte die Gentechnik das Hungerproblem lösen? Experten wie der Schweizer Hans Rudolf Herren sind skeptisch. Für ihn ist die Gentechnik „nur ein kleiner Teil der Lösung“. Herren ist Co-Präsident des International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD), die im Auftrag der UN und der EU-Kommission die Zukunft der Landwirtschaft erforscht. Und da gibt es derzeit richtig Zoff. Agrarkonzerne wie Syngenta, Monsanto und BASF sollten mit 400 Forschern an einem „Weltlandwirtschaftsbericht“ mitarbeiten, der Mitte April vorgestellt wurde. Doch die Unternehmen sprangen kurz vor der Schlusskonferenz in Johannesburg verärgert ab. Die Begründung lieferte Syngenta: Man habe sich zurückgezogen, als „zunehmend deutlich wurde, dass der Bericht keine realistische Sicht hat für die künftigen Anforderungen an die Landwirtschaft und den Bedarf nach neuen und bestehenden Technologien“.
Im Klartext: Die Gentechnik-Unternehmen waren verärgert, weil der Bericht in Zweifel zieht, dass ihre Technologie den Armen nutzt. Das nur einmal einsetzbare Saatgut sei viel zu teuer, lautet ein Argument. IAASTD-Mann Herren glaubt, dass die Erforschung neuer Sorten, die optimal an die lokalen Bedingungen angepasst sind, eine bessere Ausbildung der Bauern und intelligentere Bewässerungssysteme mehr Erfolg versprechen. Das sehen die Unternehmen anders: „Mit Gentechnik alleine lässt sich der Hunger in der Welt nicht besiegen, aber die grüne Gentechnik wird eine wesentliche Rolle spielen“, sagt Hans Kast, Geschäftsführer der Sparte Pflanzenbiotechnologie bei BASF.
Welche Verbesserungen sich mithilfe der Gentechnik erzielen ließen, verdeutlicht das Beispiel der Kartoffel. In Europa verfaulen durch Kraut- und Knollenfäule 30 Prozent der Ernte. BASF-Biologen haben nun eine Kartoffel gezüchtet, die gegen diese Fäule resistent ist. Alle Versuche, die Resistenz über klassische Züchtung zu schaffen, scheiterten, weil dann immer auch die Erträge sanken.
„Beim Mais erwarten wir dank grüner Gentechnik im nächsten Jahrzehnt 20 Prozent Ertragssteigerung“, prognostiziert Kast. Um dieses Ziel zu erreichen, baut BASF seine Forschung im Bereich Pflanzentechnologie weltweit aus. Die Biotech-Sparte hat Anfang des Jahres eine Zusammenarbeit mit dem chinesischen National Institute of Biological Sciences (Nibs) vereinbart. Das Nibs hat bei Reis eine Reihe ertragsteigernder Gene entdeckt. Zusammen mit dem Saatguthersteller Monsanto will BASF 2012 eine Maissorte auf den Markt bringen, die dank längerer Wurzeln und besserer Wasserausnutzung auch Wochen ohne Regen durchstehen kann.
Möglicherweise ist eine andere Entwicklung schon früher in der Lage, den Druck auf die Lebensmittelpreise zu nehmen. An die Stelle des preistreibenden Biosprits aus Weizen, Raps und Mais könnten mittelfristig Biokraftstoffe der „zweiten Generation“ treten, die aus Holz, Stroh oder Bioabfällen gewonnen werden. Dann könnten die bislang zur Erzeugung von Biosprit genutzten Äcker wieder der Produktion von Nahrungsmitteln dienen. Im sächsischen Freiberg besichtigte in der vorvergangenen Woche Bundeskanzlerin Angela Merkel das Unternehmen Choren Industries, das gerade mit der Produktion eines solchen Biokraftstoffs begonnen hat. Die erste Großanlage zur Produktion von Biotreibstoffen der zweiten Generation ist allerdings erst für 2011 geplant. Und noch langsamer geht der Versuch voran, aus biologischen Abfällen Ethanol herzustellen, der dem Benzin beigemischt werden kann. Bereits vor zwei Jahren hatte das kanadische Unternehmen Iogen angekündigt, Großanlagen zu bauen. Die Kanadier wollen den Zucker, der wie bei der Schnapsherstellung zu Ethanol vergoren wird, mit Enzymen aus dem Holz herauslösen. Doch das Verfahren klappt bislang nicht.
Aber es gibt auch gute Nachrichten. 2008 zeichnet sich beim Getreide weltweit eine Rekordernte von rund 2,16 Milliarden Tonnen ab. Vor allem der Weizen wächst kräftig, aber auch der Reisertrag dürfte laut FAO über Vorjahr liegen. In den USA sind die Weizenanbauflächen um sechs Prozent gestiegen, in Europa um fünf Prozent. Selbst die politischen Rahmenbedingungen könnten sich verbessern: EU-Agrarkommissarin Fischer Boel will am 20. Mai Vorschläge für eine Reform der EU-Agrarpolitik präsentieren. Die gelernte Landwirtin macht schon jetzt klar: „Unabhängig vom Schicksal der Doha-Runde haben Exportsubventionen keinen Platz in der Agrarpolitik der Zukunft.“
Das wäre, immerhin, ein kleines Mosaiksteinchen zur Lösung der Probleme.














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Alle Kommentare lesen01.06.2008, 21:23 UhrAnonymer Benutzer: Kristin
Die Ursachen sind alle strukturell bedingt. Es ist schwer etwas zu vergessern Subventionen senken und die Umweltpolitik lockern wäre aber mal ein Anfang !
07.05.2008, 21:26 UhrAnonymer Benutzer: Harald Wilke
Ja das Paradigma nimmt seinen Lauf !!!
Früher war benzin das Schmiermittel der Wirtschaft und heute wirkt es als bremse. Dadurch wird eine existentielle Not deutlich.
Preisexplosionen auf dem Ölmarkt und die damit verbundenen Preissteigerungen für lebenswichtige Nahrungsmittel lassen die Menschen untereinander ums Überleben kämpfen.
Der Wert des Einzelnen sinkt; siehe Arbeitslöhne in Europa. Da tut sich eine Zeitbombe auf, deren Lunte schon glimmt. Viele können die Rechnungen nicht mehr bezahlen oder schränken ihren Konsum ein. Wen interessiert da indien oder Afrika?
Die Überbevölkerung und Nahrungsmittelkrise ist da und nun werden viele Menschen sterben.
So ist das nunmal, man hat das kommen sehen und hat nichts getan.
So gruselig das kilngt, aber dadurch schrumpft die Menschheit vielleicht auf ein gesundes Maß, das die Erde besser verkraften kann...
02.05.2008, 22:15 UhrAnonymer Benutzer: jasager
viva la revolution!
nur glaub ihr das geht und hilft noch was.ich finde das eine etwas veraltete methode.
goethe meinte:evolution statt revolution