Essay: China: Verlorene Illusionen

Essay: China: Verlorene Illusionen

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Die chinesische Nationalflagge weht vor den Olympischen Ringen

WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über das Schwächeln der Weltmacht China.

Wenn die Ereignisse der vergangenen Tage in Tibet einen Schluss zulassen, dann diesen: Vor einem schwachen China muss sich die Welt mehr fürchten als vor einem starken. Seit fast sechs Jahrzehnten werden die Tibeter politisch geächtet, wirtschaftlich benachteiligt, kulturell marginalisiert, religiös verfemt – und noch immer glauben die Chinesen, das Problem ließe sich mit einer Mischung aus Präventivbürgerkrieg, systematischer Überfremdung und Zwangswohlstands-Beglückung lösen. Dabei hat sich die forcierte Sinisierung nicht nur in Tibet als Fehlschlag erwiesen; auch die (muslimischen) Uiguren in der nordwestlichen Grenzprovinz Xinjiang haben sich durch die methodische Einschränkung ihrer Bürgerrechte radikalisiert. Tatsächlich scheint es die zynische Strategie des chinesischen Regimes zu sein, einen Terrorismus zu provozieren, der den Machthabern zum ständigen Vorwand für ihre bornierte Politik dient.

Was uns politisch am meisten erschreckt, ist die Hilflosigkeit, mit der das große China auf die kleine Herausforderung reagiert: Nicht mal ein bisschen Dialog mit Tibet – das haben wir fast zwei Jahrzehnte nach der Niederschlagung des Aufstands auf dem Tiananmen-Platz nicht (mehr) für möglich gehalten. China – ist das nicht das Land der zweistelligen Wachstumsraten und pfeilschnellen Modernisierung, der Zigmillionen Billigarbeitsplätze und tausendfachen Wirtschaftswundergeschichten? Das Land, das 400 Millionen Menschen aus wirtschaftlicher Armut befreit hat, sich im Handumdrehen in die globale Wirtschaft eingeklinkt, die Lebenserwartung seiner Bevölkerung erhöht, ihre humanitäre Situation dramatisch verbessert hat?

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Wer über die individuellen Menschenrechte spricht, darf nicht von den Erfolgen des Wandels durch Handel, den Fortschritten im chinesischen Rechtssystem und den Vorzügen autoritärer Politik in Entwicklungsländern schweigen. Aber er darf sich auch nicht lustvoll der Illusion hingeben, die Demokratie werde sich in China mit zunehmendem Wohlstand zwangsläufig einstellen. Dieser Illusion sind Politiker und Wirtschaftsführer gleichermaßen erlegen, aus kindlichem Glauben und betriebswirtschaftlichen Interessen. Und auf diese Illusion beruft sich nun das Internationale Olympische Komitee (IOC), wenn es vor einer „Politisierung“ der Spiele warnt, die niemand mehr politisiert hat als das IOC selbst mit seiner törichten Annahme, China werde sich der Weltöffentlichkeit nunmehr von seiner besten Seite zeigen.

Tatsächlich hat China nie einen Hehl daraus gemacht, was es unter „Harmonie“ und „Weltoffenheit“ versteht: erzwungene Ruhe und nationale Schaufensterpolitik. Jeder Besucher, der durch die Reste der abgerissenen Altstadt in Kashgar schlendert oder die massentouristische Gewalt spürt, mit der etwa der Volksstamm der Naxi zur folkloristischen Staffage seiner Heimatstadt Lijiang herabgewürdigt wird, bringt mehr Realitätssinn für die Verhältnisse in China mit nach Hause als die meisten Minister, Abgeordneten und Funktionäre, die mit großen Augen aus den VIP-Bars in Shanghai zurückkehren und nach dem obligatorischen Besuch der renommierten Tongji-Universität ganz bänglich von 400.000 chinesischen Ingenieuren sprechen, die nur darauf warten, den Unseren die Arbeitsplätze wegzunehmen.

Die Mär von der Weltmacht China, die Europa wirtschaftlich von der Bühne fegt, hat umso mehr verfangen, als sie sowohl von der Wirtschaft als auch von den Gewerkschaften verbreitet wurde: Die einen wollten mit dem China-Verweis Reformen befördern, die anderen verhindern. Tatsächlich ist China 30 Jahre nach dem Beginn der Reformpolitik nicht nur politisch schwach, sondern auch wirtschaftlich – und zwar in all seiner beeindruckenden Größe: Die staatseigenen Betriebe sind nach wie vor unrentabel, ein Drittel ihrer Angestellten ist überflüssig; drei Fünftel der Ausfuhren gehen auf das Konto ausländischer Firmen; eine chinesische Weltmarke gibt es – Haier hin, Lenovo her – immer noch nicht. Die Steigerung des Sozialprodukts ist mit immer höheren Kosten verbunden; was China verkauft, ist billig; was China braucht, ist teuer. Korruption, Umweltschäden und Rohstoffpreise belasten die Bilanzen, Chinas Wirtschaft wächst vor allem in puncto Ineffizienz: Die restriktive Währungspolitik verteuert Importe und senkt den Innovationsdruck; für jeden Dollar jährlicher Produktionsleistung investiert China 5,4 Dollar – weit mehr als Deutschland und die USA – und weit mehr als China selbst vor 20 Jahren (vier Dollar). Kurzum: Chinas ineffiziente und teure Wirtschaft wird zunehmend ineffizient und teuer.

Und – was folgern wir daraus? Erstens: China ist angeschlagen. Zweitens: China muss sich ändern. Und drittens muss jeder, der einem Olympia-Boykott das Wort redet, wissen, dass ein schwaches China weder den Tibetern hilft noch den Chinesen – und schon gar nicht uns. Sicher, man darf China den Boykott gönnen: 20 Jahre lang hat der Westen den Kotau gemacht, ist den Chinesen hinterhergeschwänzelt, hat Menschenrechtsfragen hintangestellt, ein freundliches, weltoffenes China imaginiert. Andererseits: Was können die Chinesen dazu?

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