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EU: Deutsche Unternehmen in Bulgarien: Survival in der Schattenwirtschaft

von Christian Schaudwet und Prag

Korruption und frisierte Ausschreibungen sind in Bulgarien auch noch 18 Monate nach dem EU-Beitritt an der Tagesordnung. Manche Unternehmen ergreifen die Flucht, andere arrangieren sich erstaunlich gut.

Bulgariens Premierminister Quelle: dpa
Bulgariens Premierminister Sergei Stanishev (rechts) und Außenminister Ivailo Kalfin zeigen auf Bulgarien auf einer Europakarte während einer Willkommens-Zeremonie zum EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien. Quelle: dpa

Die Begründung für den Rausschmiss war originell. Weil dem Angebot des Hafen-Spezialisten Hamburg Port Consulting (HPC) ein polizeiliches Führungszeugnis in bulgarischer Sprache fehlte, schloss ein Ausschreibungskomitee des bulgarischen Transportministeriums ihn im Frühjahr aus dem Wettbewerb um den Hafen von Lom aus.

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Ein bürokratischer Winkelzug, der das seit 1999 gehegte Vorhaben der Hamburger zerplatzen ließ – so zumindest erzählt man es sich in deutschen Unternehmenskreisen in Sofia in Bulgarien. HPC wollte mit einem bulgarischen Partner den  zweitgrößten Donauhafen Bulgariens im Nordwesten des Landes übernehmen.

HPC will sich zu dem kuriosen K.O. nicht äußern. Doch was folgte, sagt genug: Favorit in dem Bieterwettstreit um den verkehrsstrategisch ideal gelegenen Hafen wurde der bestens verdrahtete Tycoon Wassil Boschkow, Eigner des bulgarischen Mischkonzerns Nove Holding.

Früher gehörte ihm der Fußballklub CSKA Sofia, in der Rangliste der reichsten Bulgaren belegt Boschkow Platz zwei. Dass er ganze 18 Millionen Euro weniger bot als das HPC-Konsortium, störte das Ausschreibungskomitee nicht. Dass mit den Hamburgern der einzige Bieter mit Hafen-Expertise ausschied, ebenso wenig.

Profit und niedrige Flat Tax locken in Bulgarien

Deutsche Unternehmen wissen: Wer in Bulgarien Geschäfte macht, muss mit frisierten Verfahren, Schmiergeldforderungen und mächtigen Konkurrenten mit guten Kontakten rechnen.

Die bulgarische Regierung sei ja durchaus wirtschaftsfreundlich, lobt ein deutscher Manager in Sofia „aber zu einigen leider mehr als zu anderen“. Nach Ansicht von Alexander Boschkow, dem früheren bulgarischen Industrieminister und heutigen Leiter des Thinktanks Zentrum für wirtschaftliche Entwicklung in Sofia , untergräbt der Mangel an Rechtssicherheit in seinem Land die Fundamente der Ökonomie: „Es gibt hier einfach keine funktionierende Marktwirtschaft.“

Das macht den ausländischen Unternehmen offensichtlich nicht viel aus. Die bulgarische Wirtschaft boomt.

Löhne, die zu den niedrigsten in Europa gehören, der europaweit niedrigste ein Einheitssteuersatz von zehn Prozent und der profitträchtige, rasch wachsende bulgarische Markt verdrängen die Zweifel mit Leichtigkeit.

Jahr für Jahr tragen ausländische Unternehmen mit vollen Händen ihr Geld ins Land. 2006, im Jahr vor Bulgariens EU-Beitritt, verdoppelten sich die ausländischen Direktinvestitionen auf sechs Milliarden Euro, 2007 flossen 6,1 Milliarden Euro nach Bulgarien.

Kopfschüsse aus dem Hinterhalt

Wer sich Ärger ersparen will, muss aufpassen wie ein Luchs: „Gibt es in einem Grundbuch nur die geringste Unklarheit, lassen wir die Finger von dem Grundstück“, sagt Henrie Koetter, Chef des Hamburger Immobilienentwicklers ECE in Bulgarien, der dort  Einkaufszentren und Büroparks errichtet. Um schwarze Schafe fernzuhalten, hat Koetter ein rigoroses Test- und Auswahlverfahren für lokale Mitarbeiter eingeführt. Jeder wird durchleuchtet. Hat ein Bewerber irgendwann einmal für die falsche Firma gearbeitet, ist er chancenlos.

Die größte Gefahr lauert in den Amtsstuben. Ausländischen Managern gegenüber verhalten sich korrupte Beamte gewöhnlich zwar vorsichtiger als im Umgang mit Bulgaren. Doch auch in der internationalen Szene gebe es „Aufträge, die nur durch Gefälligkeiten zu bekommen sind“, sagt der Deutsche Nico-Alexander Jahn, Manager bei der französischen Werbeagentur Publicis in Sofia.

Kritisiere man das, stoße man übrigens gerade als Deutscher häufig auf Unverständnis. „In solchen Diskussionen bekommen wir jetzt oft den Korruptionsskandal bei Siemens vorgehalten.“

Siemens-Mauscheleien kamen in Bulgarien nicht ans Licht. Bisher gehören die deutschen Unternehmen offenbar eher zu den Leidtragenden der Schattenwirtschaft. Wenn Stefan Gamisow, ein bulgarischer Berater von Energieversorgern, mit seinen Prognosen Recht behält, könnte demnächst auch der deutsche RWE-Konzern unangenehme Bekanntschaft machen.

Nach Gamisows  Worten versucht die „bulgarische Energiemafia“, unterstützt von russischen Finanziers, sich in den Bau des Kernkraftwerks Belene einzuschalten. Dort könnte sie auf RWE treffen, das sich an dem Betreiberkonsortium für Belene beteiligen will. 

Energiemanager in Bulgarien leben gefährlich. Anfang April streckte ein Attentäter den Chef des Kernkraftwerk-Wartungsunternehmens Atomenergoremont, Borislaw Georgiew, mit zwei Kopfschüssen vor seiner Wohnung nieder.

Aber schon weit Harmloseres reicht aus, um deutschen Unternehmen aus Bulgarien zu vergraulen. Der Düsseldorfer Henkel-Konzern, sagt ein bulgarischer Kenner der ausländischen Unternehmensszene, habe so üble Erfahrungen gemacht, dass er mit einem ehrgeizigen Nahrungsmittel-Projekt ins benachbarte Rumänien floh: „Sie hatten genug von den Schmiergeldforderungen ihrer Zulieferindustrie“, sagt der Experte.

Henkel betrieb in der Stadt Dobritsch im Nordosten Bulgariens eine Mühle für Sonnenblumenöl. Den bulgarischen Agrarhandel kontrollieren wenige große Unternehmen, die Preise liegen in ihren Händen. Innerhalb weniger Monate verdreifachte sich der Preis für Sonnenblumenkerne. Straf-Auflagen der bulgarischen Wettbewerbsbehörde beeindruckten das Kartell nur wenig.

Zu den Großen im bulgarischen Agrarhandel gehört die in Warna ansässige TIM-Gruppe. TIM steht für die Vornamen ihrer drei Gründer Tihomir Mitew, Ivo Kamenow und Marin Mitew, allesamt ehemalige Karate-Athleten und Mitglieder einer Spezialeinheit der bulgarischen Marine. 

 Sie gelten als Sieger eines teils gewalttätigen Machtkampfs mit anderen Klans namens SIC und VIS 2. Wenn Mitew, Kamenow und Mitew ein Unternehmen haben wollen, bekommen es sie es auch. Eine ihrer Methoden: Sie kaufen bei Banken die Schulden des konkurrierenden Bieters und stören seine Geschäfte.

Im Bieterkampf um ein Hotel im Jahre 2000 etwa zwangen sie auf diese Weise den höher bietenden Eigner eines bulgarischen Fernsehsenders in die Knie, der plötzlich seine Schulden bei TIM wiederfand und Lizenzprobleme mit bulgarischen Behörden bekam. Chimimport, die Kernholding des über 100 Unternehmen und mehrere Tausend Mitarbeiter umfassenden TIM-Imperiums, ist heute tätig im Banken- und Versicherungssektor, im Öl- und Gasgeschäft, in der Schiff- und in der Luftfahrt.

Ein deutsches Unternehmen assistierte dem Trio aus Warna bei einem seiner jüngsten Erfolge. Als Eigner der größten bulgarischen Fluglinien Bulgaria Air und Hemus Air war TIM seit langem darauf aus, auch im bulgarischen Flughafengeschäft Fuß zu fassen.

Das Bieterverfahren für den TIM-Heimatflughafen Warna und den Touristenflughafen der Stadt Burgas hatte der dänische Flughafenbetreiber Copenhagen Airports gewonnen. TIM soll dafür gesorgt haben, dass die Freude der Dänen nur von kurzer Dauer war: Wegen angeblicher Formfehler in ihrem Gebot und einem plötzlich bei Copenhagen Airports festgestellten Mangel an Erfahrung  wurde das Ausschreibungsverfahren 2006 neu aufgerollt – im zweiten Durchgang erhielt ein Konsortium unter Führung der deutschen Flughafengesellschaft Fraport den Zuschlag.

Flughafenbetreiber Fraport mit dubiosem Partner

Dass Fraports Konsortialpartner in diesem Geschäft, das bulgarische Unternehmen BM Star, nichts anderes als ein Platzhalter der TIM-Gruppe war, daran zweifelten nur wenige in der bulgarischen Wirtschaft. Im März wurde die TIM-Connection offiziell. Chimimport übernahm BM Star.

„Ohne den Einfluss von TIM hätte Fraport die Konzession für Warna und Burgas nie gekriegt“, sagt ein Kenner der deutschen Unternehmensszene in Bulgarien. Auch die Zahlen in örtlichen Presseberichten werfen einen Schatten auf den Flughafen-Deal.

Demnach war das Angebot von Copenhagen Airports attraktiver als das der Deutschen: Die Dänen wollten 100 Millionen Euro mehr in die Airports investieren und wesentlich mehr von den Flughafengebühren an den bulgarischen Staat abführen als Fraport & Co.

Während in der EU-Kommission der Frust über die Zustände am Schwarzen Meer wächst – am Mittwoch der nächsten Woche wird sie Bulgarien in einem neuen Fortschrittsbericht die Leviten lesen – beschweren sich die Unternehmen nur leise. 

Doch das ändere sich allmählich, sagt Wirtschaftsforscher Boschkow: „Die Bevölkerung und die Unternehmen erkennen, dass es niemanden gibt, der ihre Interessen schützt. Sie hoffen, dass die EU echten Druck auf die Politik ausübt.“

Und wenn auch das nicht hilft, bringt vielleicht etwas anderes die bulgarischen Politiker zum Nachdenken: Nach dem Rekordjahr 2007 sanken im ersten Quartal dieses Jahres erstmals die ausländischen Direktinvestitionen.

13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 01.11.2008, 12:29 UhrAnonymer Benutzer: Ludwig Braml

    ich finde ihren Artikel gut, aber eigentlich ist es noch viel schlimmer
    wie dargestellt. Vom Polizisten der mitten in Sovia einfach 50 Leva erpresst ( Anzeige oder Geld ) ohne Grund über Handelsregistereintragungen mit entzetzlichen Folgen für ausländische investoren, bis hin zu gekauften Gerichtsrentscheidungen. Mein Tip, meiden sie dieses Land als investor. Die Eu sollte diesen unbelehrbaren Mitgliedsstaat möglichst schnell ausschliesen, bevor noch mehr Europäische investoren durch diesen Unrechtsstaat geschädigt werden, das wird nichts.

  • 17.08.2008, 04:26 UhrAnonymer Benutzer: vas

    Das mit dem Lomer Hafen - das ist nichts weniger als Staatsverrat. Leute, die Donau ist doch eine riesige Chance für bulgarien. im 19ten Jahrhundert war doch Lom eine blühende Hafenstadt (schaut mal in Wikipedia z.b.), die mit Österreich und Ungarn sehr intensive und profitable beziehungen pflegte. Wenn die Hamburger Gesellschaft die Ausschreibung gewonnen hätte, dann würden die Menschen in dieser Region sehr sehr viel besser leben. Aber nein, statt dessen verkauft unsere Regierung alles an den Herrn boschkoff (in den Medien wird er "Totenkopf" genannt). Na ja, ich gebe echt hier auf... Vielleicht wäre eine Militärdiktatur hier das Einzige.

  • 04.08.2008, 14:09 UhrAnonymer Benutzer: bulgare

    bla bla... kuroption gibts auch in der EU, gibts auch in Deutschland. Der Unterschied ist aber, dass die einfache Leute davon nicht profitieren können - die wird entweder hinter dubiosen Gesetzen verdeckt oder findet nur in den oberen Schichten statt.

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