EU: Gähnende Termin-Leere bei EU-Kommissar

EU: Gähnende Termin-Leere bei EU-Kommissar

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EU-Sprachenkommissar Leonard Orban

In Brüssel regieren mittlerweile 27 EU-Kommissare. Leonard Orban ist der überflüssigste von ihnen. Der Rumäne ist für Mehrsprachigkeit zuständig.

Als EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso Ende 2006 nach einem Aufgabengebiet für die beiden neuen Kommissare aus Rumänien und Bulgarien suchte, kursierte ein böser Witz auf den Korridoren der Kommission. Barroso, so der Flurfunk, werde pünktlich zum Beitritt der beiden Länder das Dossier Fischerei aufspalten. Ein Kommissar kümmere sich um Süßwasserfische, einer um Salzwasserfische.

Es kam noch schlimmer. Der Rumäne Leonard Orban übernahm das Amt des Kommissars für Mehrsprachigkeit. „Überrascht“ war der studierte Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler über diese Aufgabe und müht sich seither, nicht enttäuscht zu klingen. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Portfolio“, sagt der Politiker in hart gefärbtem Englisch.

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Mit Sprachen hatte der 47-Jährige zuvor wenig zu tun. Als Chefunterhändler führte er die Beitrittsverhandlungen seines Landes zur EU. Seit er in Brüssel angekommen ist, arbeitet er an seinem Französisch. In seinem Büro im Berlaymont bekommt er Einzelunterricht – aber nicht jede Woche, denn dazu hat er zu viel zu tun. Sagt er.

Was aber macht ein Kommissar für Vielsprachigkeit eigentlich? Das fragen sich in Brüssel viele. Sicherlich, er muss zwei Generaldirektionen verwalten, die Generaldirektion Übersetzung mit 2400 Mitarbeitern, die mit Abstand größte der Kommission, und die Generaldirektion Dolmetschen mit 1000 Mitarbeitern. Kann das einen Kommissar jedoch ausfüllen? Bis zu Orbans Ankunft in Brüssel managte Bildungskommissar Ján Figel die Einheiten zusätzlich zu seinem eigenen Haus.

An diesem Montag wird Orban nach Düsseldorf kommen, zu einer Sitzung des von ihm eingerichteten Wirtschaftsforums, das sich mit dem Zusammenhang von Wettbewerbsfähigkeit und Sprachen beschäftigt. Orbans Botschaft: Eine Fremdsprache reicht heutzutage nicht mehr aus. Bei seinen Besuchen in den Mitgliedsländern betont er das gerne. Dort wird die Botschaft im besten Fall als freundliche Anregung verstanden, denn die Kommission hat im Bereich Bildung keine Kompetenz, das ist allein Sache der Mitgliedstaaten. Orban weiß das: „Subsidiarität ist unser Hauptprinzip.“ Er erzählt, dass er gerne reise, um sich vor Ort über die Lage der Sprachen zu informieren. In seinem offiziellen Terminkalender herrscht jedoch gähnende Leere. Vergangene Woche verbrachte er zwei Tage in Athen und hielt eine Rede in Brüssel. Die Woche zuvor empfing er eine Delegation aus Deutschland und hielt zwei Reden in Brüssel.

Im grauen Anzug zur grau gestreiften Krawatte rechtfertigt der grau-melierte Orban bei solchen Gelegenheiten die Übersetzungskosten der Brüsseler Behörden in einer Gemeinschaft mit 23 Amtssprachen. Nein, 2,50 Euro pro Bürger pro Jahr erscheinen ihm nicht zu viel, wenn Europäer im Gegenzug Gesetzestexte in ihrer Muttersprache lesen können.

Kritik aus Deutschland, die Kommission würde Dokumente nicht ausreichend in die Arbeitssprache Deutsch übersetzen, prallt an Orban ab. „Wir sehen nicht, das Deutsch in irgendeiner Form diskriminiert wird“, sagt der Kommissar über eine Petition, die fünf Bundesländer mit Unterstützung von Europaabgeordneten und Politikern aus deutschsprachigen Regionen kürzlich an ihn adressiert haben.

Der berechtigte Einwand, kleine und mittlere Betriebe können sich auf den Mittelstandsportals von Industriekommissar Günter Verheugen zwar auf Englisch, nicht aber auf Deutsch informieren, lässt den rumänischen Kommissar kalt. Er fühlt sich zuständig für die Mehrsprachigkeit auf den Europa-Web-Sites, nicht aber für die Seiten von Kommissaren oder einzelner Generaldirektionen. Die aber setzen auf Englisch als Lingua Franca, als gemeinsame Sprache der Gemeinschaft. 88 Prozent der EU-WebSites sind auf Englisch, beobachtet der oberste Beamte für Übersetzungen, Juhani Lönnroth.

In der Kommission ist damit passiert, was Orban in Europa verhindern will – dass Englisch alle anderen Sprachen dominiert. „Zweisprachigkeit reicht für europäische Unternehmen nicht aus“, wird Orban auf seiner Veranstaltung in Düsseldorf an diesem Montag wieder sagen und einmal mehr darauf hinweisen, dass jeder zusätzlich zu Englisch eine weitere Fremdsprache lernen solle. Auf Englisch selbstverständlich. Denn Orbans Französisch ist nicht so fehlerfrei, als dass der Kommissar für Vielsprachigkeit es bei öffentlichen Anlässen sprechen möchte.

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