EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise: Wie Europas Staaten zum Türkei-Deal stehen

EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise: Wie Europas Staaten zum Türkei-Deal stehen

, aktualisiert 17. März 2016, 14:59 Uhr
Bild vergrößern

Der türkische Premierminister Davutoglu (l.), EU-Ratspräsident Tusk (M.) und EU-Kommissionspräsident Juncker auf dem letzten EU-Gipfel in Brüssel. Das geplante EU-Türkei-Abkommen ist sehr umstritten.

Quelle:Handelsblatt Online

In Brüssel beginnt heute der EU-Türkei-Gipfel. Das Treffen soll einen Durchbruch in der Flüchtlingskrise bringen. Doch was sind die Erwartungen, Forderungen, Hoffnungen der Staaten? Unsere Korrespondenten berichten.

Der EU-Gipfel soll endlich eine Lösung in der Flüchtlingskrise bringen. In Brüssel verhandeln die EU-Staats- und Regierungschefs ab 16 Uhr über ein Abkommen mit der Türkei, das den Flüchtlingsstrom eindämmen soll.

Die Türkei hatte vergangene Woche angeboten, alle neu auf den griechischen Inseln ankommenden Flüchtlinge zurückzunehmen. Im Gegenzug soll die EU für jeden so abgeschobenen Syrer einen anderen syrischen Flüchtling aus der Türkei legal aufnehmen. Ziel ist es, das Geschäftsmodell krimineller Schleuser zu zerstören und die Einwanderung auf illegalen Wegen nach Europa zu stoppen.

Anzeige

Außerdem fordert Ankara weitere Zugeständnisse von der EU – Visafreiheit für türkische Bürger im Sommer, schnellere EU-Beitrittsverhandlungen und mehr Gelder für die Flüchtlingsbetreuung.

All das kommt in vielen EU-Ländern nicht gut an, die Bedenken gegen das geplante Abkommen mit der Türkei in vielen EU-Mitgliedsländern ist groß. Unsere Korrespondenten berichten, wie die Stimmung in den Ländern ist.


Deutschland: Auch in der Koalition gibt es Skepsis

Kanzlerin Angela Merkel warb am Mittwoch für ein Abkommen mit der Türkei. Der EU-Gipfel könne eine „entscheidende Wegmarke“ zur Lösung der Flüchtlingskrise in Europa werden, sagte sie bei einer Regierungserklärung im Bundestag. Die Wünsche der türkischen Regierung bezeichnete sie als „völlig nachvollziehbar“. Gleichzeitig betonte sie, dass eine Vereinbarung „unseren Werten“ entsprechen müsse. Ein EU-Beitritt der Türkei stände nicht auf der Tagesordnung.

Doch selbst in der Koalition stößt das geplante Abkommen mit der Türkei auf Widerstand. CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt bekräftigte im Bundestag für ihre Partei die „Bedenken bei der vollen Visumsfreiheit“ für die Türkei. Ein solcher Schritt komme für die CSU nicht infrage, hieß es in Bayern.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann warnte zwar vor einer „überheblichen und herablassenden Haltung gegenüber der Türkei“. Zugleich kritisierte aber auch Oppermann den Umgang Erdogans mit der Meinungs- und Pressefreiheit in seinem Land.

Sehr viel schärfere Kritik kommt von der Opposition. „Menschenrechte dürfen nirgends und niemals auf dem Verhandlungstisch liegen“, sagte Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch angesichts der schwierigen Menschenrechtslage in der Türkei. Kritisch sei zudem der rabiate Umgang Erdogans mit Journalisten, Oppositionellen und den kurdischen Minderheiten. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter warnte vor einem „schmutzigen Deal“.

Nils Wischmeyer, Düsseldorf


Zypern: Ewiger Feind der Türkei

Das kleine Zypern zwingt die politischen Schwergewichte in der EU zu einem Seiltanz. Weil die griechisch-zypriotische Führung in Nikosia mit einem Veto gegen das geplante Flüchtlingsabkommen zwischen der Union und der Türkei droht, beeilte sich Angela Merkel zu versichern: Ein EU-Beitritt der Türkei stehe „jetzt wirklich nicht auf der Tagesordnung“. Nicht gerade das, was die dünnhäutige Führung in Ankara vor der Unterschrift unter das Flüchtlingsabkommen hören möchte.

Die EU-Kommission bereite einen Gipfel „mit Zypern und nicht gegen Zypern“ vor, bekräftigten Kommissionsvertreter nach einem Treffen am Mittwochabend in Brüssel zwischen Jean-Claude Juncker und Zyperns Präsident Nikos Anastasiades. EU-Ratspräsident Donald Tusk machte am Dienstag auch in Nikosia Station. Sicher ist sicher.

Auch mehr als zehn Jahre nach Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der EU erkennt die Türkei das EU-Mitglied Zypern nicht an. Flug- und Seehäfen in der Türkei sind für Nikosia nach wie vor geschlossen. Im Ankara-Protokoll von 2005 hatte sich die türkische Regierung jedoch zur Öffnung ihres Landes für Waren aus Zypern verpflichtet. Der Europäische Rat suspendierte deshalb acht Kapitel in den Beitrittsverhandlungen, Zypern sechs. Die Öffnung von zwei der von Nikosia blockierten Verhandlungskapitel war der Türkei allerdings für eine Kooperation in der Flüchtlingsfrage in Aussicht gestellt worden – Kapitel 23 (Justiz und Grundrechte) und Kapitel 24 (Justiz, Freiheit und Sicherheit).

Anastasiades lässt sich jedoch nicht erweichen. „So lange sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, die ihnen aus dem Ankara-Protokoll und allgemeiner aus dem Verhandlungsrahmen erwachsen, ist die Öffnung von Verhandlungskapiteln auch kein Thema“, stellte Zyperns Präsident am Mittwoch klar. Im Entwurf der Abschlusserklärung des EU-Türkei-Gipfels ist deshalb nur noch von Kapitelöffnungen „so bald wie möglich“ die Rede.

Markus Bernath, Athen


Italien: Skepsis und zaghafte Hoffnung

Italiens Premierminister Matteo Renzi hofft endlich auf Fortschritte. Nach dem EU-Türkei-Sondergipfel vor zehn Tagen war er enttäuscht. „Wir haben einen winzigen Schritt nach vorne gemacht beim Thema Flüchtlinge”, sagte er damals in Brüssel, „es gibt noch sehr viel Arbeit und Diskussionsbedarf“. Immerhin habe Europa nun verstanden, wie „schwerwiegend das Problem ist“, so Renzi. „Wir in Italien haben seit Jahren damit zu tun.“

In Italien überwiegt in Medienkommentaren Skepsis, was das geplante Abkommen zwischen EU und Türkei betrifft. Die Verhandlungen seien scheinheilig, schreibt die Wirtschaftszeitung „il sole – 24 ore“  in einem Leitartikel. „Nur die übliche Leichtfüßigkeit der Europäer führt dazu, zu denken, die Türkei sei die Lösung und nicht das Problem.“

Skeptisch und kritisch zeigte sich auch Renzi, bevor er nach Brüssel reiste. „Das ist der dritte Gipfel in einem  Monat – ein Zeichen, das was nicht stimmt“, sagte Renzi am Mittwoch vor Abgeordneten. Und das betreffe vor allem die Methode und nicht das Ziel.

Kritik übte er auch an der Kommission und den EU-Institutionen. „Die Wiederholung der Argumente provoziert bei allen Überdruss.“ Es sei richtig, das Abkommen mit der Türkei zu schließen, sagte Renzi. „Aber es gibt fundamentale Prinzipien – allein, was Menschenrechte und Pressefreiheit betreffe.  Beim Gipfel vor zehn Tagen hatte Renzi noch gefordert, in die Abschlusserklärung müsse die Achtung der Pressefreiheit aufgenommen werden. Andernfalls werde er seine Zustimmung zum geplanten Abkommen mit der Türkei verweigern. Letztlich musste Renzi aber in den Verhandlungen nachgeben.

Kritik an der Bundeskanzlerin gibt es allerdings nicht in Italien, eher Besorgnis. Merklel sei nun geschwächt in Europa, schrieb der „Corriere della Sera“ nach den drei Landtagswahlen, bei denen die CDU schwach abschnitt, während die AfD zweistellige Ergebnisse erzielte. Und das sei besorgniserregend aus zwei Gründen: Die Kanzlerin sei isoliert wegen ihrer Flüchtlingspolitik, Merkel hätte Frankreich mehr einbeziehen müssen. Und zweitens sei Deutschland nicht mehr die rühmliche Ausnahme in Europa in puncto Populismus.  Ein anderer Kommentator schrieb sogar, jetzt, wo Merkel geschwächt und isoliert in Europa sei, könne sie auf Italien und Griechenland als treue Partner zählen. 

Regina Krieger, Rom


Frankreich: Bedenken gegenüber der Visafreiheit

Am Donnerstagmorgen, wenige Stunden vor dem Gipfelbeginn, hat die französische Regierung das geplante EU-Abkommen mit der Türkei verteidigt. Es sei „absolut notwendig“, sagte Regierungssprecher Stéphane Le Foll. Zweifel meldete Frankreich allein bei der Visafreiheit für Türken an. Schon am 8. März hatte Le Foll sich im Namen der französischen Regierung hinter die Abmachung mit der Türkei gestellt.

Bei der Lösung der Flüchtlingskrise gebe es „konkrete Fortschritte“, hatte ein hoher französischer Beamter am Dienstag erklärt und damit die Position der Regierung beschrieben. Doch könnten das „one for one“ genannte Tauschprogramm illegaler gegen legale Flüchtlinge und die von der Türkei gewünschten Bedingungen wie Visafreiheit, die Öffnung weiterer Kapitel in den Beitrittsverhandlungen und eine über die ursprünglich zugesagten drei Milliarden Euro hinausgehende Hilfe nur beschlossen  werden, wenn „bestimmte Prinzipien“ eingehalten würden. 

Dazu zählt nach Ansicht der französischen Regierung eine korrekte Behandlung der Migranten, die in die Türkei abgeschoben werden. Das Land müsse europäischen und internationalen Standards des Asylrechts gerecht werden. Was die Visafreiheit angeht, sei sie an einen Katalog von 72 Kriterien gebunden, der erst zur Hälfte erfüllt sei. Bei den Beitrittsverhandlungen seien einige Kapitel von der türkischen Regierung selber blockiert, weil sie nicht die Rechtsnormen der EU übernehmen wolle, was mit einem Beitritt verbunden ist. In anderen Kapiteln gebe es keine Fortschritte, weil die Türkei keine Schiffe und Flugzeuge aus Zypern zulasse. Dabei habe sich Ankara dazu verpflichtet. 

Außerdem müsse Europa Griechenland quantitativ wie qualitativ besser unterstützen, da das Land sonst nicht in der Lage sein werde, auf Basis rechtlich einwandfreier Verfahren über das Asyl für Syrer zu entscheiden. Und dann nannte der Regierungsvertreter eine Bedingung, die wichtiger als alles andere sei: „Wir sind in einer Übergangssituation.“ Wenn der Zustrom von Flüchtlingen über das Meer nicht abebbe, machten alle Vereinbarungen keinen Sinn. Wenn dagegen die illegalen Flüchtlingsströme deutlich abnähmen, könne man perspektivisch auch über „one for one“ hinausgehen.

Schnell fügte der Beamte hinzu, Frankreich werde auf absehbare Zeit nicht über die vor Monaten genannte Zahl von 30.000 Flüchtlingen hinausgehen, was die Aufnahme von Migranten betreffe. Immerhin klingen die Worte des engen Mitarbeiters von Hollande konzilianter als Premier Manuel Valls. Dieser hatte in München die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in Europa rundherum abgelehnt und sich über die Bundesregierung lustig gemacht.  

Thomas Hanke, Paris


Griechenland: Große Erwartungen

Griechenlands linker Regierungschef Alexis Tsipras reist wie Angela Merkel mit großen Erwartungen nach Brüssel. Der EU-Türkei-Gipfel soll für den innenpolitisch stark bedrängten Tsipras alles lösen: zunächst das Problem des Flüchtlingsstroms auf den griechischen Inseln mit täglich 1.300 ankommenden Migranten. Dann die Verteilung der neuen, mittlerweile rund 45.000 syrischen Kriegsflüchtlinge, die sich in Griechenland seit der Schließung der Balkanroute vor bald einem Monat angesammelt haben, auf die EU-Staaten; aber ebenso die Verteilung von 160.000 „alten“ Flüchtlingen, wie sie von den EU-Staats- und Regierungschefs mehrheitlich bereits beschlossen worden war.

Griechenland will die Türkei zum sicheren Drittstaat erklären. Damit hätten es Flüchtlinge, die von der türkischen Küste kommen, grundsätzlich schwer, überhaupt einen Asylantrag zu stellen. Türkische Verbindungsbeamte aus dem Innenministerium in Ankara sollen bei der Rücknahme aller illegalen Migranten helfen.

Die Beamten werden auf den Hotspots der fünf „Flüchtlingsinseln“ Lesbos, Chios, Samos, Kos und Leros eingesetzt. Darauf haben sich Tsipras und der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu vergangene Woche bei ihrem Treffen in Izmir geeinigt. In Athen hat das wegen der Jahrhunderte langen Herrschaft osmanischer Beamter über die Griechen einige Aufregung ausgelöst.

Trotz der steigenden Flüchtlingszahlen zeigt die Mehrheit der Griechen aber viel Verständnis für die Flüchtlinge. In Athen ist diese Woche wieder eine neue große Sammelaktion angelaufen. „Ich kann sehr gut verstehen, wie schwierig es für diese Menschen ist, die vor dem Krieg flüchten“, erklärt Christina Tsouma, eine Büroangestellte, die sich einen Tag freinahm, um Spenden zu sortieren. „Wir durchleben selbst schwierige Zeiten“, sagte die Griechin mit Blick auf die nun sieben Jahren dauernde schwere Wirtschafts- und Finanzkrise im Land.

Markus Bernath, Athen


Großbritannien: Cameron unterstützt das geplante Abkommen

David Cameron gibt sich vor dem Gipfel zuversichtlich. Die EU-Staats- und Regierungschefs hätten die „Basis für einen Durchbruch“ mit der Türkei gelegt, sagte der britische Premier. Es gebe die Aussicht, dass in Zukunft alle in Griechenland ankommenden Migranten in die Türkei zurückgeschickt werden könnten, erklärte Cameron. Das würde das Geschäftsmodell von Menschenschmuggeln kaputtmachen. Der britische Premier werde deshalb den Kompromiss mit der Türkei unterstützen, heißt es in der Downing Street. 

Aber der Druck auf den konservativen Premierminister aus den eigenen Reihen wächst, sich einer Visafreiheit für Türken vehement entgegenzustellen. Camerons früherer Heimatminister David Davis wandte sich in einem offenen Brief an den Regierungschef, um in diesem Fall vor „katastrophalen Folgen“ für Großbritannien zu warnen. Ein solcher Schritt könnte zu einem Wendepunkt in der laufenden Debatte um einen Austritt aus der Europäischen Union werden, da er die Einwanderung aus dem europäischen Ausland weiter ansteigen lasse – einer der größten Sorgen für viele Briten.

Vertreter der Regierung weisen dies zwar zurück. Es gehe ausdrücklich um ein Angebot der Schengen-Gruppe an die Türkei, betonte ein hoher Regierungsbeamter, der namentlich nicht zitiert werden wollte. Großbritannien sei jedoch nicht Teil der Schengen-Gruppe und insofern auch nicht betroffen. Doch auch der Premier weiß, dass Fakten das eine sind - Stimmungen im europamüden Großbritannien jedoch das andere. Der politische Spielraum für Cameron ist damit knapp 100 Tage vor dem historischen Referendum am 23. Juni eng begrenzt. 

Denn die politischen Gegner von Cameron greifen das Thema Türkei im Schatten der Brexit-Debatte bereitwillig auf. „Die Türkei will in die EU und hat die Unterstützung von Angela Merkel und David Cameron“, bringt sich der europakritische UKIP-Chef Nigel Farage bereits in Stellung. „Das illustriert das ganze Risiko, wenn Großbritannien in der Gemeinschaft bleiben sollte.“

Carsten Herz, London


Österreich: Die Regierung geht auf Distanz

Die österreichische Regierung ist vor dem EU-Ratsgipfel auf Distanz zum geplanten Abkommen mit der Türkei gegangen. „Wir wollen dem bisher praktizierten Schleppermodell ein offiziell organisiertes Modell gegenüber stellen. Das setzt eine Vereinbarung mit der Türkei voraus, die wir erreichen wollen, ohne inhaltliche Abstriche bei den Menschenrechten, etwa bei der Meinungsfreiheit oder beim Umgang mit den Kurden, zu machen“, sagte der Bundeskanzler Werner Faymann in Wien, der aus seinen Vorbehalten gegen Ankara in den vergangenen Wochen keinen Hehl gemacht hatte.

Österreich sei bemüht, die Sicherung der EU-Außengrenze zu verbessern und dafür mit der Türkei zu verhandeln, sagt Faymann. Wichtig sei auf dem EU-Gipfel in Brüssel, dass das Durchwinken endgültig beendet werde. „Wir müssen auch die deutschen Kollegen dazu aufrufen, das Durchwinken zu beenden und uns damit zur Pufferzone zu machen“, forderte Faymann, der zuletzt mehrfach Bundeskanzlerin Angela Merkel attackiert hatte.

Die rechtspopulistische FPÖ – die größte Oppositionspartei im Alpenland – wendet sich gegen ein Abkommen zwischen EU und der Türkei. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky fordert eine europäische Lösung ohne Merkel und Deutschland. Stattdessen tritt er für eine EU-Lösung mit EU-Mitgliedsstaaten ein, welche den Flüchtlingsstrom komplett stoppen wollen.

Hans-Peter Siebenhaar, Wien


Spanien und Portugal: Widerstand gegen Flüchtlingsrückführung

Spanien

Spanien steht nach der Wahl kurz vor Weihnachten immer noch ohne Regierung da. Der geschäftsführende Ministerpräsident Mariano Rajoy hat für die spanische Position auf dem EU-Gipfel aber die einstimme Unterstützung des ansonsten zerstrittenen Parlamentes erhalten. Die Abgeordneten lehnen die geplante Rückführung derjenigen Flüchtlinge in die Türkei ab, die illegal nach Griechenland gelangt sind. In einer Erklärung heißt es, Spanien werde „auf keinen Fall“ ein Abkommen akzeptieren, das nicht mit internationalem Recht vereinbar ist. Die kollektive Rückführung von Personen, die ein Recht auf Asyl in der Europäischen Union haben, hält Spanien für einen Rechtsbruch.

16 Nichtregierungsorganisationen demonstrierten am gestrigen Mittwoch vor dem Außenministerium in Madrid gegen die geplante Rückführung von Flüchtlingen in die Türkei. In rund 50 weiteren spanischen Städten hatten NGOs, Gewerkschaften und Parteien ebenfalls zu Protesten aufgerufen.

Spanien gehört zu den Ländern Europas, die bislang kaum Flüchtlinge aufgenommen haben. Gerade einmal 18 sind aus Italien nach Spanien gekommen. Die Wirtschaftszeitung „El País“ beruft sich auf europäische Quellen, die sagen, es wollten einfach nicht mehr Flüchtlinge nach Spanien. Madrid hat sich bereit erklärt, innerhalb von zwei Jahren rund 9300 Asylbewerber aufzunehmen, die sich bereits in der EU befinden und weitere 1400 Flüchtlinge aus Nicht-Mitgliedsländern wie der Türkei.

Portugal

Der portugiesische Ministerpräsident Antonio Costa hat angeboten, über die 4.500 Flüchtlinge, die das Land im Rahmen des EU-Kontingents zugeteilt bekommen hatte, weitere 5.800 Flüchtlinge aufzunehmen. Das Land hat die niedrigste Geburtenrate in der EU. Im Zuge der Wirtschaftskrise haben in den vergangenen vier Jahren zudem eine halbe Million Portugiesen ihr Land verlassen. Die Regierung in Portugal hofft, mit den Flüchtlingen den Aderlass der eigenen Bevölkerung etwas ausgleichen zu können.

Bei seinem Berlin-Besuch im Februar erklärte Costa, es ein unfair, Deutschland mit der Aufnahme des Flüchtlingsstroms allein zu lassen und sicherte Bundeskanzlerin Merkel die Solidarität Portugals zu. Seit November sind allerdings erst 149 Flüchtlinge nach Portugal gekommen – die meisten wollen lieber nach Nordeuropa. Portugal hat eine Arbeitslosenquote von zwölf Prozent und ist eines der ärmsten Länder Westeuropas.

Sandra Louven, Madrid


Schweden, Finnland, Dänemark: Vorsichtige Zustimmung

Schweden

Schweden steht wie die übrigen nordeuropäischen Länder der vorläufigen Übereinkunft mit der Türkei prinzipiell positiv gegenüber. „Wir müssen eine geordnete Migration von der Türkei in die EU sicherstellen“, erklärte der sozialdemokratische schwedische Regierungschef Stefan Löfvén. Obwohl er eine Einigung zwischen der EU und der Türkei unterstützt, glaubt er, dass es noch diverse Hürden zu überwinden gilt. „Es ist sehr komplex und sehr, sehr schwierig“, erklärte Löfvén am Mittwoch. Vor allem sieht er weiterhin Schwierigkeiten, die 28 EU-Länder auf einen gemeinsamen Kurs einzuschwören.

Schweden hat ein großes Interesse an einer Lösung der Flüchtlingskrise, nimmt das Land doch gemessen an der Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge aller EU-Länder auf. Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 162.000 Asylbewerber nach Schweden. Seit die schwedische Regierung verschärfte Grenzkontrollen eingeführt hat, ist die Zahl der Flüchtlinge deutlich zurückgegangen. Derzeit kommen nur noch etwa 1.000 Asylbewerber pro Woche in das Land. Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen hat sich aber bislang nicht grundlegend verändert. Immer noch kommt es zu Anschlägen auf Asylbewerberheime.

Einwanderungs- und Justizminister Morgan Johansson betonte vergangene Woche, dass jede Einigung mit der Türkei auf Grundlage internationaler Konventionen geschehen müsse. „Es ist äußerst wichtig, dass wir das berücksichtigen“, sagte er und ging damit indirekt auf die Kritik der Uno an dem Türkei-Deal ein. Auch Regierungschef Löfvén betonte am Mittwoch noch einmal, dass jede Einigung mit der Türkei auf der Grundlage internationaler Regeln und der EU-Gesetzgebung geschehen müsse.

Finnland

Der finnische Regierungschef Juha Sipilä zeigte sich prinzipiell zufrieden mit den bislang vorgelegten Vorschlägen. Allerdings sei es nur „ein erster Schritt“ auf dem Weg zu einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik. „Sehr viele Fragen sind noch nicht beantwortet, es handelt sich vielmehr um ein eher prinzipielles Papier“, so Sipilä. Sein Außenminister Timo Soini von der rechtspopulistischen Partei „Die Finnen“ äußerte sich deutlich zurückhaltender zu dem Vorschlag. „Es darf nicht so sein, dass wir das Geld in die Türkei schicken und die Türkei ihre Verpflichtungen nicht einlöst“, erklärte er.

Finnland nahm im vergangenen Jahr 32.000 Asylbewerber auf. In einigen Regionen ist es zu Übergriffen auf Flüchtlinge gekommen. Außerdem haben sich in einigen Städten Bürgerwehren gebildet, die nachts in den Straßen patrouillieren.

Dänemark

Dänemarks rechtsliberaler Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen bezeichnet den Vorschlag als „eine Chance“, die Flüchtlingskrise zu lösen. Kritik gibt es dagegen von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, die normalerweise die Regierung unterstützt. „Die Türkei hat sich wie auf einem orientalischen Bazar verhalten, und wir haben als willige Käufer mitgespielt“, sagte der EU-Experte der Partei, Kenneth Kristensen Berth. Dennoch gilt es als unwahrscheinlich, dass Dänemark auf die Seite Österreichs und Frankreichs einschwenkt und eine Übereinkunft mit der Türkei blockiert.

Obwohl Dänemark im vergangenen Jahr nur 20 800 Asylbewerber aufnahm, herrscht im Land eine große Furcht vor Überfremdung. Auch ist es zu Übergriffen gekommen.

Helmut Steuer, Stockholm

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%