Eurasias Asien-Chef zur Nordkorea-Krise: „Wir sollten Trump ernst nehmen”

Eurasias Asien-Chef zur Nordkorea-Krise: „Wir sollten Trump ernst nehmen”

, aktualisiert 03. November 2017, 15:55 Uhr
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Auf die Tests antwortet US-Präsident Donald Trump mit verbalen Attacken.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Nordkorea arbeitet an atomwaffentauglichen Raketen. US-Präsident Trump reagiert mit verbalen Attacken. Die Sorge vor einer militärischen Eskalation ist nicht unbegründet, erklärt Eurasia-Group-Asien-Chef Medeiros.

Vorige Woche führte die amerikanische Eurasia Group, ein großer Berater für politisches Risiko, ihren ersten „geopolitischen Gipfel“ in Tokio durch. Handelsblatt-Korrespondent Martin Kölling sprach mit Eurasias Asien-Chef Evan Medeiros über einen Schrecken, der plötzlich denkbar geworden ist: das Risiko eines bewaffneten Konflikts zwischen den USA und Nordkorea.

Der frühere australische Ministerpräsident Kevin Rudd, der jetzt das politische Institut der Asia Society in den USA leitet, hat kürzlich gesagt, dass das Risiko eines militärischen Konflikts in Korea von fünf auf 20 bis 25 Prozent angestiegen sei. Ist diese Sorge gerechtfertigt?
Nach unser Bewertung besteht eine 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es zu militärischen Aktionen kommt. Ob diese Handlungen zum Ausbruch eines Kriegs führen, ist eine andere Sache. Aber wir alle sollten es sehr ernst nehmen, was Trump und sein nationaler Sicherheitsberater HR McMaster sagen.

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Können Sie das ausführen?
Trump meint es ernst, wenn er sagt, dass er nicht will, dass Nordkorea die USA atomar bedrohen kann. Die Frage ist, ob es eine militärische Option gibt, um ihnen diese Fähigkeit zu versagen, und ob eine Eskalation verhindert werden kann. Ich denke es gibt Diskussionen in der US-Regierung über diese Fragen.

Hat sich Nordkorea vielleicht verkalkuliert, als sie dachten Interkontinentalraketen würden sie schützen? Passiert nicht gerade das genaue Gegenteil?
Meiner Meinung nach sind Atomwaffen nur zur Abschreckung gut. Denn es gibt kein Planspiel, in dem der Einsatz von Atomwaffen gut für Nordkorea ausgeht. Bei einem Einsatz würde die Vergeltung Amerikas das Ende Nordkoreas bedeuten. Und wenn sie versuchen, Atomwaffen zu verkaufen oder transferieren, würde das eine globale Krise auslösen.

Aber der entscheidende Punkt ist: Der nationale Sicherheitsberater der USA hat gesagt, dass Nordkorea sich möglicherweise nicht abschrecken lässt. Wenn man diese Position akzeptiert, muss die Strategie auf eine Eliminierung von Nordkoreas Atomwaffen fokussiert sein. Aus diesem Grund sorge ich mich um mögliche militärische Aktionen.

Was würde die USA Ihrer Meinung zufolge in diesem Fall tun?
Wahrscheinlich würde sich der Angriff gegen die Raketeneinrichtungen und Startrampen richten. Der Schlag müsste breit genug sein, um ihre Fähigkeiten zurückzusetzen, aber nicht so breit, dass es so aussähe, als ob man Nordkorea ausradieren wolle.

Das hört sich wie Russisch Roulette an.
Ja, das ist eine sehr riskante Vorstellung.

Welche Rolle nimmt China in dem Spiel ein?
China steht vor einem Dilemma. Es will nicht, dass Nordkorea atomare Interkontinentalraketen besitzt. Denn dies könnte die Region sehr destabilisieren und zu einer größeren Präsenz der USA führen. Aber gleichzeitig will China nicht die notwendigen Schritte unternehmen, um so viel Druck auf Nordkorea auszuüben, dass es zu einer Rückkehr des Regimes an den Verhandlungstisch führen könnte. China hat immer wieder gezeigt, dass es bereit ist Druck auszuüben, aber eben nicht den letztmöglichen Druck.

Wird sich dies ändern?
Ich denke nicht, dass sich das ändern wird. Es geht nicht darum, dass Chinas Staatschef Xi Jinping nicht das politische Kapital hätte. Es geht um die grundsätzliche Bewertung der eigenen strategischen Interessen durch Xi und Chinas Eliten. Und ich glaube, dass sie lieber widerstrebend ein nukleares Nordkorea akzeptieren, als die Alternative, Krieg und Chaos auf der koreanischen Halbinsel.

Was wird China aber tun, wenn Trump zu Xi sagt: „Hey, Genosse Xi, dies werden wir tun. Du musst Stellung beziehen.“
Ich denke, dass Xi solche Pläne deutlich zurückdrängen würde. Dass er sagen würde, das amerikanische Militäraktionen Chinas Interessen verletzen würde. Das ist eine große Quelle für mögliche Spannungen.


Nordkorea will wie Pakistan werden

Glauben Sie, dass die US-Allianzen mit Südkorea und Japan eine militärische Aktion überleben würden?
Das ist schwer zu beurteilen. Falls die USA militärisch handeln, würden sie es ohne die Unterstützung Südkoreas tun müssen. Und das würde wirklich eine Krise in den Beziehungen riskieren. Ironischerweise ist dies genau das, was Nordkorea will. Nordkorea will die USA und Südkorea spalten und letztlich die USA von der koreanischen Halbinsel zurückdrängen.

Und Japan?
Um die amerikanisch-japanische Allianz sorge ich mich viel weniger. Denn es gibt eine große Übereinstimmung der Sichtweisen und Interessen in Bezug zu Nordkorea. Doch es gibt ein Albtraumszenario: Die USA greifen Nordkorea an. Nordkoreas Vergeltung richtet sich nicht oder nur minimal gegen Südkorea, aber dafür maximal gegen Japan.

Japan würde dann natürlich von den USA eine Vergeltung verlangen. Aber Seoul könnte sagen: Das dürft ihr nicht. Denn wenn ihr das macht, haben wir einen großen Korea-Krieg. Und dies ist unser Land und nicht eures. Die USA würden damit vor dem Dilemma stehen, Japan zu unterstützen und Südkorea vor den Kopf zu stoßen. Dies zeigt, wie kompliziert der Fall wird.

Sind Nordkoreas Mittelstreckenraketen denn Ihrer Einschätzung zufolge bereits in der Lage Atomwaffen zu tragen?
Sicher. Die Lage wird noch angespannter werden, bevor es entspannter wird. Und dies wird sehr viel Druck auf Japan aufbauen. Ich denke, es wird die Diskussionen über eine Revision der Friedensverfassung betonen, die Ministerpräsident Shinzo Abe vorschlägt.

Was ist der Zeitrahmen für den weiteren Konflikt?
Das nächste große Event wäre ein vollständiger Test einer Interkontinentalrakete. Denn nach einem oder zwei Tests könnte Nordkorea erklären, dass es über die einsatzbereite Interkontinentalrakete verfügt und dass es nun von den USA als gleichwertig behandelt werden will.

Wenn sie demonstriert haben, dass sie eine einsatzfähige nuklear bewaffnete Interkontinentalrakete besitzen, werden sie wahrscheinlich beanspruchen, fertig und zu Verhandlungen bereit zu sein. Aber sie wollen eben als Atomwaffenstaat gelten. Nordkorea würde möglicherweise bereit sein, das Programm einzufrieren oder zu begrenzen, aber nicht zu denuklearisieren. Sie wollen wie Pakistan werden und nicht wie die Ukraine, Südafrika oder Argentinien, die ihre Atomprogramme aufgegeben haben.

Wie groß ist das Risiko eines atomaren Rüstungswettlaufs in der Region?
Unser Basisszenario ist mit einer 65-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass die US-Strategie, Druck aufzubauen, nicht wirken wird. Damit stünden die USA grundsätzlich vor der Herausforderung, Nordkorea als Atomwaffenstaat anzuerkennen. In diesem Fall erwarten wir einen deutlichen Ausbau militärischen Arsenals.

Aber ich denke, dass es die Schranken für Südkorea und Japan bedeutend sind, sich Atomwaffen anzuschaffen. Stattdessen gibt es sehr viel, dass die USA mit Südkorea und Japan oder alleine tun können. Dies allerdings einen Rüstungswettlauf zu nennen, wäre etwas zu dramatisch. Vielmehr würden wir als Resultat einer faktischen Atommacht Nordkorea, die die USA bedrohen kann, einen sehr viel intensiveren sicherheitspolitischen Wettbewerb in Nordostasien sehen. Denn das ist der Schlüsselstein: Wenn die USA verwundbar sind, muss sich die Regierung darauf fokussieren, seinen Verbündeten zu versichern, dass die erweiterte Abschreckung weiterhin glaubwürdig ist.

Quelle:  Handelsblatt Online
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