
Das Ziel steht bis auf die Stelle hinterm Komma fest. Griechenland soll bis 2020 seine Schuldenlast auf 120,5 Prozent der Wirtschaftskraft drücken, darauf haben sich die Experten der aus IWF, EZB und EU-Kommission festgelegt. Dabei ist dieser Wert willkürlich gewählt: Die Euro-Retter nahmen den aktuellen Schuldenstand Italiens als Maßstab. Doch obwohl es für die 120,5 Prozent keine konkrete ökonomische Erklärung gibt, spielen sie eine zentrale Rolle: Alle Berechnungen für den Schuldenschnitt orientierten sich an diesem Richtwert. Durch den Forderungsverzicht der privaten Gläubiger und das zweite Hilfspaket für Griechenland muss genau die Geldsumme aufgebracht werden, mit der dieses Ziel erreicht werden kann. Ob Griechenland das schafft, hängt aber entscheidend davon ab, ob die Annahmen der Experten zur Entwicklung des Wachstums, des Haushalts und der Privatisierungserlöse Griechenlands realistisch sind. Bislang hatten die Schätzungen der Troika immer ein Problem: Sie waren stets viel zu optimistisch.
Bei den letzten Berechnungen haben sich die Experten zwar Schritt für Schritt selbst korrigiert, aber die Annahmen sind immer noch sehr rosig. „Der Plan, Griechenlands Schulden bis 2020 auf 120,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken, ist ambitioniert,“ urteilt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. „Die Troika geht von einem Best-Case-Szenario aus. Ihre Annahmen sind sehr optimistisch.“
Zum Beispiel Privatisierung: In den Kalkulationen sind riesige Erlöse aus dem Verkauf von Staatsfirmen eingeplant: Im Juli 2011 gingen die Experten davon aus, dass Griechenland bis 2015 rund 50 Milliarden Euro damit erlösen könnte. Nach einer überarbeiteten Kalkulation vom Oktober 2011 sollten es bis 2020 immer noch 46 Milliarden Euro sein.
Zum Beispiel Wachstum: Im Szenario von Oktober 2011 setzte die Troika für Griechenland ein durchschnittliches Wachstum von 2,5 Prozent bis 2020 an. Dieser Wert wurde in den Verhandlungen zwar auf durchschnittlich 0,9 Prozent reduziert, erfuhr Handelsblatt Online aus informierten Kreisen. Aber angesichts des desolaten Zustands der griechischen Wirtschaft wirkt auch dieser Wert utopisch: 2011 schrumpfte die griechische Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 wird ebenfalls ein deutlicher Rückgang erwartet: Erst am Dienstag räumte die griechische Regierung ein, dass die Wirtschaft 2012 erneut um vier statt zuvor angenommenen 2,8 Prozent schrumpfen wird.
Zum Beispiel Haushaltssaldo: Laut der Daten von Oktober 2011 für den Rettungsplan sollen die Griechen einen Primärüberschuss - also einen Haushaltsüberschuss vor Zinsausgaben - von durchschnittlich 3,7 Prozent bis 2020 erreichen. In den finalen Gesprächen zum Hilfspaket haben die Euro-Finanzminister noch einmal neue Werte angesetzt. Nach Handelsblatt-Informationen geht die Troika jetzt von einem Primärüberschuss von im Schnitt 2,2 Prozent aus. Auch das ist sehr ehrgeizig: am Dienstag erklärte Athen, dass 2012 das Etatdefizit eher bei 6,7 Prozent liegen wird als bei 5,4 Prozent, wie sie bisher prognostiziert hatte. Wie schwer die Ziele für Griechenland zu erzielen sind verdeutlicht ein Vergleich: Deutschland erzielte 2011 trotz boomender Wirtschaft einen Primärüberschuss von lediglich 0,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Zwar hat Deutschland niedrigere Zinslasten als Griechenland. Doch auch das griechische Primärdefizit - abzüglich der Zinsen - betrug 2011 über 2 Prozent.
Dies zeigt den Teufelskreis, in dem sich Griechenland befindet. Die Wachstums- und Einsparziele stehen in einem eklatanten Konflikt: Die drastischen Sparmaßnahmen dürften die Wachstumsaussichten für Griechenland weiter verschlechtern. Und je weniger die Wirtschaft wächst, desto höher das Defizit.
Das Worst-Case-Szenario des IWF
Was passiert, wenn Griechenland eine oder alle dieser Annahmen verfehlt? Die Ökonomen der Commerzbank haben diesen Fall bereits nachgerechnet. Sollte Griechenland zwischen 2012 und 2020 nur um 0,5 Prozentpunkte weniger wachsen als geplant, läge die Verschuldung 2020 bei 127 statt 120,5 Prozent. Gemessen an der derzeitigen Wirtschaftskraft Griechenlands entspricht das einer Lücke von etwa 14 Milliarden Euro.
Sollte das Ziel beim Primärüberschuss um 0,5 Prozentpunkte verfehlt werden, würde der Schuldenstand 2020 bei 125 Prozent liegen.
Doch nicht nur Wachstum und Sparerfolge können niedriger ausfallen. Es lauern noch ganz andere Risiken: Unklar ist beispielsweise, wie viele der privaten Gläubiger beim Schuldenschnitt mitziehen. Die Troika geht davon aus, dass 95 Prozent der privaten Gläubiger auf das Umtauschangebot eingehen.
Auch bei den angestrebten Privatisierungen hat Athen bisher sehr viel versprochen - und nichts geliefert. Selbst wenn Athen zu Verkäufen bereit wäre, fehlen derzeit die Käufer. Im derzeitigen Umfeld gibt es kaum Interessenten, die einen angemessenen Preis bezahlen würden. Nur wenn sich die griechische Wirtschaft kräftig erholt, sind nennenswerte Privatisierungserlöse überhaupt realistisch.
All diese Faktoren sind mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Im schlimmsten Fall könnte Griechenlands Verschuldung 2020 bei 160 Prozent der Wirtschaftsleistung verharren, hat der IWF selbst berechnet. Nach heutiger Wirtschaftskraft Griechenlands entspräche diese Lücke dann 83 Milliarden Euro.
An einen solchen Fall mag Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lieber nicht denken. Nach der Einigung über das Griechenland-Hilfspaket gab er sich betont optimistisch. „Es besteht die Chance, dass Griechenland über einen längeren Zeitraum hinweg die Schuldentragfähigkeit erreicht.“










