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Euro-Hilfspaket: Troika rechnet sich Griechenland schön

von Jan Mallien Quelle: Handelsblatt Online

Beim Hilfspaket für Griechenland gehen die Euro-Retter trotz einiger Anpassungen immer noch von extrem optimistischen Annahmen aus. Schon kleine Abweichungen können das fragile Gebilde zum Einsturz bringen.

Proteste vor dem Parlament in Athen gegen die Sparpläne. Quelle: dapd
Proteste vor dem Parlament in Athen gegen die Sparpläne. Quelle: dapd

Das Ziel steht bis auf die Stelle hinterm Komma fest. Griechenland soll bis 2020 seine Schuldenlast auf 120,5 Prozent der Wirtschaftskraft drücken, darauf haben sich die Experten der aus IWF, EZB und EU-Kommission festgelegt. Dabei ist dieser Wert willkürlich gewählt: Die Euro-Retter nahmen den aktuellen Schuldenstand Italiens als Maßstab. Doch obwohl es für die 120,5 Prozent keine konkrete ökonomische Erklärung gibt, spielen sie eine zentrale Rolle: Alle Berechnungen für den Schuldenschnitt orientierten sich an diesem Richtwert. Durch den Forderungsverzicht der privaten Gläubiger und das zweite Hilfspaket für Griechenland muss genau die Geldsumme aufgebracht werden, mit der dieses Ziel erreicht werden kann. Ob Griechenland das schafft, hängt aber entscheidend davon ab, ob die Annahmen der Experten zur Entwicklung des Wachstums, des Haushalts und der Privatisierungserlöse Griechenlands realistisch sind. Bislang hatten die Schätzungen der Troika immer ein Problem: Sie waren stets viel zu optimistisch.

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Bei den letzten Berechnungen haben sich die Experten zwar Schritt für Schritt selbst korrigiert, aber die Annahmen sind immer noch sehr rosig. „Der Plan, Griechenlands Schulden bis 2020 auf 120,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken, ist ambitioniert,“ urteilt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. „Die Troika geht von einem Best-Case-Szenario aus. Ihre Annahmen sind sehr optimistisch.“

Zum Beispiel Privatisierung: In den Kalkulationen sind riesige Erlöse aus dem Verkauf von Staatsfirmen eingeplant: Im Juli 2011 gingen die Experten davon aus, dass Griechenland bis 2015 rund 50 Milliarden Euro damit erlösen könnte. Nach einer überarbeiteten Kalkulation vom Oktober 2011 sollten es bis 2020 immer noch 46 Milliarden Euro sein.

Zum Beispiel Wachstum: Im Szenario von Oktober 2011 setzte die Troika für Griechenland ein durchschnittliches Wachstum von 2,5 Prozent bis 2020 an. Dieser Wert wurde in den Verhandlungen zwar auf durchschnittlich 0,9 Prozent reduziert, erfuhr Handelsblatt Online aus informierten Kreisen. Aber angesichts des desolaten Zustands der griechischen Wirtschaft wirkt auch dieser Wert utopisch: 2011 schrumpfte die griechische Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 wird ebenfalls ein deutlicher Rückgang erwartet: Erst am Dienstag räumte die griechische Regierung ein, dass die Wirtschaft 2012 erneut um vier statt zuvor angenommenen 2,8 Prozent schrumpfen wird.

Zum Beispiel Haushaltssaldo: Laut der Daten von Oktober 2011 für den Rettungsplan sollen die Griechen einen Primärüberschuss - also einen Haushaltsüberschuss vor Zinsausgaben - von durchschnittlich 3,7 Prozent bis 2020 erreichen. In den finalen Gesprächen zum Hilfspaket haben die Euro-Finanzminister noch einmal neue Werte angesetzt. Nach Handelsblatt-Informationen geht die Troika jetzt von einem Primärüberschuss von im Schnitt 2,2 Prozent aus. Auch das ist sehr ehrgeizig: am Dienstag erklärte Athen, dass 2012 das Etatdefizit eher bei 6,7 Prozent liegen wird als bei 5,4 Prozent, wie sie bisher prognostiziert hatte. Wie schwer die Ziele für Griechenland zu erzielen sind verdeutlicht ein Vergleich: Deutschland erzielte 2011 trotz boomender Wirtschaft einen Primärüberschuss von lediglich 0,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Zwar hat Deutschland niedrigere Zinslasten als Griechenland. Doch auch das griechische Primärdefizit - abzüglich der Zinsen - betrug 2011 über 2 Prozent.

Dies zeigt den Teufelskreis, in dem sich Griechenland befindet. Die Wachstums- und Einsparziele stehen in einem eklatanten Konflikt: Die drastischen Sparmaßnahmen dürften die Wachstumsaussichten für Griechenland weiter verschlechtern. Und je weniger die Wirtschaft wächst, desto höher das Defizit.


Das Worst-Case-Szenario des IWF

Was passiert, wenn Griechenland eine oder alle dieser Annahmen verfehlt? Die Ökonomen der Commerzbank haben diesen Fall bereits nachgerechnet. Sollte Griechenland zwischen 2012 und 2020 nur um 0,5 Prozentpunkte weniger wachsen als geplant, läge die Verschuldung 2020 bei 127 statt 120,5 Prozent. Gemessen an der derzeitigen Wirtschaftskraft Griechenlands entspricht das einer Lücke von etwa 14 Milliarden Euro.

Sollte das Ziel beim Primärüberschuss um 0,5 Prozentpunkte verfehlt werden, würde der Schuldenstand 2020 bei 125 Prozent liegen.

Doch nicht nur Wachstum und Sparerfolge können niedriger ausfallen. Es lauern noch ganz andere Risiken: Unklar ist beispielsweise, wie viele der privaten Gläubiger beim Schuldenschnitt mitziehen. Die Troika geht davon aus, dass 95 Prozent der privaten Gläubiger auf das Umtauschangebot eingehen.

Auch bei den angestrebten Privatisierungen hat Athen bisher sehr viel versprochen - und nichts geliefert. Selbst wenn Athen zu Verkäufen bereit wäre, fehlen derzeit die Käufer. Im derzeitigen Umfeld gibt es kaum Interessenten, die einen angemessenen Preis bezahlen würden. Nur wenn sich die griechische Wirtschaft kräftig erholt, sind nennenswerte Privatisierungserlöse überhaupt realistisch.

All diese Faktoren sind mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Im schlimmsten Fall könnte Griechenlands Verschuldung 2020 bei 160 Prozent der Wirtschaftsleistung verharren, hat der IWF selbst berechnet. Nach heutiger Wirtschaftskraft Griechenlands entspräche diese Lücke dann 83 Milliarden Euro.

An einen solchen Fall mag Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lieber nicht denken. Nach der Einigung über das Griechenland-Hilfspaket gab er sich betont optimistisch. „Es besteht die Chance, dass Griechenland über einen längeren Zeitraum hinweg die Schuldentragfähigkeit erreicht.“

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.02.2012, 18:58 UhrRon777

    Diese Art der Transferunion ist nicht der richtige Weg. Wir enden mit ihr in einem Brüssler Bürokratie- und Umverteilungsmoloch nach Vorbild der Sowjetunion. Letztendlich werden wir nicht um die Einsicht herumkommen, dass das Experiment Euro schlicht gescheitert ist - vielleicht sogar die EU in ihrer heutigen Ausprägung. Am Ende behalten die Briten Recht, dass Europa nicht mehr aber auch nicht weniger als ein wirtschaftlicher Zusammenschluss der Vaterländer sein sollte - zum allseitigen Nutzen. Der Euro und mittlerweile auch die Brüssler Verordnungsbürokratie zersetzen dagegen das Miteinander der Völker und zerquetschen wirtschaftlich ganze Volkswirtschaften. Griechenland, die eigentlich älteste Demokratie Europas, ist ein extremes Spiegelbildder der allgemeinen Entwicklung in fast allen südeuropäischen Volkswirtschaften. Die Mittelmeerländer bluten förmlich aus. Rettungsschirme sind sinnlos, sie manifestieren nur die Allimentation der betroffenen Länder. Das eigentliche Problem bleibt erhalten: eine Währung, die unterschiedlich starke Volkswirtschaften aneinander kettet, ohne die Chance von Ausgleich und Anpassung. Griechenland ist schon jetzt verbrannte Erde. Wirtschaft und Gesellschaft kollabieren im Zeitraffer. Mit Portugal wird uns bereits im Frühjahr ein weiterer Pleitekandidat ereilen. Obwohl die Portugiesen im Gegensatz zu den Griechen proaktiv sparen und reformieren, werden auch sie im Strudel der Finanztsunamis untergehen. Aber auch Spanien und Italien haben dem Euro mittelfristig nichts entgegen zu setzen. Sie werden ebenfalls deindustrialisieren und verarmen. Eine frustrierte und radikalisierte Bevölkerung wird zum Sturm auf die Bastille ansetzen. Zu Recht, denn Europa verkommt gerade zu einem antidemokratischen Minenfeld, einer Mischung aus Großkapitalinteressen und sozialistischer Planwirtschaft. Hatten nicht auch die Nationalsozialisten ähnliche Startbedingungen? Weg mit dem Euro!

  • 22.02.2012, 18:18 UhrAnonymer Benutzer: Steuerzahler

    Das einzig sinnvolle wäre von vorneherein gewesen, Griechenland pleite gehen zu lassen mit einem sofortigen Schuldenschnitt von 80% und mit den 130 Mrd. die Banken zu rekapitalisieren, die Infrastruktur dort zu verbessern und damit den Grundstein für Wachstum zu legen. Jetzt ist das Geld futsch und die Griechen werden über Jahre hinaus im Schuldensumpf verharren. Das ist eine Demütigung, nicht nur der Griechen sondern auch der europäischen Steuerzahler.

  • 22.02.2012, 18:02 UhrAnonymer Benutzer: RDA

    Nach dem Hilfspaket ist vor dem Hilfspaket.
    Ich stimme mittlerweile HAns-WErner Sinn zu: Die 130 Mrd. Euro hätten GR als Ausstiegshilfe aus dem Euro dienen können.
    Das hat nichts mit Rausschmiss oder Demütigung zu tun, sondern damit, dass GR mit einer eigenen Währung die Geld- und Wechselkurspolitik fahren kann, die das Land braucht.

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