Euro-Krise: „Man muss den Schuldenländern gratulieren“

Euro-Krise: „Man muss den Schuldenländern gratulieren“

, aktualisiert 15. Dezember 2011, 13:04 Uhr
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Paul De Grauwe, Professor für Geldtheorie an der Universität Leuven.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Paul De Grauwe gehört zu den weltweit führenden Forschern auf dem Gebiet der Währungspolitik. Im Interview erklärt er, warum harte Stabilitätskriterien der Eurozone wenig helfen und eine Transferunion unvermeidbar ist.

Herr Professor De Grauwe, wie bewerten Sie die Ergebnisse des EU-Gipfels?

Die Ergebnisse sind leider ziemlich ernüchternd. Man ist nur in einem Punkt –  bei der Haushaltsdisziplin – weiter gekommen. Das aber hilft auf kurze Sicht überhaupt nicht - und bringt auch auf längere Sicht kaum Entlastung.

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Was muss auf kurze Sicht passieren?

Die EZB muss am Anleihemarkt viel stärker eingreifen, um die Angst an den Märkten in den Griff zu kriegen. Gelingt dies nicht, droht eine Bankenkrise. Die Bedingung der EZB für ein stärkeres Eingreifen war, dass sich die Euro-Länder auf einen Fiskalpakt einigen. Das haben sie gemacht. Ich verstehe nicht, warum die EZB jetzt nicht reagiert.

Die EZB argumentiert, dass ein stärkeres Eingreifen zu Anreizproblemen führen würde. Der Antrieb zu sparen könnte bei niedrigeren Zinsen schnell erlahmen…

Dieses Argument ist nicht überzeugend. Die EZB gibt den Banken nach ihrer jüngsten Aktion fast zinslos Kredite. Das verursacht genauso Anreizprobleme, ist aber weniger effektiv als direkt am Anleihemarkt einzugreifen. Das Bilanzrisiko der Banken ist etwa dreimal so hoch wie das der Staaten. Es wäre billiger gleich am Anleihemarkt zu intervenieren, als später die  Banken zu retten.

Wie könnte das aussehen?

Das Problem ist die Unsicherheit über den Zusammenhalt des Währungsraumes. Diese Unsicherheit sorgt für Panik am Anleihemarkt. Deshalb muss die EZB klar machen, dass sie im Zweifel einspringt und angeschlagene Euro-Länder vor einer Pleite bewahrt.

Reicht das?

Ein weiterer Punkt ist die Mechanik der Anleihekäufe. Bisher entzieht die EZB dem Markt die gesamte Liquidität, die sie für Anleihekäufe aufwendet. Es ist nicht nötig, dass sie das in vollem Umfang macht. Das Geldmengenwachstum in der Eurozone liegt unter dem angestrebten Referenzwert der EZB von 4,5 Prozent. Es wäre durchaus möglich ein höheres Geldmengenwachstum zuzulassen, ohne dadurch eine hohe Inflation zu riskieren.


„In Spanien hat sich der Privatsektor verschuldet“

Die EZB kann aber nicht permanent den Retter spielen. Auch eine Intervention würde die langfristigen Probleme der Eurozone nicht lösen. Helfen die schärferen Stabilitätskriterien?

Länder wie Irland oder Spanien haben vor der Finanzkrise nicht gegen die Stabilitätskriterien verstoßen  - im Gegensatz zu Deutschland. Bei ihnen hat sich der Privatsektor verschuldet, nicht der Staat. Erst durch das Platzen der Spekulationsblase wurden aus privaten Schulden dann Staatsschulden. Dies hatte aber einen guten Grund: Durch ihr Eingreifen haben die Staaten ihre Banken vor dem Untergang gerettet und so eine viel schlimmere Krise verhindert. Eigentlich muss man den Staaten zu ihrer Verschuldung gratulieren, statt sie zu bestrafen.

Wenn schärfere Stabilitätskriterien nicht helfen, was sollen die EU-Regierungschefs dann tun?

Die Ursache für die Krise liegt in den wirtschaftlichen Ungleichgewichten innerhalb der Eurozone. Um diese zu vermindern, müssen die angeschlagenen Euro-Länder wie Griechenland oder Italien ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das allein reicht aber nicht. Auch Länder mit hohen Exportüberschüssen, wie Deutschland und die Niederlande, müssen sich bewegen, indem sie Konsum und Investitionen stärken.

Die Löhne und Preise in den angeschlagenen Euro-Ländern steigen jetzt langsamer als in Deutschland. Gibt es dadurch nicht automatisch eine Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit?

Sich allein darauf zu verlassen wäre schlimm. Die Folge wären Deflation und wirtschaftlicher Niedergang in Griechenland, Italien und anderen Ländern. Auch Deutschland würde profitieren, wenn es seinen Konsum stärkt und so den anderen Euro-Ländern hilft, denn dann muss es weniger Geld für Rettungsaktionen aufwenden. Letztlich kann eine Währungsunion aber ohne politische Union nicht funktionieren. Das hat selbst die Bundesbank schon vor langer Zeit in ihren Studien so postuliert. Auch die deutsche Regierung hat dies inzwischen eingeräumt. Das Problem ist allerdings, dass sie bei allen praktischen Vorschlägen, die in diese Richtung gehen, mauert.


„Eine Währungsunion ist wie eine Ehe“

Die Deutschen befürchten, dass es zu einer Transferunion kommt. Zu Recht?

Transfers sind essentieller Bestandteil einer politischen Union. Eine gemeinsame Währung funktioniert nicht ohne die Bereitschaft der Mitgliedsländer, im Zweifel füreinander einzustehen. Das ist wie bei einer Ehe.

In Deutschland gibt es einzelne Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern, die hohe Transferzahlungen bekommen und weitgehend deindustrialisiert sind. Beraubt man durch Transfers nicht Griechenland oder Portugal ihrer wirtschaftlichen Entwicklungschancen?

Der Anteil der Transfers innerhalb der Eurozone wäre wesentlich kleiner als auf nationaler Ebene in Deutschland. Die angeschlagenen Euro-Länder unternehmen derzeit massive Anstrengungen um sich anzupassen, das wird in der Diskussion in Deutschland oder den Niederlanden oft unterschätzt. Ich habe Kollegen in Irland und Spanien, deren Gehälter um 20 Prozent gekürzt wurden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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