Europäische Union: Die andere Europäerin

Europäische Union: Die andere Europäerin

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Bundeskanzlerin Angela Merkel

Erst wurde sie gefeiert, dann kam die Euro-Krise. Seither wird gerätselt: Was für eine EU will Angela Merkel eigentlich?

Sie spürt es schon an den Küssen. Kaum steht Angela Merkel im holzgetäfelten Konferenzsaal des EU-Ratsgebäudes in Brüssel, muss sie die Wange hinhalten. Mal neigen sich ihr viele Regierungschefs demonstrativ entgegen, hauchen Küsschen und das möglichst vor laufenden Kameras: Dann wird es ein leichtes Treffen. Mal aber sind die Begrüßungen eher zufällig, betont höflich. Dann ahnt sie: Heute wird es nicht so gut laufen.

In den vergangenen Monaten ist es oft schlecht gelaufen. Alle paar Tage neue Schreckensmeldungen über den wackelnden Euro, über kriselnde Staaten, explodierende Schulden – im In- und Ausland hagelte es Kritik an der Kanzlerin. Den einen war sie zu deutsch, den anderen zu europäisch, mal hatte sie die EU fast ruiniert, dann wieder die Deutschen in eine Transferunion und damit ins Unglück geführt. Keine andere Politik der Bundeskanzlerin wurde erst so gefeiert und dann so kritisiert, keine ist zugleich mysteriöser geblieben. Also: Was für ein Europa will Angela Merkel eigentlich?

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Brüssel, 19. Dezember 2005

Alle warten auf die Kanzlerin. An diesem Tag betritt Angela Merkel das Gebäude des Europäischen Rates zum ersten Mal als Regierungschefin. Wie wird sie sich verhalten? Kann sie sofort mitspielen? Gar den Ton angeben? Seit Monaten haben sich die anderen Regierungschefs immer wieder erfolglos um Kommata und Milliarden gestritten. Immer wieder sind sie am Finanzplan für die kommenden Jahre gescheitert und damit an der Verteilung von Macht und Pfründen. Nun zeigt Merkel in einer einzigen Nacht, was sie kann. Während der französische Präsident Jacques Chirac über englischen Rotwein und nordirisches Lammfleisch schimpft und schließlich zum Essen in die Stadt verschwindet, verhandelt sie. Freundlich, verbindlich, unerschütterlich. Einer, der sie in Brüssel von Anfang an beobachtet hat, erinnert sich: "Kein anderer Regierungschef kannte die Details so genau. Wenn es nötig war, hat sie Zettel und Bleistift genommen und selbst gerechnet: Von Zloty in Euro und umgekehrt." Am frühen Morgen kommt Merkel gegen halb drei aus dem Ratssaal, zwar mit Ringen unter den Augen, doch mit Triumph im Blick. Geschafft.

Über Nacht hat sich die Deutsche Respekt verschafft, überall in Europa. Der britische Guardian lobt "the Merkel tactics", viele andere stimmen ein: Die feine Kunst des Umarmens hat über das Armdrücken der Alphatiere gesiegt. Merkel steht für einen neuen Politikstil. Sie gilt als der Prototyp der modernen Europäerin. Doch es geht ihr von Beginn an um mehr als nur um Stilfragen. Merkel verfolgt neue Ziele und eine andere Methode. "Die Bundeskanzlerin wollte vor allem, dass der Laden läuft. Sie hat deswegen wenig Wert auf Etikette und Emotionen und viel Wert auf erreichbare Ergebnisse gelegt", sagt ein Brüssler Diplomat, der viele Regierungschefs hat verhandeln sehen.

Rationalität, Nüchternheit, Pragmatismus: Das unterscheidet Merkels Umgang mit Europa von den traditionellen, den gefühligen Europapolitikern wie Wolfgang Schäuble, Jean-Claude Juncker oder Helmut Kohl. Sie hält wenig von dem metaphysisch aufgeladenen Diskurs über eine immer engere Union, sie träumt nicht von den Vereinigten Staaten von Europa. Merkel sagt das so nicht, zumindest nicht öffentlich. Doch aus ihren Reden spricht eine bis dato ungewohnte Zufriedenheit. Den größten Teil ihres Lebens habe sie Europa von außen bewundert, erzählt sie einmal den Abgeordneten des Europaparlaments und fügt hinzu: "Auch von innen ist die Europäische Union ein wunderbares Haus." Die EU ist in den Augen Merkels bereits ganz gut gelungen.

Mit dieser Sichtweise steht sie nicht allein. Viele Bürger sind genervt von Brüssel, übersetzen Integration mit Bürokratie und Erweiterung mit Billigkonkurrenz. Sie wollen nichts vom Beitritt der Türkei hören, von neuen Richtlinien, Institutionen und europäischen Verfassungsfragen. Das hat weniger mit Euroskepsis zu tun als vielmehr mit einem vagen Überdruss: Reicht es nicht mal mit der EU? Merkels Stärke ist, dass sie das spürt. Und das sie das "Genug" ins Positive wenden und sogar feiern kann. Als sie im März 2007 mit allen Regierungschefs der EU durch Berlin spaziert, gehen die Bilder um die Welt: Europa erlebt sich und Deutschland fröhlich, sonnig und selbstzufrieden. Und "Frau Europa" beendet ein paar Wochen später den zähen und zehrenden Streit um die EU-Verfassung, leichthändig, elegant. Merkel steht für eine EU, die bei sich angekommen ist.

Im Film wäre das ein Happy End. Doch die Finanzkrise, die nun folgt, erschüttert Merkels Europabild und das Bild Europas von Merkel.

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