
Berlin, WarschauWenn der Jubel das rot und weiß leuchtende Rund verlässt, können das derzeit Millionen Fußballfans in der ganzen Welt an ihren Bildschirmen verfolgen. Warschaus neues Nationalstadion am Ufer der Weichsel bebt, zuletzt gestern Abend beim Spiel des Gastgebers Polen gegen den Erzrivalen Russland. Die Bilder moderner neuer Stadien, sympathischer polnischer Fans sowie die neu gebauten Flughafen-Terminals, frisch renovierten Bahnhöfe, neuen Züge flimmern um die Welt.
"Wir spielen in der ersten Liga", sagt Außenminister Radek Sikorski selbstbewusst. Polen sei heute ein Staat, "mit dem zu rechnen ist". Es habe sich seit 1989 großartig entwickelt zu einem modernen, weltoffenen Land, bestätigt der Chefredakteur der polnischen "Newsweek", Tomasz Lis. Kritik an Hooligans in Stadien und rassistischen Sprüchen polnischer Fußballfans, wie sie die britische BBC kürzlich anprangerte, wischt sogar die oppositionelle Zeitung "Rzeczpospolita" weg: "Sie können uns Polen nicht verzeihen, dass wir bessere Klempner, Maurer und Informatiker haben und unsere Kinder schon ein halbes Jahr nach dem Umzug nach England Englisch sprechen."
Polens Fußballfans demonstrieren mit ihren weiß-roten Fähnchen einen neuen Nationalstolz. Doch noch immer ist das Land hin- und hergerissen zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Übertreibung - auch weil in Westeuropa das Wunder an der Weichsel so wenig gewürdigt wurde: Polen kam mit 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum im Krisenjahr 2009 als einziges EU-Land ohne Rezession durch die weltweite Finanzkrise. Seither sprechen sie hier vom Wirtschaftswunderland an der Weichsel. Und das größte osteuropäische EU-Mitglied wächst weiter: Um 3,5 Prozent konnte Polens Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal zulegen.
Das Wirtschaftsministerium prognostizierte am Montag eine Zunahme der Wirtschaftskraft im Gesamtjahr um drei Prozent (2011: 4,3). "Polen ist immer noch hungrig nach Erfolg und ein bisschen immuner gegen die Krise", sagt Marcin Mrowiec, der Chefökonom der Bank Pekao. Der große, wenn inzwischen auch schwächer wachsende Binnenmarkt unterscheidet Polen von den anderen östlichen EU-Ländern, die viel stärker vom Export und damit von der Westkonjunktur abhängig sind. Doch die Euro-Schwäche lässt auch Polen nicht kalt: Der Einkaufsmanagerindex liegt mit 48,9 Punkten so niedrig wie seit langem nicht.
Rente mit 67
Laut den Analysten der Großbank HSBC stoppen die Auswirkungen der Euro-Krise inzwischen das Exportwachstum. Gut abzulesen ist das bei Opel und Fiat in deren schlesischen Fabriken: Seit Opels Absatz erneut stark fällt und die Italiener mit der "Panda"-Produktion ein mengenstarkes Modell in die Heimat verlagert haben, geraten Polens Autoausfuhren unter Druck.
Das polnische Modell sei aber keineswegs gescheitert, sagt Gunter Deuber, Leiter Osteuropa-Analyse bei der Raiffeisen Bank International: Das "beachtliche wirtschaftliche Abschneiden Polens" mache das Land "in Europa und international zum beachteten Investitions- und Studienobjekt". Vor allem wegen eines "richtigen wirtschaftspolitischen Mix" aus antizyklischer Fiskalpolitik, einer stabilitätsorientierten Notenbank und der nun eingeleiteten notwendigen Konsolidierung, so Deuber.
Seit der liberal-konservative Premier Donald Tusk im Oktober mit seiner Partei Bürgerplattform als erster Regierungschef des Landes wiedergewählt wurde, ruht er sich nicht auf den Lorbeeren aus. Vielmehr hat er, unter erbittertem Widerstand der Opposition und der legendären Gewerkschaft Solidarno, gerade den Einstieg in die Rente mit 67 Jahren durch den Sejm gebracht. Eine Schuldenbremse stand schon in Polens Verfassung, bevor sie in Deutschland auch nur diskutiert wurde.
Nun sollen die Staatsschulden auf unter 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zurückgeführt werden. Angesichts der Schließung von Polizeidienststellen und Postbanken auf dem Lande warnt die Opposition bereits, dass "die polnische Provinz totgespart" werde. Aber Premier Tusk lässt sich nicht beirren - er will Polen nicht nur beim Wachstum zum Europameister machen.














