Expo 2010 Shanghai: Expo-Pavillon deutscher Designer: "Wir brauchen Fallhöhe"

Expo 2010 Shanghai: Expo-Pavillon deutscher Designer: "Wir brauchen Fallhöhe"

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Eine Luftaufnahme des chinesischen Pavillons auf der Expo 2010.

von Matthias Kamp

Wie ein kleines Unternehmen aus Berlin sich gegen 150 internationale Konkurrenten durchgesetzt und für die chinesische Regierung einen Themenpavillon gebaut hat.

Es ist der Silvestertag des Jahres 2007. Gegen Mittag steht Lutz Engelke im Berliner KaDeWe vor einer großen Wand mit TV-Geräten. Kurz vor Jahresende will der Chef und Gründer der Design- und Kommunikationsagentur Triad aus Berlin sich noch einen neuen Fernseher kaufen. Auf den Bildschirmen sieht man, wie Knut der Eisbär vergnügt im Zoo spielt, als Engelkes Handy klingelt. „Hier ist das Expo-Büro in Shanghai“, meldet sich eine Frauenstimme, „sie haben die Ausschreibung gewonnen.“ Der Deutsche will sich noch nach Einzelheiten erkundigen, doch die Expo-Vertreterin in China hat schon eingehängt.

Wenige Tage später sitzt Engelke im Flieger auf dem Weg nach Shanghai. „Ich weiß bis heute nicht, wer mich angerufen hat“, sagt er. Ein Scherz war der Anruf jedenfalls nicht. Engelke und seine Agentur Triad hatten die internationale Ausschreibung für die Entwicklung und Umsetzung eines der fünf Themenpavillons der Expo gewonnen. Unter verschiedenen Titeln will China auf der Expo mit den Ständen auf Aspekte der nachhaltigen Entwicklung aufmerksam machen. Die Pavillons tragen Namen wie „Urban Dwellers“ oder „Urban Footprints“. Engelke und seine Firma sollen den Pavillon Urban Planet entwickeln. Auf 12 000 Quadratmetern, etwa doppelt so viel wie der deutsche Pavillon misst, wollen die Chinesen hier zeigen, welchen Bedrohungen die Erde ausgesetzt ist und wie sich diese abwenden lassen.

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Zunächst wollte der Deutsche sich an der Ausschreibung gar nicht beteiligen. Im Frühjahr 2007 forderten die Expo-Veranstalter in Shanghai Engelke auf, bei dem Wettbewerb mitzumachen – zusammen mit rund 150 Unternehmen aus aller Welt, darunter bekannte Namen wie die Disney-Studios in den USA und die renommierte Designagentur Ralph Appelbaum, die das Holocaust-Museum in Washington gebaut hat. Engelke winkte ab. „Allein die Kosten für das Ausschreibungsverfahren sind viel zu hoch für uns“, erklärte er den Expo-Verantwortlichen. Doch die Chinesen ließen nicht locker. Sie hatten sich in der ganzen Welt nach geeigneten Firmen für die Planung ihres Pavillons umgesehen. Auf Engelkes Triad waren sie durch die Expo in Hannover vor zehn Jahren aufmerksam geworden. Dort hatte die Berliner Agentur den Pavillon des Bertelsmann-Konzerns entworfen und umgesetzt. Mehrmals riefen die Chinesen in Berlin an, bis Engelke schließlich einwilligte, sich an dem Verfahren zu beteiligen.

Bedrohung der Erde in der chinesischen Philosophie

Eine mächtige, 22 Meter hohe Stahl- und Betonkonstruktion direkt neben dem chinesischen Nationalpavillon am  Haupteingang des Expo-Geländes beherbergt den Pavillon Urban Planet. Mit dem 30 Millionen Euro teuren Projekt wollen die chinesischen Veranstalter den Besuchern die Gefahren demonstrieren, denen die Erde durch Umweltzerstörung und Klimawandel ausgesetzt ist. Riesige Sanduhren im vorderen Teil der Halle zeigen beispielsweise, wann Rohstoffe wie Öl, Gas, Bauxit oder Silizium zur Neige gehen. Auf Modelle von Wolkenkratzern projeziert Engelke Szenen aus der Natur wie Parks, Seen und Wälder – die Zurückdrängung der natürlichen Landschaften aus den Städten. An hohen Glasquadern – jeder steht für eine Großstadt – hat der Deutsche Wasserkräne angebracht. Dubai hat den größten Hahn bekommen, weil dort der Wasserverbrauch pro Kopf am höchsten ist.

Höhepunkt der Inszenierung ist eine Weltkugel mit einem Durchmesser von 30 Metern. 13 Projektoren zeichnen auf der Kugel die Entstehungsgeschichte der Erde anhand der fünf Elemente Erde, Wasser, Holz, Metall und Feuer nach. Sie bilden einen tragenden Pfeiler der chinesischen Philosophie. Anschließend geht der Besucher über einen Gang in die Kugel hinein. Auf der Innenseite der Kuppel, unter der sich der Besucher wiederfindet, läuft ein kurzer Film, der im Zeitraffer zunächst die Erde im Urzustand zeigt, als der Mensch noch nicht begonnen hatte, die Landschaften durch Industrialisierung zu zerstören. Drastisch, in dunklen Farben sieht der Besucher anschließend die Verschmutzung von Luft, Gewässern und Wäldern durch Fabriken und Kraftwerke, bevor der Film ihn ins so genannte Utopia mitnimmt. Dort ist dank erneuerbarer Energien, Elektroautos und einem vorsichtigeren Umgang des Menschen mit der Natur und ihren Ressourcen der Urzustand der Erde wiederhergestellt.

Dass die Chinesen Engelke den Zuschlag für den Themenpavillon gaben, hat vor allem einen Grund: Der Deutsche hat das Thema von der Bedrohung der Erde mit der chinesischen Philosophie verbunden. „Die fanden es faszinierend, dass ein Europäer die Chinesen in ihrer Tradition so gut abholen kann“, sagt Engelke.

Einfach war die Arbeit in Shanghai allerdings nicht. Besonders gewöhnungsbedürftig waren für Engelke und seine Mannschaft die chinesischen Gepflogenheiten und der Einfluss der kommunistischen Parteikader während des Auswahlverfahrens. „Manchmal mussten wir vor 50 Professoren präsentieren“, erinnert sich Engelke, „das hat die ganze Nomenklatura durchlaufen.“ Einwände hatten die Chinesen zunächst reichlich, doch meist haben die Deutschen sich durchgesetzt. So fanden die Parteioberen die Darstellung der Zerstörung der Erde viel zu negativ und wollten sie aus der Inszenierung streichen. Wochenlang musste Engelke mit den Funktionären diskutieren. „Wir brauchen die Fallhöhe“, argumentierte er. Schließlich setzten die Deutschen sich durch. Allerdings folgte Engelke dem Wunsch der Chinesen, die chinesischen Schriftzeichen von den zerstörten Gebäuden zu streichen, die im Film zu sehen sind.

Lukrativ ist das Expo-Engagement für Engelke und seine Agentur Triad mit ihrten fast 100 Mitarbeitern nicht. Etwa 200.000 Euro hat er in die Ausschreibung investiert. Der Gewinn liegt bei rund zehn Prozent. Der Triad-Chef versteht das Projekt vor allem als Eintrittskarte in den chinesischen Markt. Ein möglicher Folgeauftrag zeichnet sich bereits ab. In einer Kleinstadt in der westchinesischen Sichuan werden die Berliner wahrscheinlich ein Museum zum Thema Daoismus konzipieren.

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