_

Export: Welthandel droht wegen Protektionismus der Absturz

von Silke Wettach (Brüssel), Yvonne Esterházy (London) und Matthias Kamp (Peking)

Von Washington über London und Brasilia bis Peking ist weltweit der Protektionismus auf dem Vormarsch – fatal für eine Exportnation wie Deutschland.

Construction workers begin Quelle: AP
Construction workers begin assembling the first steel beams that will be the replacement tunnel for the 1 and 9 subway Tuesday, April 16, 2002, at the World Trade Center disaster site in New York. The subway, that ran under the World Trade Center, was completely destroyed with the twin towers collapse in the Sept. 11 terrorist attacks. (AP Photo/Beth A. Keiser) Quelle: AP
Anzeige

Im Prinzip sind sich alle einig. „Wir brauchen eine offene Weltwirtschaft“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Protektionismus wäre „der todsichere Weg von der Rezession in die Depression“, warnt der britische Premier Gordon Brown. „Wir dürfen nicht in Isolationismus und unbeschränkten ökonomischen Egoismus zurückfallen“, fordert selbst Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin.

In der Praxis bleibt von den vollmundigen Bekenntnissen zum Freihandel in diesen Wochen allerdings wenig übrig. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Welt eine Handelshürde aufgebaut wird. Die Welthandelsorganisation (WTO) ist über die Entwicklung so beunruhigt, dass sie ein eigenes Überwachungssystem aufgebaut hat. Ende Januar schlug es besonders laut Alarm: Das US-Abgeordnetenhaus billigte eine Konjunkturpaket über 820 Milliarden Dollar, das für Infrastrukturinvestitionen die Verwendung von Eisen oder Stahl ausschließlich aus dem Inland vorschreibt. Auch wenn Präsident Barack Obama davon abgerückt ist, droht jetzt eine fatale Kettenreaktion.

Denn die aufstrebenden Wirtschaften wie China, Brasilien und Indien könnten den wachsenden Protektionismus der wohlhabenden Länder mit gleicher Münze heimzahlen. Folge wäre ein weltweiter Handelskrieg, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt. Ganz schlimm würde es eine Exportnation wie Deutschland treffen.

In schwierigen Zeiten neigen Regierungen zum Nationalismus

Der Reflex ist altbekannt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben Regierungen schon immer zum Nationalismus geneigt. Oft wird in diesen Tagen an die amerikanischen Politiker Willis Hawley und Reed Smoot erinnert, die 1930 ein Gesetz initiierten, das den Zoll auf mehr als 900 Waren drastisch erhöhte. WTO-Generaldirektor Pascal Lamy nennt heute das Hawley-Smoot-Gesetz „einen der größten Fehler der Wirtschaftsgeschichte“. Der mexikanische WTO-Botschafter in Genf brachte unlängst sogar Fotos der beiden Übeltäter mit in eine WTO-Besprechung, um nachdrücklich vor einer Neuauflage ihrer falschen Strategie zu warnen. Als andere Länder damals mit gleichen Mitteln gegen die USA zurückschlugen, kam der Welthandel fast zum Erliegen. Zwischen 1929 und 1933 schrumpfte sein Volumen um zwei Drittel.

Die Warnungen vor dem Horrorszenario scheinen eine gewisse Wirkung zu entfalten. Immerhin will die US-Regierung jetzt von der Buy-American-Klausel absehen, auch wegen massiver Proteste von Handelspartnern und bestimmten Konzernen im eigenen Land. International aufgestellte Unternehmen wie Boeing, Caterpillar und General Electric, die für ihre Inputs wie auch für ihren Absatz auf offene Märkte angewiesen sind, haben sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass eine Politik der Abschattung ihre Geschäfte gefährdet.

Trotzdem bleibt der Protektionismus global auf dem Vormarsch. In Spanien fordert Industrieminister Miguel Sebastián ungeniert Verbraucher auf, heimische Produkte zu bevorzugen: „Es gibt etwas, das die Bürger für ihr Land tun können: auf Spanien und seine Produkte setzen.“ In Frankreich hat Präsident Nicolas Sarkozy den Automobilbauern das Versprechen abgenommen, keine Jobs ins Ausland zu verlagern, wenn sie Staatsbeihilfen annehmen. Und nun stellt er den Autobauern weitere Prämien in Aussicht, wenn sie heimische Zulieferer bevorzugen.

In Deutschland regte CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg an, die Abwrackprämie zu überarbeiten, sodass deutsche Hersteller davon profitieren: „Unser Konjunkturpaket soll Arbeitsplätze in Deutschland sichern und nicht in Fernost.“ EU-Industriekommissar Günter Verheugen kontert: „Wenn die CSU vorschreiben will, dass nur in Deutschland hergestellte Autos gekauft werden dürfen, wenn die Abwrackprämien in Anspruch genommen wird, dann kann sie das vergessen.“

Doch die EU-Kommission, die eigentlich darüber wachen soll, dass sich europäische Staaten nicht voneinander abschotten, schreckt gegenüber dem Rest der Welt vor protektionistischen Maßnahmen nicht zurück. Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel kündigte an, Europa werde die Exportbeihilfen für Milch, Butter und Käse wieder aufnehmen, und weckte so neue Begehrlichkeiten: Die Franzosen fordern, die Hilfen auf Schweinefleisch auszuweiten. Mit solchen Interventionen werden Agrarerzeugnisse in Märkte gedrückt, in denen es eigentlich keine Nachfrage nach teuren europäischen Produkte gibt, etwa in Afrika und Südamerika.

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 02.04.2009, 21:04 UhrAnonymer Benutzer: hkö

    Protectonismus

  • 12.02.2009, 00:10 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    Nicht "der kleine Mann ist der Dumme", sondern "der dumme Mann ist der Kleine". Wenn man Öko-Sozi-Politkorrektheit aus der Container-Abteilung glaubt, der hat's nicht besser verdient.

  • 11.02.2009, 23:49 UhrAnonymer Benutzer: Watz

    Das Problem ist nicht der schwächelnde binnenmarkt durch niedrige Lohnabschüsse, sondern das Problem ist der Staat der sich überall einmischt und hohe Kosten verursacht.
    So bleibt eben weniger für den Arbeiter übrig. Schaut mal auf die Lohnzettel und rechnet mal was für Abgaben ein Arbeiter hat. Das gleiche zahlt dann nochmal der Arbeitgeber bei den Sozialabgaben. Dann geht des weiter mit dem bürokratismus in den betrieben. Das kostet alles Geld das wenig oder nichts bringt.
    Schweden hat zwar auch eine hohe Staatsquote aber die Schweden haben keine übertriebenen Weltpolizei-Einsätze, keine so hohe Zahl an Staatsbeamten, keinen Geheimdienst der sich überall einmischt, keinen Überwachungsstatt und auch keine Schnüffler im Ausland vor banken die deutsche Steuersünder aufspüren wollen.
    Nun rächt sich das es jahrezehnte lange keine richtige Verwaltungsreform gab. Andere Länder um uns herum haben das schon lange gemacht. Die haben zwar auch ihre Probleme aber die lassen sich schneller und einfacher lösen.
    ist ja klar warum jemand verschwindet der etwas drauf hat. in anderen Ländern arbeitet du mal zehn Jahre als Arbeiter hart und du hast ne schone Villa mit Pool. in D undenkbar und dazu noch der Neid jedes dahergelaufenen Stassenhanswurscht der nur Löcher in den Taschen hat aber großspurig daherredet!
    Man lebt nur einmal - ich kanns niemanden übel nehmen der sein Glück wo anders sucht.

Alle Kommentare lesen

Blogs

Bettler im Bellevue
Bettler im Bellevue

Der Fall Wulff zeigt, was passiert, wenn klare Grenzen zwischen Staat und Unternehmen, Politik und Geld verwischen. So...

weitere Fotostrecken