EZB-Chefvolkswirt: „Es drohen uns einige negative Überraschungen“

EZB-Chefvolkswirt: „Es drohen uns einige negative Überraschungen“

, aktualisiert 04. November 2011, 15:22 Uhr
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Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der EZB, verteidigte die jüngste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank.

von Christian Panster und Thomas BauerQuelle:Handelsblatt Online

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark verteidigt die Leitzinssenkung der Notenbank – und dämpft gleichzeitig die Inflationssorgen. An Griechenland gewandt sagt er, dass Solidarität keine Einbahnstraße sei. 

FrankfurtFür die Stimme könne er nichts, sagt Jürgen Stark. Eine Erkältung sei schuld daran – und nicht, wie mancher jetzt vielleicht denken möge, die gestrige Sitzung bei der Europäischen Zentralbank. Obwohl, sagt der Chefvolkswirt, es wurde auch sehr viel geredet bei der EZB. Stark klingt heiser.

Eigentlich soll der Ökonom auf der 57. Kreditpolitischen Tagung im Hermann-Josef-Abs-Saal über Solidarität und Solidität im Euroland reden. Das tut er auch, aber erst später. Zunächst einmal rechtfertigt er die Leitzinssenkung der EZB. Viele Tageszeitungen hätten geschrieben, dass diese überraschend gekommen sei. „Das war es aber nicht“, sagt Stark.  Wer Herrn Trichet, dem früheren EZB-Chef, Anfang Oktober in Berlin genau zugehört hätte, dem wäre klar gewesen, dass einige Optionen möglich seien – auch eine Zinssenkung.

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Stark, der sein Amt in den kommenden Wochen aufgeben wird,  will das klarstellen, gleich zu Beginn seiner Rede. Das ist ihm wichtig. Und das merkt man ihm auch an. Innerhalb der EZB kämpft Stark wie kein Zweiter für die Geldwertstabilität. Er verkündet lieber Zinserhöhungen als -senkungen. Doch diesmal muss es sein.

Die Entscheidung, den Leitzins auf 1,25 Prozent herab zu setzen, habe nichts mit Pragmatismus zu tun, sagt der Ökonom. Sie sei vielmehr nötig gewesen. Dies belegten aktuelle volkswirtschaftliche Daten. Uns drohten in den kommenden Wochen einige negative Überraschungen. Das Wirtschaftswachstum werde sich weiter verlangsamen.


„Die Griechen müssen ihre Hausaufgaben machen.“

Die Entscheidung, den Zins zu senken, sie wurde einstimmig gefällt im EZB-Direktorium. Der Vorschlag kam übrigens nicht von Mario Draghi, dem neuen EZB-Chef aus Italien; er kam vom Deutschen, er kam von Jürgen Stark. Die Leitzinssenkung sei nicht als Strategiewechsel innerhalb der EZB zu verstehen, sagt der Chefvolkswirt. Und es gäbe schon gar keine Änderung des Mandats. Das oberste Ziel der Notenbank bleibe es, dafür zu sorgen, dass die Preise innerhalb der Eurozone mittelfristig stabil blieben.

Die Statistikbehörden hatten zuletzt für den Oktober eine Inflationsrate von drei Prozent gemessen. Viele Menschen fürchten deshalb um ihr Erspartes. Stark beruhigt. Das schwache Wirtschaftswachstum in Europa habe eine dämpfende Wirkung auf die Entwicklung der Löhne und Preise. Er geht davon aus, dass die Inflationsraten mittelfristig eher fallen als steigen werden. „Geldpolitik ist nicht rückwärtsgewandt, sondern vorwärts“. Trotzdem dürfe man die Märkte nicht dauerhaft mit billigem Geld versorgen. Irgendwann muss Schluss sein. Auch das ist Stark wichtig.

Schluss sein muss auch mit dem Schuldenmachen der Staaten. Möglicherweise, sagt Stark, erleben wir gerade einen Paradigmenwechsel. Die Regierungen in den entwickelten Industrienationen begriffen langsam aber sicher, dass es von fundamentaler Bedeutung sei, seine Finanzen dauerhaft in den Griff zu bekommen. Andernfalls würde aus einer Schuldenkrise sehr bald eine Krise erwachsen, die politische Systeme infrage stelle. Das betreffe nicht nur Europa, sagt Stark, sondern auch Länder „jenseits des Kanals“.

In die Pflicht nimmt er vor allem aber die Griechen: Solidarität ist für Europa essentiell; sie dürfe aber keine Einbahnstraße sein. Die Hilfen dürften nicht zu einem Fass ohne Boden werden. „Es wird Zeit gekauft; aber Zeit wofür?“, fragt Stark und liefert die Antwort gleich mit: „Sie müssen ihre Hausaufgaben machen“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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