EZB: Was Experten von Draghi erwarten

EZB: Was Experten von Draghi erwarten

, aktualisiert 01. November 2011, 09:48 Uhr
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Andreas Schmitz, Sprecher des Vorstandes bei HSBC Trinkaus, und Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken

Quelle:Handelsblatt Online

Der Italiener Mario Draghi rückt in einer schweren Stunde an die Spitze der EZB. Was Banker und Top-Ökonomen von ihm erwarten.

„Mario Draghi übernimmt das Amt des EZB-Präsidenten in schwierigen Zeiten. Zwei Herausforderungen stehen dabei im Vordergrund: 1. Die Staatsschuldenkrise hat die Europäische Zentralbank in ein Dilemma gebracht, in dem die strikte Trennung von Fiskal- und Geldpolitik zu verschwimmen droht. Hier gilt es, das Vertrauen in die Unabhängigkeit der EZB wieder zu stärken.

2. Die großen wirtschaftlichen Unterschiede in Europa erfordern ein besonderes Fingerspitzengefühl der Geldpolitik. Das Ziel eines stabilen Euros ist dabei klar festgelegt. Es kann aber nur erreicht werden, wenn die europäischen Staaten einen überzeugenden wirtschaftspolitischen Reformkurs einschlagen. Insofern sind Draghi und der EZB-Rat hier auf die tatkräftige Unterstützung der Politik angewiesen.“

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Andreas Schmitz, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher des Vorstandes der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG


Anja Mikus, Leiterin des Portfoliomanagements bei Union Investment

Draghi steht für die Fortsetzung der unkonventionellen Maßnahmen. Dazu gehören das Pfandbrief-Ankaufprogramm, großzügige Liquiditätsversorgung der Banken über längerfristige Tender und auch Staatsanleihekäufe. Er gehört nicht dem „deutschen Hardliner-Lager“ an. Trotz allem glauben wir, dass er die Politik von Trichet fortsetzen will und sich vor allem auch seine Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Einhaltung der Preisstabilität erarbeiten wird. Das heißt, dass es zu keiner Zinssenkung bei seiner ersten Sitzung als EZB-Präsident am Donnerstag kommen wird.


Jörg de Vries-Hippen

„Wenn er gut beraten ist, wird Draghi anfangs nicht viel ändern am pragmatischen Stil des Herrn Trichet, später dann seine Duftmarken setzen. Denn zur aktuellen Leitlinie der EZB, pragmatisch die Finanzmärkte und die Banken mit dem zu beliefern, was sie brauchen, gibt es mit Blick auf die Verschuldungskrise auch keine Alternative. Draghi ist kein Dogmatiker – ein solcher wäre jetzt auch nicht hilfreich.“


Friedrich von Metzler, Chef des Bankhaus Metzler

„Draghis Kompetenz in der Wirtschafts- und Finanzpolitik steht außer Frage. Als Wissenschaftler hat er an renommierten Universitäten gelehrt, und aus seinen Positionen an der Spitze großer Banken resultiert ein enormer Erfahrungsschatz. Am wichtigsten ist jedoch: Draghi hat mehrfach bewiesen, dass er unabhängig denkt und handelt und sich auch in heiklen Situationen nicht von der Politik hineinreden lässt. Ich bin überzeugt davon, dass in dieser schwierigen Lage ein Mann das Ruder der EZB übernimmt, der mit kühlem Kopf eine klare Linie verfolgt.“


Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

„Seit die Europäische Zentralbank im Frühjahr letztes Jahres beschlossen hat, Anleihen der strauchelnden Peripherieländer zu kaufen, sind mit Weber und Stark zwei profilierte deutsche Vertreter im EZB-Rat zurückgetreten. Der neue EZB-Präsident Mario Draghi sollte den Deutschen wieder das Gefühl vermitteln, dass die EZB auch ihre Zentralbank ist.“


Markus Brunnermeier, Professor an der Universität Princeton

"Ich habe nicht den Eindruck, daß Mario Draghi weitere Anleihekäufe unmittelbar aussetzt. Ich erwarte jedoch, daß er sein Verhandlungsgeschick und insbesondere seine Verbindungen zur Italienischen Regierung einsetzt, um wachstumsfördernde Maßnahmen in Italien durchzusetzen. Dabei wird er wahrscheinlich die Anleihekäufe als Druckmittel verwenden.

Es ist ein zweischneidiges Schwert, dass mit Draghi ein Italiener an der Spitze der EZB steht. Zum einen werden Mario Draghi die Verbindungen zur italienischen Regierung helfen wichtige Reformmaßnahmen durchzusetzen, die helfen den ganzen Euroraum zu stabilisieren. Zum anderen wird sein Handlugsspielraum etwas eingeschränkt sein, da er sich nicht dem Vorwurf ausnsetzen will eine Politik zugunsten von Italien zu machen.

Beim Zins brauchen die Länder des Euroraums zur Zeit unterschiedliche Zinsraten. In Deutschland zieht die Inflation an, während in den Südländer die Gefahr einer Deflation besteht. In solch einer Situation gilt es die Zinspolitik mit gezielten makroprudential Maßnahmen zu verbinden. Man kann die Zinsen senken, wenn man gleichzeitig eine differenzierte Kollateralpolitik (Haircutpolitik) und koordinierte Bankenregulierung für die Kernländer einführt. Auf alle Fälle ist es wichtig langfristige Inflationserwartungen im Auge zu behalten."


Volker Wieland, Professor für Geldtheorie an der Goethe Universität Frankfurt

"Da die EZB das Instrument der Anleihekäufe nun schon seit mehr als einem Jahr aktiv nutzt, wird dies von ihr auch weiterhin erwartet, und sie wird sich diesem Erwartungsdruck wohl nicht entziehen können. Mit Italiens Situation nimmt der Druck eher nochzu. In der Zinspolitik hat die EZB in der letzten Sitzung Massnahmen ergriffen, die die Liquiditätssituation der Banken noch einmal verbessert haben. Die realen Zinsen sind aufgrund höherer Inflation stetig gefallen und bereits deutlich negativ. Inflations- und Wachstumsentwicklung in der Eurozone erzwingen im Moment keine Zinssenkung. Präsident Draghi wäre gut beraten, diese Spielraum zu nutzen, die Zinsen jetzt nicht zu senken, und stattdessen ein klares Signal nach Italien zu senden, jetzt ohne Verzug zu handeln."


Paul De Grauwe, Professor an der Universität Leuven (ab Februar 2012 London School of Economics)

"Die EZB sollte mit Ansage weiter Anleihen der Euro-Krisenländer kaufen. Die Hauptaufgabe Draghis besteht darin, hierfür einen Konsens im EZB-Direktorium herzustellen. Er muss vor allem die deutschen Vertreter dazu bewegen, eine solche Politik mitzutragen. Dass Draghi Italiener ist, macht seine Arbeit komplizierter. Italien wäre einer der Hauptprofiteure von weiteren Anleihekäufen. Deshalb sind die Leute besonders misstrauisch, wenn er für Anleihekäufe eintritt. Es wäre besser, wenn ein Deutscher an der EZB-Spitze stünde. Ein Deutscher könnte viel glaubwürdiger für Anleihekäufe eintreten.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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