Fernsehkritik Anne Will: „Oberlehrer!“

Fernsehkritik Anne Will: „Oberlehrer!“

, aktualisiert 10. Mai 2012, 08:41 Uhr
von Gabriela M. KellerQuelle:Handelsblatt Online

Nach einer kurzen Ruhepause ist sie zurück in den Talkshows: Die Eurokrise. Bei Anne Will gerieten die Gäste gleich zu Beginn in heftigen Zoff. Was folgte, war ein verbales Durcheinander ohne Erkenntnisgewinn.

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Talkshow Anne Will: Griechenland-Chaos im Studio.

BerlinSchon ist sie da wieder, die Furcht vor dem Fiasko. Griechenland scheint nach den Wahlen ein ganzes Stück näher an den Staatsbankrott herangerutscht zu sein. In Frankreich steht nach dem Sieg des Sozialisten François Hollande in Frage, ob Paris seine Haushaltsziele künftig einhalten wird. Und auch in der Schweiz lief es schon mal besser: Der Franken ist nämlich zu stark. Der Tourismus leidet, der Export sowieso, seufzte der ehemalige Schweizer Diplomat und Unternehmensberater Thomas Borer in Anne Wills Sendung. „Wollen Sie auch einen Rettungsschirm?“, fragte die Moderatorin ironisch.

 „Die Deutschen sind ja so gutmütig, die würden uns sicher auch noch unter die Arme greifen“, scherzte darauf der Eidgenosse bitter. Das allerdings dürfte inzwischen zu bezweifeln sein; zumindest die schrille Tonlage der Diskussion bei Anne Will legt den Schluss nahe, dass allmählich Schluss ist mit dem bereitwilligen Schnüren immer neuer Rettungspakete. Schon der ziemlich plump formulierte Titel der Sendung gab eine boulevardeske Vereinfachung des komplexen Themas vor: „Griechen und Franzosen wählen den Sparkurs ab – zahlt Deutschland die Euro-Zeche allein?“ Die Bundesbürger als tüchtige Zahlmeister, die undisziplinierten Geldausgeber im Süden – wenn sich ein so schlichtes Malen-nach-Zahlen-Schema doch nur auf die europäische Finanzwelt anwenden ließe.

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Und wo die Büchse mit den Klischees schon mal geöffnet war, kramte Bayerns Finanzminister auch eifrig darin herum: Als die deutsche Exportwirtschaft zur Sprache kam, die nach wie vor massiv von den Bedingungen in der Eurozone profitiert, rief er: „Ja, liebe Leute, die Deutschen sind in der Tat fleißig, Gott sei Dank!“ Es stelle sich jedoch die Frage, ob die Finanzhilfe für Griechenland sich überhaupt lohne, oder eher dazu führe, dass dort „noch weniger gearbeitet“ werde. So, wie Söder es sieht, ist der Austritt Griechenlands der einzige Weg zur Lösung der Eurokrise: „Wir können nicht als Deutsche den Euro dadurch belasten, dass ein Partner die anderen an der Nase herumführt.“

Was die Sendung auf jeden Fall klar machte, ist, dass die Schuldenkrise nach einer kurzen Ruhepause wieder ihr hässliches Haupt erhoben hat. Vor allem der unklare Ausgang der Abstimmung in Athen lässt die Sorge um die Zukunft des Euro wachsen: Der linksradikale Wahlgewinner Alexis Tsipras will das „barbarische Spardiktat“ nicht mehr mitmachen und alle Vereinbarungen zwischen Griechenland und den Geldgebern platzen lassen. Für den FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis ist das nichts als reine Wahlkampf-Rhetorik. Chatzimarkakis geht nämlich fest davon aus, dass es in Griechenland ohnehin demnächst Neuwahlen geben wird. Bei dieser kommenden Abstimmung werde es dann um Grundsatzfragen gehen. Um „ja oder nein“, um „schwarz oder weiß“ gehen, ja, um das Risiko einer sprunghaften Kontinentalverschiebung: „Afrika oder Europa“, das seien die Alternativen, zwischen denen sich Griechenland nun zu entscheiden habe.


„Demokratie ist manchmal sehr anstrengend“

Die einzige in der Runde, die sich mit den Wahlergebnissen in Athen und Paris voll und ganz zufrieden zeigte, war Sahra Wagenknecht, die erste stellvertretende Vorsitzende der Bundesfraktion der Linken. Es könne ja keine Rede davon sein, dass Griechenland bislang geholfen worden sei. „Diese Sparpakete machen das Land kaputt“, sagte sie. Die Wirtschaft Griechenlands werde zerstört, Arbeitslosigkeit, Armut und Selbstmordraten seien in die Höhe geschnellt. Der Vorstoß Tsirpas‘, zunächst eine Kommission einzusetzen um zu ermitteln, wer die Schuldenmacherei verursacht und wer davon profitiert, sei daher eine gute Idee. Griechenland müsse sich das Geld von den verantwortlichen Gläubigern zurückholen, also von den Banken und Hedgefonds.

Auch der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel sprach sich gegen einen Sparkurs aus, „der so rigide ist, dass er die Wirtschaft abwürgt.“ Vieles müsse in Griechenland noch getan werden, etwa der Abbau des aufgeblähten Staatsapparats. Ebenso wichtig sei aber ein Investitionsprogramm, um wieder  Arbeit zu schaffen: „Wir haben zu lange zu einseitig auf die Konsolidierung geachtet“, räumte er ein, „wir hätten viel früher mit den wachstumsfördernden Maßnahmen anfangen sollen.“ Generell gelte allerdings auch für ihn: Wer Schulden macht, müsse sie auch zurückzahlen.

Derweil wunderte sich ihm gegenüber sitzend der Armutsforscher Christoph Butterwegge über die Art und Weise, wie die Entwicklungen in Griechenland gemeinhin diskutiert werde. „Das ist Demokratie“, stellte er fest. „Jetzt wird immer vom Griechenland-Chaos gesprochen. Demokratie ist manchmal sehr anstrengend, aber über diese entscheidende Frage muss doch das Volk auch abstimmen können.“ Ebenso kritisierte er die zweigeteilte Sicht in Griechen, die Hilfe brauchen und Deutsche, die dafür zahlen. Krisengewinnler gebe es schließlich in beiden Ländern.

Das Verblüffendste an der Sendung aber war, wie sich Menschen über ein vermeintlich trockenes Thema wie Finanzpolitik echauffieren können. Schon nach der ersten Frage-Antwort-Runde machte sich im Studio das Chaos breit. Markus Söder und Jorgo Chatzimarkakis waren von Anfang an offensichtlich auf Krawall gebürstet. Beide gerieten heftig in Streit, als der Bayer den EU-Politiker sehr frei mit den Worten zitierte, die Griechen „bescheißen ja immer.“ –„Ja Momentchen mal“, rief Chatzimarkakis, „so können Sie mir doch nicht das Wort im Mund umdrehen!“ Er hatte schließlich nur von einer bestimmten Klasse von Politikern gesprochen, nicht von dem Volk an sich. „Können wir davon wegkommen, dass wir versuchen, mit Nationalcharakteren Krisenprozesse zu erklären?“, flehte Christoph Butterwegge vergeblich .Dann fielen sich Sarah Wagenknecht und Söder eine Weile wechselseitig ins Wort. Es dauerte nicht lange, da drehte auch Hans Eichel auf und stieg in den allgemeinen Zoff mit ein. Anne Will versuchte immer wieder, Ordnung in die Runde zu bringen.


„Ich lass mir sowas nicht bieten!“

Es klappte nicht. Söder polterte, Chatzimarkakis schimpfte, Wagenknecht zankte, Butterwegge maßregelte, Eichel giftete, Borer verfiel in bissigen Sarkasmus. Chatzimarkakis warf dem Schweizer vor, die sein Land profitiere als Steueroase von den Millionen reicher Griechen, die ihre Vermögen in Sicherheit bringen. Darauf brach es aus Borer heraus: „So etwas Naives und Falsches habe ich selten gehört.“ So nahm das diskursive Tohuwabohu seinen Lauf. Ein Filmclip, auf dem der Dramatiker Rolf Hochhuth seine Erkenntnis mitteilte, „seit Odysseus“ wisse die Welt, „die Griechen sind die bedeutendsten aller Schlitzohren“ führte auch nicht auf eine sachlichere Ebene.

Anne Will fiel irgendwann nichts anderes mehr ein, als aufzustehen und mit den Armen zu wedeln. Denn eigentlich sollten die Gäste über den Wahlausgang in Frankreich diskutieren, statt dessen verstiegen sie sich aber in einen hitzigen, langwierige Zank über die Folgen der Agenda 2010, die Eichel als Finanzminister der damaligen rot-grünen Regierung mitgestaltet hatte. „Ich lass mir so was nicht bieten.“ – „Das geht jawohl nicht!“, so ging es munter hin und her. Eichel warf Butterwegge einen Mangel an ökonomischen Wissen vor, Butterwegge gab zurück: „Oberlehrer.“

Auch wenn all das einen gewissen Unterhaltungswert hatte, ähnlich ein Zugunglück, bei dem man nicht wegschauen kann – der Erkenntnisgewinn blieb auf der Strecke. Eine geistreiche Diskussion über die Auswirkungen der Wahlen in Frankreich und Griechenland wäre schön gewesen. Doch dazu blieb in Mitten von all dem verbalen Getöse kein Raum. Der klarsichtigste Satz, der nach dem Ende der Sendung im Gedächtnis blieb, kam somit von keinem der Gäste, sondern von einem alten griechischen Einwanderer, der in einem der Einspielfilme zu seiner Meinung nach dem Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone befragt wurde. Für die armen Leute, so sagte der Mann, für sie spielt es keine Rolle, ob in Euro oder in Drachmen bezahlt wird. Arm bleiben sie so oder so.

Quelle:  Handelsblatt Online
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