Finanzkrise: Island will sich aus dem Chaos fischen

Finanzkrise: Island will sich aus dem Chaos fischen

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Islands Premier Geir Haarde irrlichtert durch das Finanzchaos

Auf Island regiert das Finanzchaos. Jetzt rät der Premier seinen Bürgern, doch künftig wieder fischen zu gehen. Derweil wird das ganze Ausmaß der Auswirkungen auf Deutschland deutlich. Zehntausende sind betroffen.

Eine internationale Karriere im Rekordtempo: Noch vor acht Tagen war der Name Geir Haarde nicht mal Insidern der internationalen Politik bekannt. Heute weiß weltweit nahezu jeder, dass so der isländische Premierminister heißt. Mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Überforderung und einem ausgeprägten Hang zur Chaos-Kommunikation dilettiert der Mann aus dem hohen Norden seit einer Woche durch die internationale Politik- und Finanzwelt. Selbst seine eigenen Bürger schütteln immer heftiger die Köpfe über ihren Regierungschef. Statt Halt stiftet er in der Krise beherzt Verwirrung.

Zunächst rief Haarde vergangenen Samstag den Staatsbankrott seines Landes aus – ohne größere Not, wie sich herausstellte. Dann verkündete er, sein Land erhalte vier Milliarden Euro Kredit von Russland. Blöd: Die Russen wussten davon nichts. Jetzt hält er für seine Isländer tolle Tipps parat, wie sie den drohenden Wohlstandsverlust durch die Bankenkrise auf ihrer Mini-Insel ausgleichen könnten: „Gehen Sie fischen!“ In einem Interview mit einer Insel-Zeitung sagte Haarde weiter: „Wir haben fantastische Ressourcen, die wir jetzt wieder nutzen werden – den Ozean, das saubere Wasser, die Menschen.“

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Anderswo wird das isländische Finanzchaos nicht so entspannt betrachtet. Zum Beispiel in Deutschland. Hier wirkt sich vor allem die Verstaatlichung der größten isländischen Bank Kaupthing aus. Etwa 30.000 deutsche Kunden sind davon betroffen, angeblich sind etwa 300 Millionen Euro deutscher Sparer mittlerweile eingefroren. Deutsche Sparer berichten, dass sie bereits seit Wochenmitte auf die Auszahlung ausstehender Zinsen warten. Ihnen bleibt im Moment nur, sich an die isländische Zentralbank zu wenden und ihre Ansprüche dort anzumelden. Einlagen sind allerdings nur bis maximal 20.800 Euro gesichert.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat die deutsche Niederlassung der isländischen Bank Kaupthing geschlossen. Nach einer Mitteilung von gestern Abend erließ sie ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot. Außerdem untersagte sie der deutschen Kaupthing-Niederlassung, Zahlungen entgegenzunehmen, die nicht zur Tilgung von Schulden ihr gegenüber bestimmt sind. Die BaFin begründete das sogenannte Moratorium damit, dass die verbliebenen Vermögenswerte gesichert werden müssten.

Island hat Aktienhandel ausgesetzt

Es bestehe die Gefahr, dass die Niederlassung ihre Verpflichtungen gegenüber Gläubigern nicht mehr erfüllen könnte. Nach BaFin-Angaben hatte die isländische Muttergesellschaft Kaupthing bereits am Mittwochabend den Zugriff auf die Online-Konten der Niederlassung in Deutschland gesperrt, nachdem sie der Kontrolle der isländischen Finanzaufsicht unterstellt worden war. Auf der Homepage der Bank hieß lediglich: „Derzeit ist der Zugriff auf die Online-Konten nicht möglich.“ Dabei hatte die Geschäftsführung zuvor in einer Mitteilung beteuert, dass das Geldhaus nicht in Schwierigkeiten sei.

Island hat derweil den Aktienhandel an der Börse in Reykjavik bis Montag komplett gestoppt. Der Börsenbetreiber OMX begründete den Schritt mit der „ungewöhnlichen Marktsituation“ auf der Atlantikinsel. Die isländische Börse wird stark von den heimischen Banken dominiert. Wegen der internationalen Finanzkrise hatte die Regierung seit vergangener Woche nacheinander alle drei führenden Geldhäuser Kaupthing, Landsbanki und Glitnir unter staatliche Zwangskontrolle gestellt.

In Großbritannien fürchteten Dutzende Gemeinden um ihre Einlagen bei isländischen Banken im Wert von 500 Millionen Pfund. Interessenvertreter der lokalen Behörden forderten die britische Regierung am Donnerstag auf, wie bei den Privatkunden auch für dieses Geld einzustehen. In Großbritannien summieren sich die Investitionen allein bei mehreren Londoner Gemeinden bei den angeschlagenen isländischen Banken auf mehr als 100 Millionen Pfund. Zudem habe allein die Behörden in Kent 50 Millionen Pfund bei dem mittlerweile verstaatlichten zweitgrößten Geldinstitut Landsbanki oder dessen britischen Ableger Heritable angelegt. Betroffen waren auch die Londoner Verkehrsbetriebe, die 40 Millionen Pfund investiert hatten. Regierungschef Gordon Brown hatte bereits am Mittwoch eine Klage gegen die isländische Regierung und Zentralbank angekündigt. Gestern legte der Labour-Politiker nach. Islands Verhalten sei „nicht hinnehmbar“, sagte Brown der BBC.

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