Finanzkrise: "Rapider Einbruch des Geschäfts in China"

Finanzkrise: "Rapider Einbruch des Geschäfts in China"

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Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China

Jörg Wuttke, Chef der Europäischen Handelskammer in China, über das Investitionsklima im Reich der Mitte in Zeiten der Krise.

WirtschaftsWoche: Herr Wuttke, Analysten revidieren ihre Wachstumsprognosen für China beinahe im Wochentakt nach unten. Wie schlimm steht es um das Wirtschaftswunderland?

Wuttke: Die weltweite Krise trifft China vor allem bei den Exporten. Die Nettoausfuhren steuern einen wesentlichen Teil zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die Probleme zeigen sich ja schon bei den Unternehmen in den Küstenregionen des Landes. China ist aber nicht nur von der internationalen Finanzkrise betroffen, sondern auch von der selbst verursachten Immobilienkrise. Die Tatsache, dass wir in China zurzeit zwei Krisenherde haben, sorgt für die starke Verlangsamung des Wachstums.

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Spüren europäische Unternehmen in China die Trubulenzen?

Alle. Bis auf die Firmen, die ihr Geld mit Infrastrukturprojekten verdienen, merken wir alle einen rapiden Einbruch des Geschäfts.

Die Regierung hat ein ganzes Paket von Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise angekündigt. Gehen die Schritte in die richtige Richtung?

Ja. Die Regierung ist von dem Ausmaß der Krise genauso überrascht wie wir auch. Die Behörden sind jetzt gerade dabei, die Einzelmaßnahmen des Konjunkturprogramms zu konkretisieren, denn bisher war das Programm nicht besonders klar. Für die Industrie war zum Beispiel nicht ersichtlich, wo das ganze Geld hinfließen soll. Ein Drittel des Pakets von gut 450 Milliarden Euro war ohnehin vorgesehen. Ein weiteres Drittel wurde lediglich vorgezogen. Effektiv ist also nur ein Drittel des Konjunkturpaketes wirklich neu. Wir müssen jetzt sehen, inwieweit die Regierung daraus echte Aktionen macht, die sich auf unser Geschäft auswirken.

Können eurpäische Unternehmen von dem Paket profitieren?

Bei Infrastrukturprojekten auf jeden Fall. Bei Flughäfen beispielsweise sind deutsche Firmen sehr gut aufgestellt. Beim Bau von Eisenbahnlinien gibt es auch gute Chancen. Siemens wird sicherlich einer der Gewinner diese Konjunkturpaketes sein. Andere müssen sehen, wie sich der Markt erholt und haben dann möglicherweise Folgeaufträge.

Die chinesischen Behörden dürften bei der Vergabe von Aufträgen heimische Firmen bevorzugen. Könnte die Krise zu einem wirtschaftlichen Nationalismus führen?

Diese Befürchtung haben etliche Firmen. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob das ein anderer wirtschaftlicher Nationalismus ist als der, den wir in China ohnehin schon seit einiger Zeit spüren. Wir haben im Vorfeld schon festgestellt, dass chinesische Firmen bevorteilt werden und dass es Ausschreibungen gibt, die tendenziös sind. Wir werden jetzt sehr genau darauf achten, wie die Vergabeverfahren laufen.

Steigt durch die Krise generell die Gefahr des Protektionismus?

Ich sehe protektionistische Tendenzen im Moment eigentlich eher in Europa. Das äußert sich so, dass etwa etliche Konsumenten in Frankreich keine chinesischen Produkte mehr kaufen, weil chinesische Bürger französiche Waren boykottieren, nachdem Nicolas Sarkozy den Dalai Lama getroffen hat. Wir sehen zwar einige Projektvergaben mit Besorgnis, stellen aber keine generelle anti-ausländsiche Stimmung in China fest.

"Drei Schritte vor und zwei Schritte zurück"

Wie hat sich das Investitionsklima in China in den vergangenen zwölf Monaten geändert?

Es geht immer drei Schritte vor und zwei Schritte zurück. Wir sehen beispielsweise Fortschritte beim Marktzugang im Bankensektor. Wir sehen aber überhaupt keine Fortschritte im Versicherungs- und Telekommarkt. Wir haben außerdem nach wie vor Probleme beim Urheberrechtsschutz. Die Situation ist sehr durchwachsen.

Woran liegt es, dass es beim Urheberrechtsschutz kaum Fortschritte gibt?

Die chinesischen Gesetze sind sehr umfangreich, aber die Umsetzung ist immer noch ein großes Problem. Beim neuen Patentgesetz haben wir die Sorge, dass die Patente eher auf chinesische Belange zugeschitten sind und Ausländer das Nachsehen haben. Andererseits haben wie bei den Beratungen zu dem Gesetz festgestellt, dass die Regierung großen Wert auf internationalen Input legt. Die gute Nachricht ist, dass es eine aktive Kommunikation gibt. Der zweite Entwurf des Patentgesetzes war furchtbar. Der letzte Entwurf ist fast internationaler Standard.

Peking hat Anfang Dezember den EU-China-Gipfel in Lyon abgesagt, weil EU-Ratspräsident Sarkozy den Dalai Lama getroffen hat. War die Reaktion nicht übertrieben?

Wir sind betrübt darüber, dass EU-Ratspräsident Sarkozy in einer solch sensitiven Phase zu dem Dalai-Lama-Treffen gegangen ist. Wir sind aber auch betrübt darüber, dass die Chinesen den Gipfel abgesagt haben. Gerade zu einer Zeit, in der man mehr internationale Konsultationen haben müsste und mehr miteinander darüber reden müsste, wie man mit der Krise umgeht, ist die Absage der Chinesen kaum nachvollziehbar.

Schlittern die europäisch-chinesischen Beziehungen in eine Krise?

Wir sind in einigen Bereichen in der Krise, gerade was die Stimmungslage zwischen Europa und China angeht. Die Fronten dürften aber aufweichen, wenn im Januar die Franzosen die Präsidentschaft an Tschechien abgeben.

Leiden die europäischen Unternehmen in China unter den Differenzen zwischen China und Europa?

Für die Chinesen ist Europa der wichtigste Markt weltweit. China ist sicherlich ein wichtiger Markt für uns, aber einer von vielen. Irgendwann wird in Peking der Pragmatismus wieder die Oberhand haben.

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