Finanzkrise: Warum flossen Hilfsgelder für die Brandstifter der Krise?

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Finanzkrise: Warum flossen Hilfsgelder für die Brandstifter der Krise?

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Der nun scheidende US-Finanzminister Timothy Geithner gibt sich überraschend offen in einem Interview mit dem "Wall Street Journal".

von Tim Rahmann

Der scheidende US-Finanzminister Timothy Geithner versteht die Zweifel der Bürger an der milliardenschweren Rettung des Finanzsektors – und räumt eigene Fehler ein.

Große US-Finanzdienstleister und Banken verliehen über Jahre Kredite fast ohne jegliche Bonitätsprüfung der Schuldner, brachten erst den Immobilienmarkt zu Fall und stürzten anschließend die Welt in eine tiefe Rezession. Trotzdem wurden Institute wie Freddie Mac, AIG oder Fannie Mae  mit riesigem finanziellen Aufwand gerettet. Die Industriestaaten verschuldeten sich, um die Banken und den Finanzsektor zu stabilisieren. Mitverantwortlich für die US-Rettungspakete war der nun scheidende Finanzminister Timothy Geithner. In einem erfrischend offenen Interview mit dem "Wall Street Journal" rechtfertigt er die Hilfen,  äußert aber auch Verständnis für die Zweifel der Bürger.

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"Es sieht aus, als zahlte man Hilfsgelder an die Brandstifter", so Geithner. "Es gibt keine Erklärung, die so wirkungsvoll ist, dass sie die Gefühle von Angst, Wut und Groll entschärfen würde, die entstehen, wenn so viele unschuldige Menschen geschädigt werden. Das Paradoxe ist, dass die gerechte Lösung, durch die man eine Durchschnittsperson vor einem scheiternden System schützen kann, Schritte erforderlich macht, die sehr unfair und ungerecht erscheinen."

Die Krise sei durch eine Mischung aus Ignoranz und Gier, Hoffnung und mangelnder Erfahrung ausgelöst worden. Es sei deshalb wichtig eine starke, glaubhafte Strafverfolgung einzuleiten. Diese sei "sehr kompliziert", laufe aber noch immer.

Dennoch verteidigt Geithner die Hilfen: "Die gängige Meinung, dass die Krisenreaktion ungerecht war, hat sich schon früh verhärtet. Doch wenn man diese Krise mit anderen in der Vergangenheit oder in anderen Ländern vergleicht, dann sieht man, dass unsere Reaktion weit effektiver war", so der Finanzminister. "Das ist nur ein geringer Trost für Menschen, die verständlicherweise finden, dass sie das alles nicht hätten durchmachen müssen. Die meisten glauben immer noch, dass ihre Regierung 800 Milliarden Dollar an eine kleine Anzahl von Banken gegeben hat und dass der Staat das Geld nie wiedersieht. Doch wenn alles vorbei ist, werden wir tatsächlich mehrere Milliarden Dollar für die Steuerzahler hinzuverdient haben, mit denen man das Defizit abbauen oder Bildung und Infrastruktur finanzieren kann – und das, obwohl viele dachten, dass wir Billionen verlieren würden."

Die größten Infrastruktur-Mängel in den USA

  • Straßen

    Das Straßenbild der USA ist gezeichnet von Schlaglöchern und Rissen im Asphalt. 36 Prozent der Autobahnen sind durchweg überlastet.

  • Bahn

    Der Zug gilt in den USA als unzuverlässiges Fortbewegungsmittel. Reisende erreichen ihr Ziel nur bei 77 Prozent der Fahrten pünktlich. Zum Vergleich: in Europa sind es 90 Prozent. Außerdem gibt es kein gut ausgebautes Hochgeschwindigkeitsnetz. Schnellzüge fahren somit im Schnitt nur 115 Kilometer pro Stunde.

  • Flughäfen

    Auch bei Flügen ist in den USA mit Verspätungen zu rechnen. Die Flughäfen sind überaltert und überlastet. Drei Prozent der Start- und Landebahnen sind im schlechten Zustand.

  • Brücken

    Einige der Brücken in den USA gelten nicht nur als überaltert, sondern als gefährlich. Von rund 600.000 Brücken sind 160.000 einsturzgefährdet.

  • Staudämme

    Auch die Staudämme der USA weisen Sicherheitsmängel auf. Ihr Durchschnittsalter beträgt 51 Jahre. Erschreckend sind die Wartungsverhältnisse: In Texas kommen auf 7400 Staudämme lediglich sieben überwachende Ingenieure.

  • Schulen

    Für die Sanierung von Schulgebäuden investieren die USA zu wenig. Im Jahre 2005 fand der Unterricht von 37 Prozent aller Schulen in improvisierten Klassenräumen aus Fertigbauteilen statt.

  • Stromnetze

    Das Stromnetz der Vereinigten Staaten ist marode. Das Risiko von Stromausfällen, verursacht durch Stürme und herabfallende Äste, ist so groß, dass Elektrizitätswerke den US-Bürgern zum Kauf eines eigenen Generators raten.

  • Trinkwasser

    Die Wasserleitungen der USA zeichnen sich durch ihr Alter von 60 Jahren und die Defekte aus. Knapp 30 Millionen Liter Wasser versickern täglich in der Erde. Auch die Wasserwerke sind veraltet und sanierungsbedürftig.

Die Fehler seien zuvor gemacht worden – auch von Geithner persönlich. Als Präsident der Federal Reserve Bank of New York hätten er und Kollegen versucht, "das Risikomanagement auf breiter Front zu verbessern, weil wir erkennen konnten, dass sich im ganzen System Risiken aufbauten. Doch ein großer Teil der finanziellen Aktivitäten, die von Bedeutung waren, spielte sich im sogenannten Schattenfinanzsystem ab, außerhalb der traditionellen Sicherheitsmechanismen, die wir während der vergangenen Jahrzehnte aufgebaut haben, um das Finanzsystem zu schützen. Wir hatten nur ein extrem veraltetes, unzeitgemäßes Aufsichtssystem zur Hilfe."

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Nun aber glaubt Geithner, dass die USA das Schlimmste hinter sich haben. Man sei bereits im letzten Viertel der Krisenbekämpfung. Anderes sehe es in Europa aus. Die Euro-Zone sei bei der Lösung seiner langfristigen Probleme "noch nicht so weit wie wir".

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