Flüchtlinge: Der Winter wird lebensgefährlich

Flüchtlinge: Der Winter wird lebensgefährlich

, aktualisiert 25. November 2016, 11:42 Uhr
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„Wir haben kein warmes Wasser, um zu baden. Wir leiden hier zu große Not.“

Quelle:Handelsblatt Online

Tausende Flüchtlinge sind auf dem Balkan gestrandet. Sie können nicht in die EU einreisen, wollen aber auf keinen Fall umkehren. Häufig leben sie als Obdachlose unter unmenschlichen Bedingungen. Und nun kommt der Winter.

BelgradMohammed Jassin findet kaum Worte, um den Schrecken in seiner Unterkunft zu beschreiben. Der frühere Nachrichtenjournalist aus Afghanistan hat in einem verlassenen Lagerhaus im Zentrum von Belgrad Schutz gesucht. Dort wartet der 28-Jährige nun wie Hunderte andere auf eine Gelegenheit, über die Grenze in die benachbarten EU-Staaten Ungarn und Kroatien zu gelangen.

Rund 1.000 Flüchtlinge sind in dem mit Müll übersäten Gebäude untergekommen. Die verfallene Halle bietet jedoch kaum Schutz vor Regen und Kälte: In den großen Fenstern fehlt das Glas, das Dach leckt und sanitäre Anlagen gibt es nicht. „Wir haben keinen richtigen Platz zum Schlafen oder zum Essen“, sagt Jassin. „Wir haben kein warmes Wasser, um zu baden. Wir leiden hier zu große Not.“

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Hilfsorganisationen warnen, auf dem Balkan und in Griechenland lebten Tausende Menschen wie Jassin, in ungeheizten Zelten oder überfüllten Lagern. Nun komme der Winter und die Lage werde sich noch weiter verschlimmern. „Kinder, ältere Menschen und geschwächte Menschen werden vielleicht in diesem Winter auf europäischem Boden sterben, wenn nicht gehandelt wird“, erklärt die Hilfsorganisation Internation Rescue Comittee (IRC) in dieser Woche.

Viele der obdachlosen Flüchtlinge machten sich auf den Weg in der Hoffnung, in Mitgliedsländer der Europäischen Union zu reisen. Nun sitzen sie entlang der früheren Balkanroute fest, die von der Türkei durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien führt. Die Länder entlang der Route schlossen ihre Grenzen im vergangenen März. Dennoch reisen immer noch Flüchtlinge illegal ein, meist mit Hilfe von Schleppern. Sie brauchen Wochen oder Monate, bis sie ihr Ziel in der EU erreicht haben.

In Serbien berichtet der Leiter des Zentrums für Asylhilfe, Rados Djurovic, bis zu 2.000 Flüchtlinge lebten in Parks und verlassenen Häusern. Mehrere Tausend weitere, zumeist Familien, seien in Flüchtlingslagern untergebracht. Die schwierigen Lebensbedingungen und die fehlende Hoffnung setzten den Menschen zu. Das führe auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

„Schlechtes Wetter und schlechte Umstände haben sie psychologisch und körperlich geschwächt, sie sind gestresst und labil“, sagt Djurovic. „Die Menschen fühlen sich allein gelassen und zurückgesetzt, darum wachsen die Spannungen.“


Es stinkt nach Urin und Qualm

Erst kürzlich musste ein neunjähriger Junge auf der Intensivstation behandelt werden, nachdem das Zelt seiner Familie in einem Lagerhaus in Nordgriechenland Feuer gefangen hatte. Die Eltern hatten versucht, mit einem Gaskocher zu heizen, wie der IRC-Direktor in Griechenland, Panos Navrozidis, erklärt. „Wenn die Lebensumstände sich nicht verbessern, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste unnötige Tragödie passiert“, warnt Navrozidis.

In dem Lagerhaus in Belgrad stinkt es nach Urin und Qualm. Gruppen von Flüchtlingen sitzen um Feuerstellen herum, um zu kochen oder sich warm zu halten. Verstaubte Decken liegen aufgereiht auf dem Boden, darauf die wenigen persönlichen Dinge in Rucksäcken oder Plastiktüten. Mit alten Möbeln oder Pappe haben die Menschen versucht, ein wenig Privatsphäre zu schaffen.

Einige Männer schlafen, in Decken gewickelt, bekleidet mit Jacken, Mützen und Handschuhen. Andere hören Musik auf ihren Mobiltelefonen oder reden oder sie bereiten Essen aus einem nahegelegenen Supermarkt auf ihren Decken aus und versuchen, so etwas Ähnliches wie eine Mahlzeit zuzubereiten. Wieder andere stellen sich an, um ihr Geschirr waschen zu können.

Viele Flüchtlinge sind krank. Sie leiden an Erkältungen, haben Läuse oder Hautkrankheiten. Ihre Lage hat sich verschlimmert, seit die Regierung die Hilfsorganisationen angewiesen hat, außerhalb der offiziellen Flüchtlingsunterkünfte keine Lebensmittel auszugeben. Die Behörden hoffen, dass die Flüchtlinge so von den Straßen verschwinden.

Die Bewohner des Lagerhauses haben Angebote der Behörden ausgeschlagen, in Flüchtlingslager umzuziehen, wo sie legal einen Antrag auf Asyl stellen könnten. Sie fürchten eine Auslieferung oder den Abtransport in ein Lager noch weiter weg von der EU-Grenze. „Die Lager sind weit weg, wir können da nicht hingehen, wir wollen ins Ausland“, sagt Nadschebullah aus Afghanistan, der nur seinen Vornamen nennen will.

An einer Feuerstelle sitzt der 16 Jahre alte Sabir Sahid. Seit Wochen habe er nur Kartoffeln und Brot gegessen, erzählt er. Einmal habe er versucht, nach Ungarn zu kommen, sei aber von der ungarischen Polizei abgefangen worden. Dennoch will Sahid unbedingt Österreich erreichen. Eine Rückkehr kommt für ihn nicht infrage. „In Afghanistan wird gekämpft, ich kämpfe nicht“, sagt er. „Ich will ein Leben, ich will nicht sterben.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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