Flüchtlinge: Wie Syrer in der Türkei leben und arbeiten

ThemaNaher Osten

Flüchtlinge: Wie Syrer in der Türkei leben und arbeiten

von Philipp Mattheis

Bundeskanzlerin Merkel will, dass die Türkei ihre Syrien-Flüchtlinge im Land hält. Doch wie vielen von ihnen kann das Land eine wirtschaftliche Perspektive geben?

Als der Krieg begann, scharte Sherif Kahlil aus Aleppo seine beiden Töchter, seine Frau und seine sechs Angestellten um sich, mit einem Auto flohen sie von Syrien in die Türkei. Jetzt sitzt der 51-Jährige in einem Kabuff am Rande von Gaziantep in Südostanatolien und raucht. Während er spricht, breiten seine Mitarbeiter hellblaue T-Shirts auf einer Werkbank aus und besprühen sie mit Farbe. „Wir machen das Design selbst“, sagt Kahlil stolz, „Barcelona Football“ steht auf den T-Shirts, 2000 produziert er am Tag. Die T-Shirts verkauft Kahlil nach Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien. Seine Töchter studieren an der Universität von Gaziantep, sie mögen das Land, aber ihr Vater sagt: „Ist der Krieg vorbei, kehren wir zurück nach Syrien.“ Das ist die eine Seite der Flüchtlingskatastrophe in der Türkei, jenem Land, in dem gerade mehr als zwei Millionen syrische Flüchtlinge leben, mehr als in irgendeinem anderen Staat. Kahlil ist ein gut ausgebildeter Unternehmer, der die Wirtschaft des Gastlandes ankurbelt und nach Hause will, sobald das Schlimmste überstanden ist. Die andere Seite hat dreckige Hände und verschmutzte Klamotten.

Die Akteure im Syrien-Konflikt

  • Regime

    Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Syriens Armee hat aber im langen Krieg sehr gelitten. Machthaber Assad lehnt einen Rücktritt ab.

  • Islamischer Staat (IS)

    Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien neben der Regierung. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken.

  • Rebellen

    Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Teilweise kooperieren sie mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

  • Opposition

    Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen, dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

  • Die Kurden

    Kurdische Streitkräfte kontrollieren mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurden-Partei PYD, Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK.

  • Die USA und der Westen

    Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte „Augsburg“, die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

  • Russland

    Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

  • Iran

    Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien im Einsatz.

  • Saudi-Arabien und die Türkei

    Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern, dass Assad abtritt. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Zuletzt eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten.

In der Innenstadt von Gaziantep schleift ein Junge einen Plastiksack, größer als er selbst, durch die Straßen. An einer Mülltonne hält er an und durchwühlt deren Inhalt. „Ich suche nach Plastikflaschen“, sagt der Junge auf Arabisch. Er sei Syrer, seine Mutter krank, sie brauche Geld für Medikamente. Fragt man ihn nach seinem Namen, will der Junge Geld. Zwei Extrema, irgendwo dazwischen ist Bahlaa Buklak zu verorten. Der frühere Inhaber eines Marmorgeschäfts im syrischen Palmyra betreibt seit drei Monaten einen Falafel-Laden in Gaziantep. Sein Vermögen musste Buklak zurücklassen, als die Henker vom „IS“ in sein Land einmarschierten. Heute reicht sein Verdienst kaum noch aus, um die siebenköpfige Familie zu ernähren. „Wir sind nur noch in der Türkei, weil es hier sicher ist“, sagt er. „Wird die Wirtschaftslage nicht besser, müssen wir nach Deutschland.“ Genau das will Kanzlerin Angela Merkel aber mit ihrem „Türkei-Plan“ um jeden Preis verhindern, den sie bei einem EU-Sondergipfel Anfang März festzurren möchte. Sie wünscht sich zudem, dass die Türken künftig alle Flüchtlinge, die über die Ägäis oder über die türkisch-griechische Landesgrenze Griechenland erreichen, sofort wieder zurücknehmen. So sollen endlich weniger Flüchtlinge den Weg bis nach Deutschland schaffen – und Merkel eine Atempause in der Flüchtlingskrise verschaffen. Aber kann das gelingen – insbesondere Merkels zweiter Baustein ihres „Türkei-Plans“, nämlich dass die Flüchtlinge sich durch rasche Integration in den türkischen Arbeitsmarkt dort bald so wohl fühlen werden, dass sie gar nicht mehr weiter fliehen wollen?

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