Flüchtlingscamps auf Lesbos: „Wenn nur ein Stein fliegt, wird das hier zur Hölle“

Flüchtlingscamps auf Lesbos: „Wenn nur ein Stein fliegt, wird das hier zur Hölle“

, aktualisiert 21. März 2016, 18:44 Uhr
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So sah es vor Beginn der Räumung aus.

Quelle:Handelsblatt Online

Das EU-Türkei-Abkommen hat erste Konsequenzen: Flüchtlingslager auf Lesbos werden geschlossen. Paul Ostwald, Korrespondent des Handelsblatt-Jugendportals Orange, ist als Helfer im Camp – und gerät mitten in die Räumung.

LesbosKatie O’Neill ist der Schlafentzug an ihren geröteten Augen anzumerken, als sie ihrem Team von Freiwilligen die Lage schildert. „Im Zuge des EU–Türkei Abkommens werden alle Flüchtlinge auf der Insel Lesbos innerhalb von 48 Stunden per Fähre auf das Festland gebracht und von dort in die Türkei zurückgeführt, wenn ihrem Asylantrag nicht stattgegeben wird“, sagt sie. Es ist Sonntagmorgen, die versammelten Freiwilligen gucken sich ungläubig an, im Hintergrund plärrt ein Walkie-Talkie.

„Für uns heißt das, dass die griechische Polizei jederzeit anrücken kann, um das Camp leerzuräumen. Bis dahin leben wir den Alltag weiter“, sagt O'Neill. Für viele Freiwillige, die seit Wochen auf der Insel bis zu 16 Stunden am Tag helfen, kommt das wie ein Schlag. „Verhaltet euch den Flüchtlingen gegenüber wie immer, lächelt, und sagt ihnen nichts über ihre anstehende Reise. Wir wissen selbst zu wenig.“ Ein freiwilliger Helfer aus Kanada sackt in einer Ecke zusammen und bricht in Tränen aus.

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Seit drei Tagen bin ich zu diesem Zeitpunkt als freiwilliger Helfer im Team von Katie auf der griechischen Insel Lesbos, im Auffanglager Moria, einem sogenannten Hotspot zur Erstaufnahme auf EU-Territorium. Gemeinsam mit zwei Studienfreunden arbeite ich im Kleidungszelt, wir verteilen gespendete Jacken, Hosen und Schuhe an die Ankömmlinge. Die Kleidungsausteilung ist im Camp wichtig, nicht nur damit die Ankömmlinge in den klirrenden Nächten nicht erfrieren. „Durch Kleidung definieren wir, wer wir sind. Den Menschen soviel Wahl wie möglich zu lassen, ermöglicht ihnen wenigstens ein Stück ihrer Identität zu behalten – oder sich neu zu erfinden, wenn sie wollen“, erklärt Katie ihre Philosophie.

Ahmed K. ist an diesem Wochenende mit seiner Familie in einem Schlauchboot im Norden der kleinen Ferieninsel angekommen. Der gestandene Herr mit Oberlippenbart gehört der religiösen Minderheit der Ahmadis an, die in Pakistan verfolgt werden. Er braucht neues Schuhwerk. Ich lege ihm drei verschiedene Paare zur Auswahl vor, er tendiert zu einem paar braunen Mokassins und lächelt höflich. „Diese Schuhe sind sehr schön, aber haben Sie vielleicht auch hohe Stiefel?“ Er braucht festes Schuhwerk, seit ein Streifschuss knapp über dem Knöchel seinen rechten Fuß geschwächt hat. Es sind Momente wie diese, in denen wir Freiwilligen das Leid unseres Gegenübers spüren.

Es ist inzwischen 14 Uhr. Ahmed ist der letzte Besucher im Zelt, bevor Katie und ihr Team alle Freiwilligen zusammenrufen. „Die Polizei ist eingetroffen, die Räumung beginnt. Versucht ruhig zu bleiben, interveniert nicht und vor allem: lächelt. Wenn auch nur ein Stein fliegt, wird das hier zur Hölle.“ Viele Freiwillige ziehen nun ihre Arzthandschuhe aus, um den Flüchtlingen als Gleichgestellte zu begegnen. Ich reihe mich in die Reihe der pakistanischen Männer ein, die auf dem matschigen Hof mit einem Fußball Volleyball spielen.


„Vielleicht kommen sie mitten in der Nacht wieder“

Wir werden jäh unterbrochen, als alle pakistanischen Camp–Bewohner auf dem Hauptplatz zusammengerufen werden. Raoul, der mit Katie das Freiwilligen-Team von „Better Days for Moria“ leitet, erläutert die aktuelle Lage. „Wir haben von der griechischen Regierung die Anweisungen erhalten, friedlich 150 pakistanische Bürger in das Zwischenlager der Polizei zu begleiten. Alles bleibt friedlich, solange ihr den Freiwilligen folgt. Wir bitten also die ersten 150 Menschen jetzt umgehend ihre Sachen zu holen und sich innerhalb von zehn Minuten wieder hier zu sammeln, damit die freiwilligen Helfer sie aus dem Zeltlager in das Moria Hauptlager eskortieren können.“

Ungläubigkeit macht sich breit, einzelne verzweifeln, andere lächeln. Für sie ist es ein ersehnter nächster Schritt auf einer langen Reise. Noch wissen sie nicht, dass ihr Asylantrag mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt wird. „Die griechische Regierung sieht die meisten Pakistanis als Wirtschaftsflüchtlinge an“, erklärt ein Vertreter des UNHCR. Für pakistanische Asylbewerber, die nicht wie Ahmed eine politische oder religiöse Verfolgung nachweisen können, sieht es deshalb so aus als würde die Hoffnung auf ein Leben in der EU mit dem heutigen Tag enden.

Mit den anderen Freiwilligen begleite ich die Gruppe von unserem Camp in Polizeigewahrsam. Viele schütteln mir die Hand, wir lächeln uns zu. Die Händedrücke werden immer fester, umso näher wir an den Polizei Checkpoint kommen, ein junger Mann umarmt mich. Hinter breiten Fliegerbrillen bleiben die Reaktionen der Polizisten auf solche Szenen verborgen, doch ihre Kampfausrüstung und die Plexiglasschilder verheißen nichts Gutes. Die Stimmung ist angespannt, als sich die erste Gruppe in Bewegung setzt. Wir zählen 88 Pakistanis, die sich freiwillig in die Obhut der Behörden begeben haben.

Keiner von uns weiß zu diesem Zeitpunkt, ob das der Polizei reicht. Wenn sie die strikten Vorgaben aus Athen durchsetzen wollen, müssen sie effizienter sein. „Vielleicht kommen sie mitten in der Nacht wieder“, meint Katie. Das erkennen auch die verbleibenden pakistanischen Bewohner unserer Zeltstadt. In der Dämmerung erhalten wir per WhatsApp eine Nachricht vom Ältestenrat der Pakistanis. „Wir haben nach langer Diskussion entschieden, uns morgen als geschlossene Gruppe freiwillig zur Polizei zu begeben, um den Einsatz von Bereitschaftspolizei vermeiden. Wir tun das aus Respekt für die freiwilligen Helfer, denn wir wollen verhindern dass sie im Verlauf eines solchen Einsatzes zu schaden kommen.“ Die Polizei wird informiert und erklärt sich zu diesem Abkommen bereit. Es sind emotionale Szenen, als das erste Packen beginnt.


„Nach Pakistan kann ich nicht zurück“

Als wir mit vier Stunden Schlaf am Montagmorgen erwachen, gleicht das Zwischenlager der Polizei inzwischen einem Gefängnis. Hohe Betonmauern mit Stacheldraht verbergen das Leben der Flüchtlinge, die in den nächsten 24 Stunden per Fähre in die Hafenstadt Kavala auf dem griechischen Festland reisen sollen. Im Verlauf des Tages schließt die Regierung alle Nichtregierungsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“, „I am You“ und „Lighthouse Foundation“ aus dem Inneren des Lagers aus.

Als die Proteste des Uno–Flüchtlingshilfswerks UNHCR ignoriert werden, entschließt sich die Leitung der Mission, den Busservice zwischen dem Lager und den Stränden einzustellen, um gegen die Maßnahmen der griechischen Regierung zu protestieren.

Trotzdem haben im Morgengrauen die ersten Schiffe die Insel verlassen, doch anstatt des angekündigten Zielorts Kavala nahe Thessaloniki berichten mir Hafenarbeiter, dass die Fähren nach Athen gefahren sein. Diese Information macht viele Campbewohner unruhig. Eine angespannte Stimmung herrscht im Camp. Unsere Charging-Station, die Ladestation für Handybesitzer, ist überfüllt. Reisetaschen sind das meistgefragte Objekt in der Kleiderausteilung. „Geben wir den Menschen, was sie brauchen. Ab morgen können wir ihnen nicht mehr helfen“, instruiert uns die Campleitung per Walkie-Talkie. Ich laufe durch das Zeltlager und verteile Einweg-Rasierer.

Inmitten der Aufbruchsstimmung steht Ramon mit verschränkten Armen auf dem Innenplatz des Zeltlagers und raucht eine Zigarette. Er hat die Zelte des „Olive Grove Camps“ im November 2015 mit eigenen Händen aufgebaut. „Ich war 15 Jahre bei der Armee, dann habe ich Festivals in Holland organisiert. Das kam mir beides zugute, als wir hier die ersten Zelte anlegten“, sagt der drahtige Niederländer durch seinen Vollbart. Auch für ihn kam die Ankündigung, die Insel innerhalb von 24 Stunden zu räumen, vollkommen unerwartet. „Irgendwann musste so etwas passieren. Das Beste, was wir jetzt tun können, ist Panik zu vermeiden und die Leute so gut auszurüsten wie möglich.“

Auf einer Bank am Rande des Zeltlagers sitzt ein junger Mann und trinkt seinen gesüßten Zimt-Tee, während er mit der anderen Hand an seinen ausgetretenen Turnschuhen pult. Ich setze mich zu ihm. Zeeshan ist bereits seit drei Wochen hier. „Ich habe Angst, was jetzt passiert. Nach Pakistan kann ich nicht zurück.“ Ich frage ihn nicht nach dem Grund seiner Flucht, der Jugendliche mit dem Real Madrid Trikot ist den Tränen nahe. Ich schwenke auf Fußball um. „Real Madrid hat gestern Sevilla weggeputzt.“

Er lacht und erzählt mir, dass er den Fußball, den die großen Männer im Camp zum Volleyball spielen nutzen, viel lieber zum Fußballspielen nutzen würde. Als er seinen Tee ausgetrunken hat, wird seine Miene wieder bleiern. Er fügt mich noch kurz per Smartphone auf Facebook hinzu, bevor er aufspringt und zu seinem Zelt geht. Aristoteles, einer der ersten Ruhelosen, die es auf die Insel Lesbos verschlug, schrieb einmal Hoffnung sei Träumen mit offenen Augen. Für viele dieser Männer ist der Blick in die Zukunft ein Albtraum.

Paul Ostwald, zwischen Köln und Nairobi aufgewachsen, studiert Philosophie, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft in Oxford und schreibt von dort als Kolumnist für Orange, das junge Wirtschaftsportal des Handelsblatts. Auf freiwilliger Basis unterstützt er derzeit auf der Insel Lesbos die Hilfsorganisation „Better Days for Moria“ und wurde vor Ort vom EU-Türkei-Abkommen überrascht. In einem Online-Tagebuch schildert er seine Eindrücke von der Insel. Der Kontakt zu ihm ist schwierig, da die verzweifelte Lage der Flüchtlinge zu einer Überlastung der Telefonnetze führt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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