Flüchtlingskrise: Libyen vertreibt die Seenotretter

Flüchtlingskrise: Libyen vertreibt die Seenotretter

, aktualisiert 15. August 2017, 12:36 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Libyen geht mit harter Hand gegen Flüchtlinge und private Seenotretter im Mittelmeer vor. Die Zahl der Migranten, die nach Europa aufbrechen, sinkt. Doch die Unterbringungen in libyschen Lagern lösen das Problem nicht.

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Ein libyscher Offizier spricht am in Tripolis zu Flüchtlingen, die von der Küstenwache gerettet wurden. Ihre Zukunft ist ungewiss: UNO-Organisationen berichten von katastrophalen Verhältnissen in den lybischen Auffanglagern.

Berlin/Passau/RomDas harte Vorgehen der libyschen Behörden gegen Flüchtlinge und private Seenotnetter im zentralen Mittelmeer wird nach Ansicht von Sea-Eye-Sprecher Hans-Peter Buschheuer dazu führen, dass weniger Menschen flüchten und ertrinken. Der Sprecher der Hilfsorganisation sagte der „Passauer Neuen Presse“: „Es wird jetzt erfolgreich verhindert, dass die Menschen aufs Wasser gehen und die Flucht wagen. Das bedeutet natürlich auch, dass weniger Menschen ertrinken.“ Gleichwohl sei das libysche Vorgehen ein klarer Rechtsbruch.

Am Wochenende hatten Hilfsorganisationen wie Sea Eye, Ärzte ohne Grenzen und Save the Children angekündigt, sich vorläufig aus dem Rettungsgebiet vor Libyen zurückzuziehen. Als Grund nannten sie Drohungen und die Ankündigung aus Libyen, die eigene Such- und Rettungszone auf internationale Gewässer auszuweiten.

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Die libysche Küstenwache zeigt seit einiger Zeit deutlich stärker Präsenz im Mittelmeer – vermutlich auch auf Druck aus Rom und Brüssel hin. Das habe Schmuggler in dem Bürgerkriegsland im Juli davon abgeschreckt, Migranten auf Boote in Richtung Europa zu setzen, erklärte die EU-Grenzschutzagentur Frontex am Montag.

Buschheuer gibt zu bedenken, dass die Flüchtlinge nun weiterhin in libyschen Lagern bleiben müssten – „sämtliche UNO-Organisationen und auch die humanitären Organisationen dort im Einsatz berichten von katastrophalen Verhältnissen“, sagte er der Zeitung.

Auch Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) zeigte sich besorgt über die Entwicklung. „Wer schützt diese Menschen dort? Wer bekämpft die gewalttätigen und verbrecherischen Milizen, die heute jeden Tag in den Flüchtlingslagern die Menschen schinden?“, fragte er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Europa müsse bereit sein, sich solchen Fragen zu stellen. „Davon sind wir noch weit entfernt. Wir waren immer ganz froh, wenn die Amerikaner die militärischen Aufgaben übernommen haben. Wenn das schief ging, konnten wir wenigstens einen Schuldigen benennen.“

Jürgen Trittin von den Grünen sprach von einem „Gipfel des Zynismus“. „Erst haben Frankreich und Großbritannien Libyen zu einem „failed state“ bombardiert. Nun schießt die von der EU ausgebildete und zeitweilig finanzierte sogenannte libysche Küstenwache auf Seenotretter“, sagte Trittin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Mit einer Flüchtlingsabwehr durch bezahlte Söldner wird die Zahl unschuldiger Menschen weiter steigen, die im Mittelmeer jämmerlich ersaufen“, sagte er voraus.

Der FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff forderte die Bundesregierung dazu auf, sich mit europäischen Partnern aktiv für eine Stabilisierung der Lage in Libyen einzusetzen. „Teil der Lösung können zum Beispiel auch humanitäre Flüchtlingsunterkünfte sein. Dafür brauchen wir aber dringend eine diplomatische Offensive“, sagte der stellvertretende Präsident des Europaparlaments der „Heilbronner Stimme“.


Plötzlich ist alles anders

Die Situation auf dem Mittelmeer hat sich innerhalb weniger Tage drastisch verändert. Die „Aquarius“ von der Organisation SOS Méditerranée ist eines der wenigen Schiffe, die weiterhin in den internationalen Gewässern vor dem Bürgerkriegsland kreuzen, um Menschen in Seenot zur Hilfe zu kommen. Wer die Retter sind, was sie motiviert und bewegt:

Holger Mack: „Die Arbeit auf der Aquarius unterscheidet sich von allem, was man zuvor gemacht hat. Niemand hat vorher mit so einer Menge von völlig verzweifelten Menschen zu tun gehabt, die zum Teil auch gesundheitlich so angeschlagen sind, die solche Horrorerlebnisse hinter sich haben und das in dieser großen Zahl. Für mich ist am bewegendsten, wenn man mit den Geretteten ins Gespräch kommt, die individuelle Geschichte hört und das Ganze dann in Zusammenhang damit setzt, was man selbst für ein behütetes und geregeltes Leben hat.

Hier bekommt man mit, wie die Menschen im Detention Camp gelebt haben, wie der Horrorweg durch die Sahara war, was für ein Leben sie in Libyen führten. Wir erfahren die Hoffnungslosigkeit, aus der heraus sich die Menschen zum Teil sogar wissentlich auf diese hochgefährliche Reise mit den Booten begeben und ein großes Risiko eingehen, dabei ihr Leben zu verlieren.“

Stéphane Broc'h: „Ich bin Taucher, spezialisiert darauf, Menschen zu retten. Jeder Tag ist ein neuer Tag an Bord. Leben retten, den Menschen Trost geben, gleichzeitig physisch und im Kopf fit und wach zu sein, um diese Arbeit zu machen, ist eine wahre Herausforderung. Ich habe immer ziemlich fordernde Jobs gemacht, von daher bin ich in gewisser Weise gewöhnt daran. Aber wenn du ein Neugeborenes von einem Boot runterholst, ist das hart. Es ist hart und gleichzeitig macht es mich glücklich, das tun zu können.“

Alain Theo Fredonic: „Als ich hörte, wie viele Menschen im Meer ertrinken, konnte ich meinen Job als Seemann nicht weitermachen. Ich habe das Wissen, auf das es bei dieser Mission ankommt. Einen Moment werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen: Es war nachts, wir hatten zwei Meter hohe Wellen und mussten Menschen von einem anderen auf unser Schiff holen. Es war wie in einem Horrorfilm. Dann hast du ein Baby im Arm und weißt nicht, was du machen sollst, also habe ich ihm ein Lied gesungen, es war total absurd. Das Baby war neun Tage alt.

Es geht hier um die Gesichter der Menschen. Was du in den Augen der Menschen lesen kannst oder was sie während der Rettung fühlen, ist etwas komplett anderes, als wenn wir sie an Bord haben. Hier werden sie wieder zu Menschen mit Würde, und dann, wenn wir Europa erreichen, verändern sich die Gesichter wieder. Das ist so seltsam. An Bord muss ich funktionieren. Wenn ich aber zurück nach Hause komme, brauche ich freie Tage, sehe wenige Menschen und dann muss ich zurück auf See, aber anders, ich gehe fischen oder segeln. Aufs Meer hinauszublicken in einem schöneren Kontext ist meine Strategie, um mit diesen Erlebnissen klarzukommen.“

Anton Shakouri: „Nach dem Unglück am 3. Oktober 2013 war ich auf dem Mittelmeer segeln und habe Rettungswesten gefunden. Seitdem beschäftige ich mich mit dem Thema. Die erste Begegnung mit einem Flüchtlingsboot hat mich sehr gepackt und danach vieles für mich verändert. Ich habe mir über meine Lebensweise Gedanken gemacht, ich habe mich gefragt, ob sie Migration fördert oder ob es den Menschen dadurch besser geht. Vorher habe ich viel an mich selbst gedacht, heute sehe ich das globale Problem.

Bislang hatte ich Glück, nach jedem extremen Fall wieder gute Momente zu haben. Es sind keine schönen Bilder, Tote zu bergen oder extrem Verletzte oder Menschen die unterernährt sind. Aber ich war auch zweimal an Bord, als Kinder geboren wurden.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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