Flüchtlingslager in Frankreich: Das Ende des Dschungels

Flüchtlingslager in Frankreich: Das Ende des Dschungels

, aktualisiert 26. September 2016, 09:41 Uhr
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Das Flüchtlingslager in Calais soll geräumt werden. Frankreich will das ohne Gewalt und Widerstand schaffen.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Zelte, Hütten und Container am Ärmelkanal, mitten in Europa: Nun soll der Dschungel von Calais endgültig geräumt werden. Dort kämpft der Chef der französischen Flüchtlingsbehörde kämpft um das Vertrauen der Geflüchteten.

Calais36 Augenpaare fixieren den hochgewachsenen Franzosen mit Anzug und Krawatte, der aus Paris in die einfache Holzhütte gekommen ist. Sie steht mitten im „Dschungel“ von Calais, dem Lager aus Zelten, Hütten und Containern am Ärmelkanal, zwischen Autobahn und Industriegebiet. Gerammelt voll ist der niedrige Bau. Drei Dutzend Sudanesen hören hoch konzentriert Pascal Brice zu, dem Mann, der über ihr Schicksal entscheidet. „Calais is over. Sie haben hier keine Perspektive mehr“, versucht er jeden Zweifel auszuräumen. Die Regierung will das Lager räumen.

Brice leitet die französische Flüchtlingsbehörde OFPRA. In den nächsten Wochen hat er das 10.000-Mann-Problem zu lösen: Mitte oder Ende Oktober soll der Dschungel gerodet werden. Aber möglichst ohne Gewalt, ohne empörende Bilder von Polizisten, die mit Tränengas und Schlagstöcken gegen traumatisierte Menschen vorgehen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind. Und vor allem: Ohne dass Tausende in die völlige Illegalität untertauchen. Ein Ding der Unmöglichkeit? „Ich bin optimistisch“, versichert Brice. Er will die Flüchtlinge auf seine Seite ziehen. Genau wie die NGOs, die seit Jahren in Calais arbeiten. Aber Regierung und NGOs waren in der Vergangenheit meist Gegner

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Brice redet mit den 36 Sudanesen auf Augenhöhe: „Ich danke Ihnen, dass Sie zu diesem Treffen gekommen sind.“ Er wisse, was die Flüchtlinge durchgemacht haben, „vor allem in Libyen. Für die Strapazen, die Sie auf sich genommen haben, habe ich großen Respekt.“ Frankreich wolle sie schützen, deshalb sollten sie die illegale Einreise nach England vergessen und in Frankreich Asyl beantragen. Brice will etwas erreichen, was in unserem Nachbarland alles andere als populär ist: Eine möglichst große Zahl der Dschungelbewohner soll in Frankreich bleiben und in eine staatliche Unterkunft übersiedeln.

Brice hat nur wenige Minuten, um das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, die gelernt haben, permanent auf der Hut zu sein – und niemandem mehr zu vertrauen. Bestimmt nicht einem Vertreter des Staates, der sie vielleicht in einen Flieger setzt und nach Italien zurückschickt. Die Sudanesen in der Hütte reagieren sehr unterschiedlich. Viele Augen drücken aus, dass sie Brice glauben wollen. Der Dschungel hat sie zermürbt, eine Überfahrt nach England ist praktisch nur noch mit Hilfe von Schleppern möglich, die viele Tausend Euro verlangen. Mehrere Männer schreiben Wort für Wort mit, was der syrische Übersetzer – ein seit kurzem anerkannter Flüchtling – dolmetscht. Anderen sieht man ihre Zweifel an, und einige wenige scheinen zu denken: Du kannst mir viel erzählen!

Jeder, der für Brice‘ Vorschlag offen ist, will seinen persönlichen Fall vortragen. Dafür fehlt die Zeit. Doch der Chef gibt seinen Mitarbeitern detaillierte Anweisungen, sich zu kümmern. Jeder Sudanese, Afghane oder Eritreer, der bereit ist, in einen der täglich zu den Erstaufnahme-Einrichtungen verkehrenden Busse zu steigen, ist ein Erfolg für ihn und eine Niederlage für die Schlepper.

Pascal Brice leitet seit Ende 2012 das „Französische Amt für Flüchtlinge und Staatenlose“, OFPRA. Der 50-jährige Diplomat wäre um ein Haar außenpolitischer Berater von Präsident François Hollande geworden, den er in der Wahlkampagne unterstützte. Doch dann wurde nichts aus dem prestigeträchtigen Job in den vergoldeten Räumen des Elysée-Palastes. Brice, der viel Erfahrung in Europa und mit dem deutsch-französischen Verhältnis hat, beriet erst den Finanzminister. Dann bat ihn sein alter Freund Manuel Valls, der inzwischen Premier ist, einen Job völlig ohne Blattgold anzutreten: die Leitung des OFPRA.

„Die Schließung des Lagers von Calais gehörte 2012 nicht zu meinem Briefing“, sagt Brice im Gespräch und lacht bitter: „Damals fürchteten viele, die Zahl der in Calais Gestrandeten könne auf 1500 anwachsen, heute sind es mindestens 9000.“ Andere sprechen von 10.000 oder mehr.


Die gefährliche Überfahrt

Calais ist bis in den Irak bekannt als Tor nach England. Dort darf man im Unterschied zu Deutschland und Frankreich schon arbeiten, wenn man den Asylantrag stellt. Im Traum der Menschen, die aus dem Irak, Afghanistan, Sudan, Eritrea und Äthiopien aufgebrochen sind, ist die Hafenstadt das vorletzte Ziel einer gefährlichen Reise. Doch meterhohe, doppelt gestaffelte Zäune mit S-Draht an Fährhafen, Ringautobahn und Kanaltunnel machen Calais für die meisten zur Endstation. Im Hafen lassen Scanner und Geräte, die CO2 und Herztöne erkennen, die meisten derjenigen auffliegen lassen, die es in einen Sattelschlepper oder Container geschafft haben.

Trotzdem versuchen sie es wieder und wieder, so gut wie jede Nacht. Wer keine 2000 bis 13.000 Euro für die unterschiedlich komfortablen Services der Schlepper hat, zieht auf eigene Faust los. Manche sterben dabei: Weil sie beim Versuch, von einer Brücke auf einen Laster zu springen, überrollt werden, in voller Fahrt aus dem Fahrgestell der langen Schlepper fallen oder in Kühlcontainern erfrieren.

„Gestern war meine Frau schon drauf, aber ich habe es mit den Kindern nicht geschafft“, sagt Mohammed Abdallah S., ein früherer Armeeoffizier aus Afghanistan. Sie steigen in der Nähe der Autobahnauffahrt gerade aus einem Auto mit französischem Kennzeichen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass es einem Fluchthelfer gehört. „Acht andere sind auf den Laster gekommen.“ Seine selbstbewusste Frau und er sehen gepflegt aus. „Wir wollen ein sicheres Leben, das ist alles“, sagt sie. Genau wie er drückt sie sich präzise in flüssigem Englisch aus.

Nach England wollen sie, weil dort seine Mutter lebt. Aus Afghanistan seien sie weg, weil „nachts die Taliban gekommen sind und damit gedroht haben, meinen beiden Kindern und meiner Frau die Kehle durchzuschneiden“, begründet Mohammed die Flucht. 22 Tage haben sie gebraucht, via Iran, Türkei, über das Meer nach Griechenland und dann über die Balkanroute nach Deutschland und schließlich: Calais. Nun leben sie seit acht Monaten im Lager. „Ich hoffe, dass wir es in spätestens drei Monaten nach England geschafft haben.“, sagt Mohammed knapp und sachlich, als ginge es nicht um sein Leben, sondern um einen militärischen Auftrag.   

Männer wie er sind es, die Brice‘ Aufgabe zu einem Himmelfahrtskommando machen. Bleiben viele Flüchtlinge wie Mohammed bei ihrem Plan, England anzusteuern, wird Brice scheitern. Er muss die große Mehrheit der Flüchtlinge davon überzeugen, England zu vergessen, in eines der französischen Aufnahmelager zu wechseln und Asyl zu beantragen. Sonst werden nur neue Elendslager in Calais an die Stelle des Dschungels treten. So, wie es früher war, als die Schutzlosen in Fabrikruinen und Gebüsch Unterschlupf suchten.

Im heutigen Dschungel dagegen gibt es einige feste Holzhütten, Restaurants und Cafés, Geschäfte für den täglichen Bedarf, mehrere Moscheen und eine äthiopische Kirche, deren mit Teppichen ausgelegter, üppig mit Bildern geschmückter Raum eine überraschende Würde ausstrahlt. „Der Dschungel ist ein Alptraum“, sagen Flüchtlinge und NGO-Mitarbeiter unisono. „Aber gleichzeitig geben die Gruppen der Sudanesen, Afghanen, Kurden und Eritreer dem Einzelnen Halt, es gibt eine minimale Solidarität, Sprachunterricht, die Flüchtlinge fühlen sich nach traumatisierenden Erlebnissen in Libyen und auf dem Mittelmeer zum ersten Mal aufgenommen“, analysiert Nathalie Boidin von „L’auberge des migrants“ die widersprüchliche Lage der Menschen hier. Die Auberge ist eine der größten NGOs in Calais, sie versorgt die Migranten mit Essen, Kleidung und Brennholz.  

Doch mit dem offen abfließenden Unrat, den vielen notdürftigen Zelten und den immer wieder aufflammenden Gewalttätigkeiten bleibt Calais ein Schandfleck für Frankreich und Europa. Nun soll er von der Bildfläche verschwinden. Das ist nicht nur ein humanitäres Anliegen, sondern im beginnenden französischen Wahlkampf auch eine entscheidende politische Aufgabe. Calais ist zentrales Wahlkampfthema. Hollande will beweisen, dass er das Problem Calais lösen kann – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy.


An der Grenze des Erlaubten

Der scheiterte daran, greift aber heute die sozialistische Regierung an, weil sie „kapituliert“ habe. Im Angriff war Sarkozy immer schon stark, in der praktischen Politik weniger. Er hat den „Vertrag von Le Touquet“ mit der britischen Regierung abgeschlossen. Der macht es zur Aufgabe der Franzosen, dass kein Flüchtling aus Nordfrankreich über den Kanal kommt. Das ist so, als würde die Bundesregierung sich gegenüber Dänemark verpflichten, alle Migranten an der Grenze zu stoppen. 

Durch Überzeugung will Pascal Brice zum Ziel kommen. „Als ich 2014 zum ersten Mal mit den Flüchtlingen gesprochen habe, kam ich mir vor wie ein Prediger in der Wüste“, berichtet er. Vor zwei Jahren, als es in Calais nur mehrere wilde Lager mit schlimmsten hygienischen Bedingungen gab, traf man niemanden, der in Frankreich um Asyl bitten wollte. Heute sind es Tausende: 4200 haben bei der Unterpräfektur in Calais, 2800 in anderen staatlichen Einrichtungen im Land den Antrag gestellt.

Mehrmals im Monat fuhr und fährt der OFPRA-Chef in den Dschungel, um den Verzweifelten seinen Schutz anzubieten. Mit großer Beharrlichkeit – und der Unterstützung des Innenministers Bernard Cazeneuve – hat der zähe Franzose das Blatt gewendet.

Nach den Sudanesen trifft er knapp 40 Afghanen. Seine Botschaft wiederholt sich: „Hier gibt es keine Lösung für Euch, die Briten haben entschieden, euch nicht aufzunehmen.“ Die französische Regierung aber wolle sie „in Würde aufnehmen.“ Er biete ihnen an, mit dem Bus in eine Unterkunft zu fahren, dort würden sie beraten und könnten Asyl beantragen. „Dann wird Eure individuelle Situation geprüft.“

Brice geht bis an die Grenze dessen, was er sich erlauben kann. Viele der Afghanen haben schon in Griechenland oder Bulgarien ihre Fingerabdrücke abgegeben. Sie sind „dublinisiert“, wie es nach der EU-Vereinbarung von Dublin heißt. Frankreich kann sie theoretisch ausfliegen. Doch dann wären sie in ein paar Wochen wieder hier.

Die Afghanen sind lebhafter als die Sudanesen. Einer will wissen, was mit denen wird, die bereits in einem anderen Land registriert wurden. Brice kann weder Einzelfälle lösen noch eine allgemeine Garantie abgeben, aber er wagt sich weit vor: „Wer aktuell hier ist, für den gibt es eine Lösung, doch ihr müsst euren Brüdern sagen, dass sie nicht mehr nach Calais kommen: Calais ist zu Ende.“ Wer „morgen noch kommt, für den gibt es keinen Platz mehr.“ Spitzfindig fragt ein Afghane, wie die Behörden denn feststellen wollten, ob jemand erst später ankomme. Brice lässt sich nicht foppen: „We know.“ Und wer von der Polizei bei einem Gewaltakt aufgegriffen werde, wer die illegale Überfahrt versuche, für den könne er nichts tun, sagt Brice mit einer gewissen Härte. Dann fällt das Schlüsselwort: „Habt Vertrauen!“

Einen sehr großen Teil der Lagerbewohner erreicht Brice mit seiner Mischung aus Festigkeit und Hilfsangebot. Vor der Hütte zeigt der junge Afghane Sharif Miakhail stolz ein Schreiben mit dem Termin für das „Interview“, das Gespräch über seinen Asylantrag.


Der Dschungel wird zum Symbol

Die Flüchtlingsbehörde wird zum Opfer des eigenen Erfolgs und der trägen Verwaltung im Land: Es gibt plötzlich nicht genügend Plätze in Aufnahmeeinrichtungen und Bussen. „Ich weiß, das ist enttäuschend, aber bitte habt Geduld, es wird besser“, beruhigt Brice die Flüchtlinge.

Brice wäre nie so weit gekommen, wenn er sich nicht um Bündnispartner vor Ort bemüht hätte. Die NGOs stellten sich anfangs völlig gegen die Regierung, weil die nichts für die Migranten tat – getreu der Sarkozy-Doktrin, jede Hilfe mache Calais nur attraktiv und habe einen Magnet-Effekt. Brice hat mit der Unterstützung des Innenministers die Haltung der Regierung verändert. Heute bezahlt der Staat die Container-Unterkünfte und einen erheblichen Teil der Verpflegung – und trägt damit viel zum Budget mancher NGO bei. Vor allem aber hat der OFPRA-Chef den Migranten eine legale Perspektive gegeben: Unter seiner Regie hat sich die französische Quote der akzeptierten Asylbewerber von früher einmal neun Prozent auf weit über 20 gesteigert. Sudanesen werden zu 40 Prozent akzeptiert, Afghanen zu 80 Prozent und Eritreer praktisch alle.

Die NGOs honorieren das. „Ich muss sagen, dass Pascal in dieser Regierung der anständige und vertrauenswürdige Mann ist“, sagt Christian Salomé fast zähneknirschend in der großen Lagerhalle der „Auberge“. Der frühere Eurotunnel-Manager setzt sich heute für „L’auberge des migrants“ ein. Gewöhnlich lässt er kein gutes Haar an der französischen Politik: „Die Politiker wollen keine Lösung, sondern Bilder, Symbole: Wie die Mauer, die jetzt längs der Autobahn gebaut wird, damit niemand auf Lkw springt.“

Doch bei aller Härte der Kritik: Auch die NGOs wissen, dass der Dschungel eine Sackgasse ist. „Die Flüchtlinge werden aggressiver, stoppen mit Barrikaden nachts den Verkehr, das ist brandgefährlich und kann eine schlimme Reaktion der Bürger von Calais provozieren“, sieht Salomé. Pascal Brice hat den Kalten Krieg mit den NGOs beendet. Vor zwei Wochen kamen 15 NGO-Vertreter nach Paris, um mit dem Innenminister und Brice zu besprechen, wie der Dschungel aufgelöst werden könne. Doch noch beäugt man sich argwöhnisch. „Ich weiß, wem ich voll und wem ich nur zum Teil vertrauen kann“, stellt Brice fest. Die NGOs ihrerseits wollen nicht zu staatsnah werden – das wäre auch ihrem Image abträglich.

„Eigentlich haben doch alle dasselbe Ziel: Flüchtlinge, Bürger von Calais, NGOs, Regierung und Polizei: niemand will diesen Dschungel“, sagt Alan Vance, ein Nordire, der vor der Auberge-Halle Brennholz sägt. „Die Frage ist nur, wie man ihn beseitigen kann: nicht nur das Camp, sondern auch das Symbol in den Köpfen.“ Knapper als Vance kann man die schier unmögliche Aufgabe nicht auf den Punkt bringen.   

Quelle:  Handelsblatt Online
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