Frankreich versus Deutschland: Eine Geschichte über Liebe und Hass

Frankreich versus Deutschland: Eine Geschichte über Liebe und Hass

, aktualisiert 07. Juli 2016, 20:36 Uhr
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Wer jubelt besser? Angela Merkel war bei der WM 2014 ganz aus dem Häuschen, Hollande beim EM-Spiel gegen Island.

von Tanja KuchenbeckerQuelle:Handelsblatt Online

Die Franzosen zittern vor dem Angstgegner Deutschland – schließlich geht es ums das EM-Finale. Politisch sind beide Nationen befreundet, doch im bilateralen Match sind Hollande und Merkel trotzdem Rivalen.

ParisDie Franzosen zittern schon vor dem Halbfinale mit der deutschen Nationalelf in Marseille. Bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren unterlagen die Brasilianer haushoch 7:1 gegen die Deutschen. So ein hoher Sieg wurde nicht für möglich gehalten. Frankreich hatte schon im Viertelfinale gegen Deutschland 0:1 verloren. Das sorgt für Panik im französischen Lager. Dass Bastian Schweinsteiger doch wieder fit ist, lässt sie noch mehr zittern. Deutschland ist ganz klar ein Angstgegner. Les Bleus, die französische Nationalelf, wollen nun endlich mal Deutschland in einem entscheidenden Spiel schlagen.

Sie wollen an die legendäre Zeit von Zinedine Zidane und den Sieg bei der WM 1998 in Frankreich anknüpfen. „Wir müssen jetzt über uns hinauswachsen. Ich fühle, dass das Team dazu bereit ist“, sagte der Kapitän der Bleus, Hugo Lloris. Trainer Didier Deschamps ist überzeugt: „Wie sind in der Lage, für Gefahr zu sorgen.“

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Er hofft auf den Heimvorteil: „Die Zuschauer werden hinter uns stehen. Und das brauchen wir auch.“ Das erfolgreiche Viertelfinale gegen Island macht ihnen zudem noch mehr Mut. Doch Deutschland ist nicht Island, das wissen die Franzosen sehr gut. Dass einige deutsche Spieler, darunter Mario Gomez ausfallen, beruhigt sie ein wenig. „Jetzt kommt die beste Mannschaft der Welt, aber wir werden alles geben“, sagte Deschamps über die Deutschen.

Es ist das bisher heißeste Spiel der EM, fast wie ein vorgezogenes Finale. In Frankreich wird seit Tagen über nichts anderes geredet. Alle anderen Themen von Arbeitsrechtsreform bis zu Terrorismus sind in den Hintergrund gedrängt worden. Es ist die Revanche für das verlorene Spiel bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren. Rachedurst lässt sich überall bei Gesprächen mit Franzosen heraushören. Auf die Deutschen sind sie nicht gut zu sprechen. Die seien nicht besonders toll, aber gewinnen trotzdem immer. Niemand kann sich richtig erklären, warum. Muss wohl die deutsche Mentalität sein, ist hier in Frankreich öfter zu hören.

Auch die Sportzeitung „L´Equipe“ hat diesen „Rachedurst“ der französischen Fußballelf gegen die Deutschen ausgemacht und forderte auf der Titelseite endlich die Revanche. „Seit zwei Jahren spukt diese Niederlage, die alle Träume zerstörte, in den Köpfen der Spieler herum“, heißt es. Die Franzosen sind der Überzeugung, dass es diesmal klappen könnte. Denn die französische Mannschaft ist viel stärker geworden. Damals weinte Antoine Griezmann, heute ist der schmächtige Stürmer ein Weltstar. Seine Tränen von damals sind großes Thema in Frankreich. Die Franzosen hoffen darauf, dass es diesmal Freudentränen werden. Es bleibt aber die Angst vor Manuel Neuer, die viele der Franzosen haben. Er gilt hier in Frankreich als einer der besten Torwarte der Welt.

Trotzdem ist in Frankreich Selbstbewusstsein angesagt. Die „Grande Nation“, wie Frankreich gern in Deutschland genannt wird, will sich beweisen. „Jetzt glauben wir daran. Wir haben keine Angst vor Deutschland“, titelte die Tageszeitung „Le Parisien“. Und L´Equipe hatte Antoine Griezmann auf der Titelseite und schrieb: „Sie haben Angst vor ihm.“ Das Nachrichtenmagazin „Le Point“ glaubt sogar, dass die Deutschen Angst vor den Franzosen allgemein haben. Von einem Fluch gegen Deutschland wollen die Franzosen nichts wissen, auch wenn die deutsche Bilanz überwältigend ist. Das sei Vergangenheit, meint Lloris. Die Motivation ist in Frankreich enorm hoch, merkt man überall. Seit 1998 hält sich Frankreich für eine große Fußballnation und will das mal wieder unter Beweis stellen.


Frankreich braucht den Sieg mehr als Deutschland

Bei der Rivalität geht es aber nicht nur um Fußball, sondern im Hintergrund auch um das deutsch-französische Verhältnis. „Das ist eine Geschichte über Liebe und Hass, ewige Rache und einem Epos, das zur Tragödie führen kann“, schrieb die Tagezeitung „Le Figaro“. Auch Außenminister Jean-Marc Ayrault sieht hinter dem Fußballspiel mehr als nur Fußball. Für den ehemaligen Deutschlehrer, der Deutschland liebt, ist das Treffen „voller Symbole und Emotionen“ für das deutsch-französische Paar.

Obwohl von beiden Seiten immer die deutsch-französische Freundschaft hochgehalten wird, geht es auch in der Politik immer um einen Konkurrenzkampf. In den vergangenen Monaten sah es so aus, als ob Deutschland ganz die Führung übernommen hätte. In der Flüchtlingskrise preschte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, Frankreichs Präsident François Hollande konnte sich nur anpassen, während seine Beliebtheitswerte immer weiter in den Keller fielen. Das Fußballspiel Frankreich-Deutschland ist auch ein wenig wie ein Match Hollande-Merkel. „Die Freundschaft verhindert nicht die Rivalität“, schreibt „Le Parisien“ und hat eine Liste aufgestellt, wer in welchen Bereichen besser ist, außer bei der Produktivität und den Autos überall Frankreich, bei Mode, Essen und Wissenschaft.

Wirtschaftlich hinkt Frankreich allerdings schon seit langem hinter Deutschland hinterher. Die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von rund zehn Prozent fast doppelt so hoch wie in Deutschland und Hollande konnte die Arbeitslosigkeit nicht eindämmen. Seit Monaten bastelt Frankreich an einer Arbeitsrechtsreform, es kam zu sozialen Unruhen, ständig protestierten Massen auf den Straßen. Streiks bei der Bahn und im Flugverkehr sorgten mitten bei der Fußball-EM für Chaos. Und es herrschte Terrorangst.

In deutschen Medien wurde die chaotische Organisation in Frankreich während der EM kritisiert und bezogen auf Sicherheitsmaßnahmen gab es auch Zweifel, als es zu brutalen Zwischenfällen von Hooligans in Frankreich kam. Frankreichs Presse dagegen wundert sich darüber, dass Merkel zu dem Spiel nicht kommen will. „Europe 1“ schreibt: „Nach dem Brexit müsste sich das deutsch-französische Paar eigentlich stark zeigen.“

Frankreich braucht den Sieg mehr als Deutschland, um in einer Zeit sozialer Unruhen, Terrorangst und wirtschaftlicher Probleme wieder zu glänzen. Ein Sieg der Franzosen wäre ein besonderer Triumph gegenüber dem starken Gegner und Rivalen Deutschland. Damit wäre die Fußball-EM in Frankreich ein voller Erfolg, egal wie der Sieger im Finale wird. Es ist die Chance Geschichte zu schreiben – und nicht nur Fußballgeschichte.

Quelle:  Handelsblatt Online
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