Freytags-Frage: Wie ist er denn nun, der afrikanische Mann?

kolumneFreytags-Frage: Wie ist er denn nun, der afrikanische Mann?

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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU).

Kolumne von Andreas Freytag

Manch einer in Deutschland denkt noch immer, Afrika sei ein riesiges Land. Diese Stereotype über den Kontinent sind nicht nur unbedacht, sie haben auch wirtschaftliche Auswirkungen, die wir uns nicht leisten können.

In der vergangenen Woche gab es einen kleinen Aufreger in der deutschen Politik. Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, erzählte einen Witz über afrikanische Männer, was in einer Satiresendung ausgestrahlt wurde. Sofort wurde er des Rassismus bezichtigt. Die Aufregung war etwas künstlich, denn der Minister zitierte eine anerkannte Studie und wies auf weithin bekannte Verhaltensmuster in Entwicklungsländern (und nicht nur dort) hin. Über Geschmack kann man natürlich streiten. Denn der Scherz war in der Tat nicht gelungen. Der Minister hat sich entschuldigt, die Aufregung hat sich dann auch schnell gelegt.

Wesentlich beunruhigender als das fehlende Gespür für politische Korrektheit ist allerdings der Umstand, dass der für die Zusammenarbeit mit Afrika hauptverantwortliche Minister von „dem afrikanischen Mann“ spricht. Dahinter verbirgt sich ein tiefsitzendes Unverständnis für die Vielfalt und Unterschiede auf dem afrikanischen Kontinent. Afrika besteht aus 54 Staaten nördlich und südlich der Sahara, in denen knapp 2.000 Sprachen gesprochen werden. Es gibt eine enorme kulturelle und ethnische Vielfalt, die in der Tat sehr komplex und schwer zu durchdringen ist. Auch sind die sog. Governance-Strukturen, unter anderem die Routinen zur kollektiven Entscheidungsfindung, sehr unterschiedlich und dabei sehr komplex. Das macht den Umgang mit dem Kontinent nicht leicht.

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Dieser Komplexität zum Trotz ist gerade das Afrikabild in Deutschland, aber auch anderswo sehr undifferenziert. Dies ist nicht nur unprofessionell, sondern schädlich. Denn diese undifferenzierte Perspektive ist intellektuell anspruchslos, geradezu faul, und schafft Stereotypen (in diesem Fall: „Alle afrikanischen Männer sind faul!“). Solche Stereotypen sorgen dafür, dass die Bemühungen zur Entwicklungshilfe oft paternalistisch sind. Man glaubt dann oft in Europa, mit afrikanischen Partnern nicht auf Augenhöhe kommunizieren zu müssen. So kann Entwicklungszusammenarbeit nur scheitern.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: REUTERS

Die norwegische Studentenorganisation SAIH spießt diese Stereotypen in Zusammenarbeit mit südafrikanischen Studentinnen und Studenten mit sehr witzigen Videos auf und vergibt einen Preis für Videos von Hilfsorganisationen, die auf besonders penetrante Weise derartige Stereotypen bedienen (http://www.rustyradiator.com/). Ein Blick auf diese Videos zeigt eine fatale Ignoranz auch bei denjenigen Menschen, denen man unterstellen darf, dass sie eigentlich Gutes bewirken wollen.

Man darf sicherlich nicht erwarten, dass ein deutscher Politiker (oder Unternehmer oder Wissenschaftler) die Vielfalt Afrikas im Detail kennt und beherrscht; aber man darf erwarten, dass politische Entscheidungsträger im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, die ja vor allem eine wirtschaftliche Zusammenarbeit sein muss, differenziert argumentieren und auf Stereotypen verzichten.

Denn wenn man auf Stereotypen verzichtet, sieht man ein erhebliches Potential in vielen afrikanischen Ländern. Afrikaner sind nicht durchgängig arm und technologisch rückständig. Sie habe keinerlei Bedarf und Interesse, aus den Industrieländern bevormundet und zum Beispiel von deutschen Abiturienten in den Grundrechenarten angeleitet zu werden.

Stattdessen wollen und müssen die Menschen ernst genommen werden. Entwicklungszusammenarbeit ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung; so interpretiert dürfte sie das vom Minister in seiner kritisierten Rede angeprangerte Verhalten des Sich-Gehenlassens eher verstärken. Sie ist vielmehr nur erfolgreich, wenn es sich um eine Partnerschaft auf Augenhöhe handelt. Beide Seiten haben etwas zu gewinnen, wenn es Entwicklungszusammenarbeit gibt.

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Unser Afrikabild ist von Dschungelbuch und Kleiderspende geprägt, es herrschen viele Vorurteile und Verallgemeinerungen. Dadurch werden viele Chancen vernichtet, auch seitens vieler Unternehmen.

Allgegenwärtig ist in Kapstadt der Tafelberg. An der Waterfront der Metropole pulsiert das Nachtleben. Quelle: gms

Schaut man noch genauer hin, kann man technologische Weltspitze in einigen – sicherlich noch zu wenigen – Fällen erkennen, das Bildungsniveau steigt in vielen Ländern, und es bildet sich eine immer stärkere Mittelschicht heraus. Deutsche Hochschulen sind sehr engagiert in der Zusammenarbeit mit afrikanischen Universitäten. Daraus erwächst Vertrauen und gegenseitiges Lernen. Darüber hinaus, aber auch dadurch verstärkt, besteht in vielen afrikanischen Ländern eine hohe Nachfrage nach deutscher Technologie.

Hier liegen große Chancen, zumal Afrika trotz einiger Rückschläge in jüngster Zeit nach wie vor der am schnellsten wachsende Kontinent ist. Diese Chancen sind nicht einseitig verteilt: Für die Menschen Afrika bieten sie Entwicklungspotentiale, und für deutsche Unternehmen könnten in Afrika Zukunftsmärkte liegen.

Dazu bedarf es differenzierter Herangehensweisen sowie länder- bzw. regionenspezifischer Beratung, durchaus gefördert von Seiten der Politik. Denn es gibt den oder die Afrikaner genau so wenig, wie es den oder die Europäer gibt. Wer Afrika helfen und/oder dabei in Afrika Geschäfte machen will, muss erst einmal verstehen lernen, wie die jeweiligen Gesprächspartner denken. Eine Pauschalisierung hilft da wenig.

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