Freytags-Frage: Wie sollen wir mit dem Terror in Urlaubshochburgen umgehen?

ThemaNaher Osten

kolumneFreytags-Frage: Wie sollen wir mit dem Terror in Urlaubshochburgen umgehen?

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Beamte der Eliteeinheit GSG 9 der Bundespolizei.

Kolumne von Andreas Freytag

Leichen am Strand: In Tunesien sind 38 Menschen bei einem Terroranschlag gestorben. Das Land zu meiden, ist keine Lösung. Eine ökonomische Perspektive ist zwingend nötig.

Kurz vor den Sommerferien in den meisten Bundesländern gab es den grausamen Überfall eines jungen Mannes auf ein Ferienhotel in Tunesien, bei dem 38 Menschen ermordet wurden. Trotz des damit verbundenen Schocks ist ein solch barbarischer Akt nicht neu. Immer wieder gibt es solche Anschläge, man denke nur an den Anschlag in Luxor vor knapp 18 Jahren, als mit insgesamt 62 Opfern noch mehr Menschen umkamen.

Was sind die Beweggründe für den Terror. Es mag einzelne Täter geben, die verwirrt sind; so wahrscheinlich auch der Attentäter in Tunesien. Allerdings ist davon auszugehen, dass er ein Instrument einer Gruppe ist, die Terror als ein Instrument – also mit einer Ratio verbunden – einsetzt. Damit wird eine Betrachtung der Motive auch (aber keineswegs ausschließlich) aus ökonomischer Perspektive sinnvoll.

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Gerade die Ratio hinter Terroranschlägen auf Touristenzentren scheint recht klar zu sein. Durch ein Blutbad unter ausländischen Gästen kann eine Terrorgruppe zum einen das eigene Land destabilisieren. Denn die Morde werden sicherlich zu einem Einbruch der Tourismus-Erträge in Tunesien beitragen, zumindest eine Zeitlang. Arbeitsplätze fallen weg, und die Bevölkerung leidet. So kann ein politisches Ziel unter Umständen leichter zu erreichen sein. Zum anderen trifft es mit westlichen Besuchern ja gerade diejenigen, deren Lebensweise von Islamisten regelmäßig verteufelt wird.

Was ist zu tun? Um die richtige Antwort zu finden, ist ein Blick auf die möglichen Ursachen des Terrorismus hilfreich. Es gibt tatsächlich zahlreiche Untersuchungen zu den Ursachen von Terrorismus.

Wesentliche Treiber in nahezu allen Arbeiten sind der Bevölkerungsdruck, vor allem ein hoher Anteil junger Männer in der Bevölkerung, politische Instabilität, hohe (relativ zum BIP) Staatsausgaben, geringe Einkommen, nachdem ein bestimmtes Minimum überschritten wurde (es besteht offenbar ein negativ quadratischer Zusammenhang), religiöse Zersplitterung und religiöse Konflikte. Die Frage, ob Globalisierung als Bedrohung oder als Chance begriffen wird, kann nicht eindeutig beantwortet werden: In einigen Studien ist intensiver Außenhandel ein Treiber, in anderen eine Bremse für terroristische Attacken. Der Kolumnist hält die Aussage, dass Globalisierung Terrorismus beschränkt, für glaubwürdiger. Bildung spielt keine Rolle. Studien zum Effekt einer Spezialisierung auf Tourismus liegen nicht vor. Eindeutig ist, dass hohe Militärausgaben dem Terror abträglich sind.

Diese Studien sind makroökonomischer Natur, d.h. sie gelten nicht für jeden Einzelfall. Auch sind sie zumeist einige Jahre alt;  der neuartige Terror des IS und der Boko Haram Organisation werden durch sie nicht gedeckt. Deshalb ist eine politische Empfehlung aufgrund der empirischen Studien nur bedingt möglich.

Dennoch legen sie nahe, dass eine Verbesserung der Lebensumstände in den Herkunftsländern der Terroristen, die oft zugleich die Zielländer sind, die Zustimmung zu den Zielen von Terrorgruppen senkt sowie die Widerstandskraft der Wirtschaft ihnen gegenüber steigert. Im Aggregat gilt somit etwas vereinfacht, dass mehr Wohlstand zu einer Abnahme des Terrors beiträgt. Das heißt nicht, dass Einzelne nicht dennoch zu Terroristen werden. Aber wenn die Zustimmung zu Terrorgruppen sinkt, nehmen auch ihre Chancen ab, in der Bevölkerung Fuß zu fassen und Unterschlupf zu finden. In den europäischen Ländern, allen voran Irland, Italien und dem Baskenland, aber auch hierzulande, scheint dieser Zusammenhang eine Bestätigung zu finden.

Vor diesem Hintergrund kann man schlussfolgern, dass der natürliche Impuls, die betroffenen Länder zu isolieren und zu meiden, das Problem nicht löst. Kommen keine Touristen mehr oder werden die Grenzen für Menschen und Waren geschlossen, fällt es Terrorgruppen leichter, ihre Ziele zu erreichen, weil der Widerstand im Inland weiter zu bröckeln droht. Anders gewendet: Die offene Gesellschaft muss ihren Feinden mit offenem Visier entgegentreten; sonst gibt sie sich dauerhaft selber auf.

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Gefragt ist also eine Mischung aus wehrhafter Reaktion der Sicherheitskräfte im betroffenen Land (Stichwort Militärausgaben), ohne deshalb die Anwendung staatlicher Repressionen spürbar zu intensivieren, erhöhten Sicherheitskontrollen an Grenzübergängen sowie weiterhin offenen Märkten sowohl im betroffenen Land als auch in Drittländern. Gerade letzteres kann auch als Signal des Zusammenhalts der friedliebenden Nationen verstanden wissen.

Sicherlich muss Tunesien nun erst einmal eine Reduktion der Touristenströme aus Europa verkraften, denn kollektive Standhaftigkeit schließt natürlich nicht aus, dass viele Reisende das Land zunächst meiden. Die Erfahrung aber lehrt, dass nur wenige Monate nach dem Attentat die Touristen wiederkommen.

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