Front National: Die Partei von Nebenan

Front National: Die Partei von Nebenan

, aktualisiert 04. Februar 2017, 16:20 Uhr
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Die Chefin des Front National (FN), Marine Le Pen, versucht sich volksnah und weniger fremdenfeindlich zu geben.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

In Lyon feiert der Front National seinen Wahlkampfauftakt. Von Rassismus und dumpfer Anti-Migranten-Rhetorik ist nichts mehr zu hören. Stattdessen präsentiert sich die Partei als wählbare Alternative für normale Bürger.

LyonHauptstadt Galliens wird Lyon in Frankreich genannt, weil die Römer das alte Lugdunum, zu einer Wirtschafts- und Verkehrsmetropole ausbauten. Die frühere Seidenstadt ist heute eine der wohlhabendsten Städte Frankreichs, in der es einen gelungenen Strukturwandel von der Textil- und Chemieindustrie hin zu Biotechnologie und modernen Autozulieferern zu bewundern gibt.

Es ist kein Zufall, dass am Wochenende Marine Le Pens rechtspopulistische Front National (FN), die linksliberale Bewegung „En Marche“ von Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und die „Linksfront“ von Jean-Luc Mélenchon die eher konservative, katholische Metropole an Rhône und Saône als Kulisse für ihre Wahlkampfveranstaltungen wählen.

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Der FN stilisiert Lyon zum Symbol eines Frankreichs „das Widerstand leistet gegen fremde Mächte und dessen Herz und Seele von der Jungfrau Maria erhellt werden“, wie Le Pens Wahlkampfleiter David Rachline am Samstag in einer erstaunlich religiösen Eruption in das Amphitheater des Kongresszentrums ruft. Marine Le Pen sitzt in der ersten Reihe, ergreift aber nicht das Wort: Sie redet erst am Sonntagnachmittag zum Abschluss des Kongresses.

Für Macron ist Lyon ein Heimspiel: Der sozialistische Bürgermeister Gérard Collombe zählt zu seinen wichtigsten Unterstützern, hier lebt das optimistische, an die Zukunft glaubende und proeuropäische Frankreich, das der 39-Jährige verkörpern will. Schon durch die schiere Zahl der Teilnehmer seines Meetings in der Sportarena am anderen Ende der Stadt will er den FN in den Schatten stellen.
Die Rechtspopulisten bemühen sich im Kongresszentrum darum, sich von ihrer sympathischsten Seite zu zeigen. Nach Rachlines eher automatenhaft vorgetragener Rede kommt ein Mann zu Wort, der wie kein anderer den Wandel der Front von einer rechtsradikalen, rassistischen Bewegung zu einer Volkspartei symbolisieren soll: Jean Messiha, vor 46 Jahren als Hossam Messiha in Kairo geboren, mit acht Jahren nach Frankreich gekommen und in der Banlieue aufgewachsen. Nach einer schwierigen Kindheit hat er an Sciences Po und der Elite-Uni ENA studiert und im Generalstab der Armee gearbeitet.

Eigentlich verkörpert der Mann mit unverkennbar südländischem Aussehen alles, was Rechtspopulisten hassen: Zuwanderung und die „Kaste“, die abgehobene Elite der Edelbeamten, die den Staatsapparat unter sich aufteilen. Doch für Le Pen ist Messiha ein Juwel: Wer will angesichts dieses Mannes noch behaupten, die Front sei rassistisch oder prollig?


Le Pen hat Chancen, die Wahl zu gewinnen

Am Rednerpult rollt der „ENArque“, ein Wortspiel, zusammengesetzt aus den Kürzeln der Eliteuni ENA und Monarch, die Standardrhetorik des FN aus: Frankreich ist geknechtet, unmündig gehalten von „Papa NATO und Mama EU“, doch wenn Marine regiert, wird es wieder erwachsen. Die Zukunft ist ein Zurück in die gesunde Vergangenheit, „die Rückkehr in eine Welt, wie sie Jahrhunderte hindurch bestanden hat, mit einem Frankreich, das eine gestaltende Rolle spielt, in der es einen Pakt gab zwischen der Größe Frankreichs und der Freiheit der Welt.“ Ja, der FN wolle aus Euro, EU und Nato raus, sagt Messiha unumwunden, „das ist kein Spaziergang im Kurpark, aber es ist allemal besser, die Freiheit zu wählen, als beherrscht zu werden.“

Eine Hymne an Marine darf an dieser Stelle nicht fehlen: „Frankreich ist noch da, es ist schön und stark wie Sie, Madame Präsidentin.“ Auch wenn Armut und Elend groß seien derzeit, „die Glut ist noch da, das Feuer kann wieder auflodern“, entzückt sich der Elitebeamte. Macron, den derzeit wohl wichtigsten Gegenspieler des Front – der Konservative Fillon ist durch seinen Finanzskandal gelähmt – fertigt Messiha im Vorbeigehen als „Dorian Gray Frankreichs“ ab, der hinter seinem jugendlichen Aussehen „alte Rezepte der Globalisierung und der Wirtschaft, die über allem steht“, verberge.
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, dumpfe Anti-Migranten-Rhetorik, sie sind weit weg, wenn man dem Mann zuhört, der Marine Le Pens Wahlprogramm ausgearbeitet hat und auch darüber hinaus eine Schlüsselrolle spielt: Er organisiert einen Zirkel, in dem sich hohe Beamte mit Sympathie für den FN treffen. Nach ihm dürfen junge FN-Mitglieder auf die Bühne, alle gut aussehend, gestylt und eloquent.

Die Partei hat sich „dediabolisiert“, wörtlich: „entteufelt“, sie ist wählbar geworden für viele ganz normale Franzosen. In der Wandelhalle des Kongresszentrums treffen wir Ludovic, Sohn italienischer Einwanderer, der als Feuerwehrmann in Bordeaux arbeitet und erst seit einem Jahr in der Partei ist. Früher habe er die Linke und die Rechte ausprobiert und in der Gewerkschaft sei er auch gewesen, sagt er. In welcher? Er schaut sich kurz um: „Ich weiß nicht, ob ich das hier sagen soll – in der CGT.“ Das ist die Gewerkschaft, die den Kommunisten nahe steht. Für den FN hat er sich entschieden, weil die „den öffentlichen Dienst verteidigt gegen den ständigen Personalabbau, der unter Nicolas Sarkozy begonnen hat“.
Manches stört ihn noch an der Partei, als Sohn von Italienern sei er zum Beispiel für die doppelte Staatsbürgerschaft und auch nicht gegen die EU, sondern „für eine kleinere Gemeinschaft, so wie früher das Europa der Zwölf“. Und Frankreich solle mehr Autonomie bekommen. Ludovic ist grundsympathisch, sicher kein Fremdenfeind und kein primitiver Anti-Europäer. Er sieht manches skeptisch an der Front, vor allem ihre Vergangenheit: „Mich zieht nichts an am Rassismus“, betont er. „Aber der FN hat sich zu seiner positiven Seite hin entwickelt.“

In diesem Moment beschleicht einen der Gedanke: Wenn so moderate Franzosen sich ihr anschließen, kann Marine Le Pen vielleicht doch die Präsidentschaftswahl gewinnen?

Quelle:  Handelsblatt Online
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