Führungswechsel vor zehn Jahren: Von Castro I. zu Castro II.

Führungswechsel vor zehn Jahren: Von Castro I. zu Castro II.

, aktualisiert 31. Juli 2016, 09:25 Uhr
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Die Castro-Brüder managen die Misere der Insel gemeinsam: Raúl, der Pragmatiker und Fidel, der Ideologe und zum Revolutionswächter konvertierte Revolutionsführer. Das Foto zeigt sie im Jahr 2003.

von Klaus EhringfeldQuelle:Handelsblatt Online

Vor zehn Jahren hat Raúl Castro seinen Bruder Fidel in Kuba abgelöst. Seitdem hat sich in der Wirtschaft viel verändert, viele Tabus wurden gebrochen. Mittlerweile zieht die Insel viele Investoren – trotz Problemen.

Mexiko-StadtAn diesem Abend des 31. Juli 2006 fallen elf Millionen Kubaner zwischen Havanna und Santiago plötzlich in Duldungsstarre. Die Menschen frönen zur besten Sendezeit ihrer geliebten Seifenoper, als um 21.15 Uhr ein ernst dreinblickender junger Mann mit kariertem Hemd und Brille auf dem Bildschirm erscheint. Carlos Valenciaga, persönlicher Sekretär von Präsident Fidel Castro, tritt vor die Kamera und verliest ein Kommuniqué. Der Revolutions- und Staatschef müsse nach fast 48 Jahren seine vielen Ämter aufgrund einer schweren Darm-Erkrankung vorübergehend abgeben.

Der Sekretär betont dabei immer wieder das Wort „provisional“ (vorübergehend). Fidel Castro, der seit 1959 nicht nur entschied, welche Dissidenten festgenommen, sondern auch welche chinesischen Dampfkochtöpfe und Reiskocher angeschafft werden, verschwand von jetzt auf gleich. Das Unvorstellbare war eingetreten. Die wichtigsten Ämter gingen an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl.
Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, und Fidel Castro ist nicht zurück gekommen. Aber er ist immer noch da und wird in zwei Wochen 90 Jahre alt werden.

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Auf dem letzten kommunistischen Posten der westlichen Welt hat sich unter Raúl Castro in den vergangenen zehn Jahren so viel verändert wie in den fast 50 Jahren zuvor nicht. Das System Kuba, eigentlich ein System Castro, hat erstaunliches Überlebenstalent bewiesen. Castro I. und Castro II. managen die Misere der Insel gemeinsam. Raúl, der Pragmatiker und Fidel, der Ideologe und zum Revolutionswächter konvertierte Revolutionsführer.

Der eine entscheidet und reformiert, der andere schreibt im Hintergrund Besinnungsaufsätze, wettert, mahnt und sorgt dafür, dass die Insel ideologisch nicht zu sehr abdriftet. Wie viel Fidel im Hintergrund stoppt oder kritisiert von dem, was sein Bruder verändern will, kann man nur mutmaßen. Aber insbesondere die Annäherung an den Lieblingsfeind in Washington hat Castro I. sehr missfallen.

Ende März, als Raúl Castro US-Präsident Barack Obama auf der Insel empfing, fiel Fidel über den Besucher aus Washington her – mit einer Mischung aus historischer Lehrstunde, Spott und Kritik. Die zentrale Aussage der Fidelschen Worte: Die neue Nähe zum großen Nachbarn ist der falsche Weg. „Wir brauchen keine Geschenke vom Imperium,“ versicherte Castro I.
Nichtsdestotrotz hat Castro II. seit jenem Sommer 2006 nahezu jeden Bereich, der bisher als Tabu galt, reformiert: Die Kubaner dürfen nun Mobiltelefone besitzen, in Hotels schlafen, Häuser und Autos kaufen und verkaufen, auch dürfen sie nun endlich reisen. Der Staat hat allmählich das Informationsmonopol aufgegeben, indem er nun das Internet zulässt. Neben den öffentlichen Hotspots sollen bald sogar daheim die ersten privaten Haushalte an das WorldWideWeb angeschlossen werden. Kuba ist dabei, ein ganz normales Land zu werden.


Hunderttausende Kubaner haben sich selbständig gemacht

Die wichtigsten Veränderungen sind jedoch ökonomischer Natur: Der Staat verzichtet auch in der Wirtschaft auf sein Monopol, hat elf Prozent der Staatsbediensteten entlassen. Hunderttausende Menschen haben sich selbständig gemacht. Selbst US-Unternehmen dürfen jetzt auf der Insel investieren. Auch eine Freihandelszone im Hafen von Mariel nahe Havanna haben die Kubaner eröffnet.

Gleichzeitig kämpft Kuba noch mit mehreren Problemen: Noch immer leiden die Volkswirtschaft und die Menschen unter den Absurditäten einer doppelten Währung, einem konvertiblen und einem nur nationalen Peso. Die „Cuentapropistas“, die Kleinunternehmer, können nicht im Ausland einkaufen, gleichzeitig fehlt ein Großhändlernetz im Land. Investoren, die in die Zuckerindustrie oder den Tourismus investieren wollen, verheddern sich im Bürokratiedschungel. Und ausländische Unternehmer, die schon seit November auf ihre Bezahlung vom Staat warten, wurden aufgefordert, sich noch weiter zu gedulden.

Dennoch geben sich Staatschefs und Minister aus der ganzen Welt inzwischen in Havanna die Klinke in die Hand. Vor US-Präsident Obama waren schon Frankreichs Präsident François Hollande da, und auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warb für deutsche Unternehmen in Havanna.

Politisch tut sich die Insel mit einer Öffnung deutlich schwerer. Zwar ließ Raúl Castro die politischen Ämter künftig auf zehn Jahre begrenzen. Der Staatschef selbst will 2018 abtreten – mit dann 87 Jahren. Allerdings hat der nach dem Obama-Besuch mit Spannung erwartete Kongress der KP im April keine weitere politische Öffnung gebracht.

Der Präsident erteilte insbesondere einem Mehrparteien-System eine Absage: Das Ein-Parteien-System bleibt auf Kuba das Maß aller Dinge. Und die Vorbilder der kubanischen Führung sitzen nicht in Washington, sondern in Asien. Ausdrücklich nannte Castro die kommunistisch regierten, aber marktfreundlich orientierten Staaten China und Vietnam als Vorbild.

Leider ist die Insel aber wirtschaftlich längst nicht so erfolgreich wie die Vorbilder. Noch immer ist Kuba ohne einen großen Sponsor kaum lebensfähig. Früher war es die Sowjetunion, heute ist es Venezuela. Caracas hat aber gerade in den vergangenen Wochen die Öllieferungen so stark zurückgefahren, dass Havanna mitten im Hochsommer ein drastisches Spardiktat verhängt hat. Weniger Benzin, weniger Strom, weniger Klimaanlagen.
Wie wenig die Bevölkerung auf die Reformen des Systems vertraut, zeigen die ständig steigenden Flüchtlingszahlen. Trotz der Öffnung versuchen jeden Monat Tausende Kubaner über die abenteuerlichsten Wege in die USA zu gelangen. Zwischen Juli 2015 und Juli 2016 zählten die US-Behörden 44.353 Migranten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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